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Schon drei Geflüchtete betreutPflegemutter aus Bergneustadt kümmert sich um Mohammed

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Ute Wähner mit ihrem Pflegesohn Mohammed. 

Bergneustadt – Wenn es bei Ute Wähner Rouladen mit Rotkohl und Knödeln gibt, dann piekt Mohammed Amin erst einmal mit der Gabel vorsichtig hinein. Lieber würde er Couscous essen, gewürzt mit viel scharfer Harissa, aber das würde seiner Bergneustädter Pflegemutter die Tränen in die Augen treiben. Noch findet der 16-Jährige alles ziemlich befremdlich hier: Die winterliche Dekoration mit überlebensgroßem Bambi im wattigem Kunstschnee im Flur, die überquellenden Supermärkte, die Menschen. „Aber das wird sich ändern!“ Da ist Ute Wähner zuversichtlich.

Seit November lebt der junge Tunesier, der als unbegleiteter Minderjähriger nach Deutschland kam, bei ihr. Die 64-Jährige hat bereits Erfahrung: Amin ist schon der dritte Jugendliche, um den sie sich bis zu seiner Volljährigkeit kümmert. Das bringt Leben ins Haus, das ihr nach dem Tod ihres Mannes viel zu groß geworden war. „Es tut mir gut, nicht immer in den alten Bahnen zu verharren, sondern mich auf Neues einzustellen“, sagt die Rentnerin, die früher als Hauswirtschafterin in einem Kinderheim gearbeitet hat. „Allein die total unterschiedlichen Kulturen sind interessant.“

Mit Händen und Füßen und Übersetzungsprogramm

Da war erst der Kurde Samir, dann Fazar aus Afghanistan. Und jetzt Amin, mit dem sie sich nur mit Händen, Füßen oder per Übersetzungsprogramm auf dem Handy verständigen kann. Damit er möglichst schnell Deutsch lernt, kauft sie mit ihm zusammen ein, spielt mit ihm Gesellschaftsspiele. Erkundigt sich beim Boxring in Bergneustadt, ob er dort trotz Corona trainieren kann, „er braucht ja den Kontakt zu anderen Jugendlichen.“ Drei Mal in der Woche besucht Amin einen Deutschkurs und wartet sehnsüchtig darauf, dass er wieder zur Schule gehen kann, danach möchte er Automechaniker werden.

Betreut wird der 16-Jährige im Auftrag des Kreisjugendamts vom Wiehler Jugendhilfeträger „Sozialraummanagement“. Geschäftsführer Jörg Decker erläutert das Verfahren: „Wir gucken erst einmal bei jedem Jugendlichen: Wo passt er hin, wie ist sein Bildungsniveau? Manche sind ja auch Analphabeten. Ist er Berufsschulpflichtig, kann er in Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit in eine Ausbildung vermittelt werden?“ Rund 60 minderjährige Geflüchtete haben Decker und sein Team in den vergangenen Jahren begleitet, „heute sind alle in Arbeit, keiner ist auf Sozialtransferleistungen angewiesen, einige haben Familien gegründet.“

Ute Wähner: „In Zukunft gibt es Butterbrot und Schluss!“

Ute Wähners ehemalige Schützlinge melden sich regelmäßig bei ihr, dann werden manchmal Erinnerungen an turbulente Zeiten wach. Etwa, als bei der gut gemeinten Hilfe im Garten ihr prachtvoller Buchsbaum völlig verstümmelt wurde. Oder als morgens um 5 Uhr in der Küche aus allen Töpfen orientalische Gewürzschwaden waberten, weil Fazar aus Afghanistan sich Essen für die Schule zubereiten wollte. „Da hab ich ihm gesagt: In Zukunft gibt es Butterbrot und Schluss!“ Heute lacht sie darüber.

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Natürlich gebe es manchmal auch ernstere Probleme, räumt sie ein. Heimweh, Nachwirkungen von belastenden Erlebnissen auf der Flucht, schlechte Schulleistungen, einmal eine Anzeige wegen Schwarzfahrens. „Manchmal ist es eine Herausforderung. Aber ich bekomme jederzeit Unterstützung von den Sozialarbeitern vom Sozialraummanagement.“

Schließlich sei ja auch mancher deutsche Junge in dem Alter nicht einfach, schmunzelt die Mutter eines erwachsenen Sohnes. Am Ende überwiege die Freude. „Es ist immer wieder spannend. Diese Jugendlichen wie Amin sind es einfach wert, dass ihnen geholfen wird!“