Der Bau der NS-Anlage Vogelsang war der Anfang vom Ende des Dorfes Wollseifen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mussten der Ort und die Menschen einem Truppenübungsplatz weichen.
20 Jahre ziviles VogelsangDie Erinnerung an die Vertreibung aus Wollseifen tut bis heute weh

In diesen Zweckbauten, von denen bis heute einige in Wollseifen stehen, wurde der Häuserkampf trainiert.
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Christel Küpper braucht keinen Plan, um sich zu orientieren. „Dort stand das Haus meines Großvaters“, sagt die 90-Jährige und zeigt auf eine Stelle mit Gras und Sträuchern. Sie kennt die Namen der damaligen Nachbarn, weiß, wer mit wem verwandt war. Christel Küpper ist eine der Letzten, die noch aus eigener Anschauung erzählen können, wie das damals war. Damals, als die Wollseifener ihr Dorf verlassen mussten. Der Abschied tut bis heute weh.
Das Schicksal Wollseifens ist eine menschenverachtende Volte der Geschichte. Im Zweiten Weltkrieg war der Ort schwer bombardiert worden, Die Nähe zu Vogelsang wurde ihm zum Verhängnis. Dort hatten die Nazis ihre „Ordensburg“ errichtet, um den Führungsnachwuchs der NSDAP ideologisch zu schulen. Im Zweiten Weltkrieg nutzte auch die Wehrmacht das Gelände als Truppenquartier. Damit war die Gegend am Urftsee ins Visier der Alliierten gerückt.
Binnen drei Wochen musste das Dorf geräumt werden
Doch der Krieg war vorbei, die Wollseifener machten sich daran, die Trümmer wegzuräumen, die Häuser wieder aufzubauen. Die Felder wurden bestellt, das Leben verlief fast schon wieder in einigermaßen geregelten Bahnen. Bis zu einem Tag im August 1946.
Christel Küpper erinnert sich, wie nach dem Hochamt in der Kirche St. Rochus ein britischer Offizier kurz und bündig erklärte, dass ihr Heimatort ab dem 1. September Teil eines Truppenübungsplatzes sein würde. Bis Ende August, also binnen drei Wochen, müsse das Dorf geräumt sein. Die Getreideernte konnten die Bauern noch einbringen, im Herbst durften sie ein letztes Mal mit Sondergenehmigung auf ihre Felder, um die Kartoffeln auszumachen.

Ihren Großvater erkennt Christel Küpper sofort, als sie die Fotos in der alten Schule anschaut.
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Sie habe das mit ihren damals elf Jahren nicht verstehen können: „Es hieß, die wollen da Krieg üben. Aber Krieg war doch gerade vorbei.“ Verstehen konnten es wohl auch die Erwachsenen nicht, was da mit ihnen geschah: Vertreibung ein Jahr nach Kriegsende.
Wenn ich in Wollseifen bin, fühle ich mich meinen Vorfahren verbunden.
„Es war eine Umsiedlung“, korrigiert Wilfried Ronig, der mit Christel Küpper zum Gespräch nach Wollseifen gekommen ist. Doch die alte Dame beharrt: „Wir sind vertrieben worden.“ Ronig ist Vorsitzender des Traditions- und Fördervereins Wollseifen, seine Mutter stammt aus dem Ort. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die letzten Gebäude des alten Dorfs zu erhalten, vor allem aber die Erinnerung an die Heimat der Eltern und Großeltern zu bewahren.
Die Ruinen der Kirche und der alten Schule sind heute noch erhalten
Als vor 20 Jahren das Militär – seit 1950 war es das belgische - abrückte, war von Wollseifen nicht mehr viel übrig. Die einstigen Gebäude gab es bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr. Übrig geblieben waren nur die Ruinen der Kirche St. Rochus, das Erdgeschoss der alten Dorfschule, das Wegekapellchen und die Trafostation. Um den Häuserkampf zu üben, waren stattdessen neue Kampfhäuser errichtet worden.

Auf der Gedenktafel am Ehrenmal vor der Kirche ist Christel Küpper als Mädchen zu sehen, links neben der Tafel Wilfried Ronig.
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Ein Ort der Stille ist heute die Kirche St. Rochus. Zeitweise war geplant, dort eine Gedenkstätte einzurichten.
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Noch einmal betritt Christel Küpper die Schule, in der sie als kleines Mädchen unterrichtet worden ist. Es gab nur zwei Klassenräume, die heute zu einem Ort der Erinnerung umgestaltet sind. Zielsicher steuert die 90-Jährige eines der historischen Fotos an, das ihren Großvater zeigt. Sie erinnert sich an die Alarmübungen, bei denen sämtliche Kinder in den Keller mussten. Und an die Zeit, als 1944 die Schule zerbombt und nicht mehr nutzbar war und kein Unterricht mehr stattfand: „Mir war schrecklich langweilig.“
Traditions- und Förderverein Wollseifen richtete alte Schule wieder her
Während die alte Dame die Fotos anschaut und zu fast jedem der Abgebildeten etwas zu erzählen hat, schaut Wilfried Ronig im Gebäude nach dem Rechten. Der Traditions- und Förderverein hat die Schule in Eigenregie wieder hergerichtet. „Wir haben kein Steuergeld bekommen, nur Spenden und Zuwendungen von Stiftungen“, sagt er. Also war Eigenleistung gefragt. Zehn bis zwölf Leute investierten von 2014 bis 2016 insgesamt 1600 Arbeitsstunden.

