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„Es ist schon grenzwertig“So appelliert Landrat Hagt an die Disziplin der Oberberger

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Landrat Jochen Hagt

  1. Über 330 neue laborbestätigte Fälle seit vergangenen Mittwoch: Die Corona-Pandemie ist auch im Oberbergischen vor allem in der vergangenen Woche zu einer echten Welle geworden.
  2. Lässt sich dieser Ausbruch überhaupt noch kontrollieren?
  3. Darüber sprach Frank Klemmer mit Landrat Jochen Hagt als Leiter des Krisenstabes.

OberbergHerr Landrat, wie ernst ist die Lage im Oberbergischen?Die Lage ist natürlich ernst. Die Sieben-Tage-Inzidenz der laborbestätigten Fälle ist in der vergangenen Woche ständig gestiegen. Außerdem merken wir, dass immer mehr Menschen im Krankenhaus behandelt werden müssen. Damit steigt auch der Prozentsatz derer, die auf die Intensivstationen müssen.

Eine ganze Reihe von Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert-Koch-Institut angezeigt, dass sie überlastet sind. Gehört Ihr Gesundheitsamt dazu?

Nein, wir gehören bisher nicht dazu, aber auch unsere Mitarbeiter sind massiv belastet. Es wird immer schwerer, die Infektionsketten noch zurückzuverfolgen. Inzwischen können wir in Oberberg in zwei Dritteln der Fälle nicht mehr zuordnen, wo sich jemand angesteckt hat. Die steigenden Fallzahlen machen das nicht leichter. Dazu muss man wissen, dass hinter jedem positiv Getesteten etwa 10 bis 20 Kontaktpersonen stecken, die wir erreichen müssen, um zu beurteilen, ob sie in Quarantäne und zum Test geschickt werden müssen. Bei 100 Fällen am Tag sind das täglich 1000 bis 2000 Menschen.

Am Freitag haben Sie verfügt, dass jeder, der positiv getestet wurde, in Quarantäne gehen soll, auch wenn es ihm keiner sagt. Es klingt wie eine Selbstverständlichkeit. