Pinkwart in EuskirchenSo sieht das energieautarke Wohnquartier der Zukunft aus

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Dezentrale Stromnetze sind aus Sicht von Wirtschaftsminister Pinkwart (Mitte) und Oliver Knuth (rechts) wichtig.

Dezentrale Stromnetze sind aus Sicht von Wirtschaftsminister Pinkwart (Mitte) und Oliver Knuth (rechts) wichtig.

Euskirchen – Kraftwerk und Wohnquartier in einem. Das, was die Eugebau mit dem Alten Schlachthof vorhat, klingt visionär: Ein vollständig energieautarkes Quartier mit Photovoltaikanlagen auf dem Dach, Elektrolyseuren und Brennstoffzellen, die Strom und Wärme erzeugen. Funktionieren soll das alles mit einem Gleichstromnetz, um so wenig Energie wie möglich zu verlieren. Die Pläne für das sich selbst versorgende Wohnviertel haben Vertreter des Unternehmens dem nordrhein-westfälischen Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart vorgestellt.

„In Euskirchen entsteht das bundesweit erste Wohnquartier, das die Gleichstromtechnik berücksichtigt“, sagt Oliver Knuth, Geschäftsführer der Eugebau. Eigentlich ist die Technik nicht neu. Jede Solarzelle wandelt Sonnenlicht in Gleichstrom um. Durch das öffentliche Stromnetz fließt allerdings Wechselstrom – und jedes Mal, wenn der Strom umgewandelt wird, gibt es Verluste (siehe „Vorteile der Gleichstromtechnik“). Wird also Solarstrom ins öffentliche Netz eingespeist, kommt weniger Strom beim Verbraucher an als die Solarzellen abgeben. Und hier setzt die Eugebau mit ihrer Neuheit an: Die Wandlungsverluste werden mit einem eigenen, dezentralen Stromnetz umgangen.

Besser als Wechselstrom

Vorteile der Gleichstromtechnik

Fließt Strom nur in eine Richtung, wird dieser Strom als Gleichstrom bezeichnet. Demgegenüber steht der Wechselstrom – der Stromfluss ändert in bestimmten Zeitabständen seine Richtung.

Wird Strom umgewandelt, geht Energie verloren. Laut Dr. Rik De Doncker, Direktor des Instituts für Stromrichtertechnik und Elektrische Antriebe an der RWTH Aachen, betragen die Wandlungsverluste zwischen acht und 13 Prozent.

Auch aus juristischer Sicht hat die Gleichstromtechnik für De Doncker einen klaren Vorteil gegenüber dem Wechselstrom. „Jeder darf privat ein Gleichstromnetz aufbauen. Sie dürfen den Strom also mit ihren Nachbarn teilen“, erläutert der Institutsdirektor. (maf)

Energie mit Elektrolyseur als Wasserstoff gespeichert

So wenig Energie wie möglich solle ins öffentliche Netz fließen, sagt Knuth. Stattdessen wird sie mithilfe eines Elektrolyseurs als Wasserstoff gespeichert: „Wir denken Wasserstoff nicht als Gas, das man verbrennt, sondern als Speichermedium.“ Mit seiner Idee stieß Knuth bei Pinkwart auf offene Ohren. Für den Wirtschaftsminister des Landes sind dezentrale Versorgungsnetze wichtig, um den Strukturwandel in der Region zu meistern. „Energie miteinander tauschen – das ist die Zukunft“, sagt Pinkwart.

Laut Melanie Butzke, Prokuristin der Eugebau, entstehen am Alten Schlachthof fünf Mehrfamilienhäuser mit 50 bis 60 Wohnungen und einer Wohnfläche von 3000 Quadratmetern. Außerdem ist eine Verwaltervilla geplant. Alle sechs Gebäude erhalten Solarmodule auf dem Dach, die rund 440 Megawattstunden Strom erzeugen – und damit 267 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr einsparen. So können über Elektrolyseure, Wasserstofftanks und Brennstoffzellen genug Strom, Wärme und warmes Wasser erzeugt werden, um alle Haushalte im Quartier zu versorgen. Sicherheitshalber werde das Quartier aber auch ans öffentliche Stromnetz angeschlossen, erläutert Butzke.

Für das Speichern des Stroms soll ein Elektrolyseur sorgen. Er wandelt den Strom in Wasserstoff um.

Für das Speichern des Stroms soll ein Elektrolyseur sorgen. Er wandelt den Strom in Wasserstoff um.

Euskirchen: Denkmalgeschützter Schlachthof bleibt erhalten

Trotz aller Umbaupläne bleibt der denkmalgeschützte Schlachthof erhalten. Nur ein Teil des Gebäudes müsse zurückgebaut werden, berichtet Geschäftsführer Oliver Knuth. „Wir gehen davon aus, dass der Abrissantrag Ende Februar genehmigt wird.“ Wichtig ist für die Eugebau auch die Entwässerung des Quartiers. „Wir wollen das Regenwasser nicht in den Kanal leiten. Das ist sauberes Wasser, das sich im Kanal nur mit Schmutzwasser vermischen würde“, sagt Knuth. Aktuell würden Alternativen geprüft. „Der Boden ist hier leider nicht so versickerungsfähig wie wir angenommen haben.“ Möglich sei, das Wasser zu sammeln und in die Erft zu leiten.

Um ihre Pläne zu verwirklichen, ist die Eugebau allerdings auf Fördermittel angewiesen. Weil die Maschinen, die das künftige Schlachthof-Quartier versorgen sollen, speziell angefertigt werden müssen, sind die Kosten hoch. Die Eugebau-Prokuristin Melanie Butzke beziffert die Kosten für die Anlagentechnik und somit den Bedarf an Fördermitteln auf etwa fünf Millionen Euro. Allein für die Gleichstromtechnik sind zwei Millionen Euro nötig.

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Ein erster Förderantrag, den die Eugebau bei der KfW stellte, wurde abgelehnt. Die Eugebau will trotzdem einen zweiten Anlauf starten. Ein Hauptargument von Knuth und seinem Team: der Modellcharakter des Projekts. Die Technologie will er für die ganze Wohnungswirtschaft nutzbar machen. Auch das stieß auf das Interesse von Wirtschaftsminister Pinkwart, der versprach, sich beim Bund nach Fördermöglichkeiten zu erkundigen.

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