Auch deutsche Soldaten waren auf dem Truppenübungsplatz Vogelsang. Das Foto zeigt die Reserveübung eines Hildener Bataillons, das 1978 eine Panzeraufmarschstraße bei Wollseifen anlegte.
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Es fällt ins Auge, dass die Fenster nicht bündig in den Öffnungen sitzen, sondern rundherum ein paar Zentimeter Luft lassen. „Das ist wegen der Fledermäuse“, erklärt der Vereinsvorsitzende. Die streng geschützten kleinen Tiere haben Quartier in der alten Schule bezogen, überwintern gern im Keller. Deshalb musste alles so hergerichtet werden, dass sie ein- und ausfliegen können. Von der Schule ist nur das Erdgeschoss wiederhergestellt, nicht aber die Lehrerwohnung, die sich in ersten Stock befand.
Die Kirche wurde vom übenden Militär in Brand geschossen
Die alte Pfarrkirche St. Rochus war 1947, am Fronleichnamstag, bei Schießübungen des britischen Militärs in Flammen aufgegangen. Lediglich die Außenmauern blieben erhalten, vom Turm war nur ein Stumpf übrig. Die Ruine ist schon vor Jahrzehnten durch die belgischen Streitkräfte mit einem Dach gegen den Verfall gesichert worden.
Auch vor dem Friedhof hatten die Panzer der übenden Truppen nicht haltgemacht. 1955 wurden die Toten, es waren rund 150, umgebettet. Viele fanden auf dem Friedhof in Herhahn eine neue Ruhestätte.

Die Gebeine der Verstorbenen wurden 1955 vom Wollseifener Friedhof umgebettet auf den Friedhof in Herhahn.
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Die Kirche – längst entwidmet – ist heute vor dem Verfall gesichert, aber nicht restauriert. Der Innenraum ist karg, die Wände sind größtenteils unverputzt. Ein schlichtes, modernes Holzkreuz, davor drei kleine Kirchenbänke – es ist ein Ort der Stille, in dem Besucher die Eindrücke des verlassenen Dorfs nachwirken lassen können. Drei Glocken hängen mittlerweile in der Kirche in Imgenbroich.
Vor dem Verlassen des Dorfes wurde das Haus noch geputzt
Christel Küpper erinnert sich, dass jemand den Tabernakel in seiner Scheune versteckt hatte. „Die Wollseifener haben vieles verliehen, als sie den Ort verlassen mussten. Sie dachten ja, sie kämen zurück.“ Wie fest sie das glaubten, belegt auch, was der mittlerweile verstorbene frühere Vorsitzende des Fördervereins, Fritz Sistig, vor Jahren erzählt hat. Er war Christel Küpper Bruder, und sie erinnert sich ebenso wie er daran, dass ihr Vater die älteren Töchter angewiesen hatte, das Haus noch zu putzen und den Schlüssel außen auf die Tür zu stecken – für die Rückkehr. 120 Familien mussten sich auf die Suche nach einem neuen Zuhause machen.
Aber wo sollten 550 Männer, Frauen und Kinder unterkommen in den umliegenden Dörfern? Wer hat schon Platz für eine zehnköpfige Familie samt ihrem Vieh? Die Wollseifener waren nicht überall willkommen. „Es gab Nette, aber es gab auch andere“, sagt Christel Küpper. Sie, ihre Eltern und Geschwister kamen schließlich in Herhahn unter, in der Gaststätte Ronig. „Wir haben im Saal geschlafen“, erzählt sie. Ein Drittel des Platzes, der ihnen zu Verfügung stand, sei als Wohnküche genutzt worden, in zwei Dritteln wurde der Laden, den der Vater schon in Wollseifen geführt hatte, wieder eingerichtet.
Selbst die Kühe zog es zurück in das verlassenene Heimatdorf
Das Heimweh blieb. „Vom Speicher konnte man bis nach Wollseifen schauen. Manchmal kam meine Mutter herunter und hatte verweinte Augen“, erzählt die Seniorin. Weil zum neuen Heim kein Land gehörte, musste die kleine Christel die Kühe auf entfernte gelegene Wiesen treiben. Eines Tages war das Vieh verschwunden, das Kind fand es schließlich im vertrauten Stall in Wollseifen: „Selbst die Kühe hatten Heimweh.“
Auch wenn die Zahl derer, die tatsächlich Heimweh nach Wollseifen haben, naturgemäß abgenommen hat – die Verbundenheit mit dem Dorf lebt weiter. Das zeigt sich jedes Jahr am Rochustag. Solange das Dorf im Sperrgebiet lag, wichen die Wollseifener nach Herhahn aus. Mittlerweile treffen sie sich wieder in ihrem Dorf.
Befürchtungen, dass mit den letzten Menschen, die in Wollseifen großgeworden sind, auch die Erinnerung an den Ort stirbt, hat Christel Küpper nicht. Sie zitiert ihre Tochter, die sage: „Wenn ich in Wollseifen bin, fühle ich mich meinen Vorfahren verbunden.“
Die Serie erzählt die Geschichte der Konversion
Die Serie erzählt die Geschichte der KonversionVogelsang blickt auf eine bewegte Geschichte zurück: Von den Nationalsozialisten als Kaderschmiede geplant und gebaut, war das Areal mit den wuchtigen Gebäudekomplexen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs jahrzehntelang militärisches Sperrgebiet. Zunächst wurde es von den Briten, dann von den Belgiern als Truppenübungsplatz genutzt.
Den Eifelern war es nahezu ausschließlich bei Besuchertagen zugänglich. Seit dem 1. Januar 2006 ist Vogelsang wieder zivil. In dieser Serie beleuchten wir die militärische Zeit ebenso wie das gerade in den 1990ern erstarkende Bemühen um den Abzug der Soldaten und den Konversionsprozess, der mit dem Heben des Schlagbaums begann.


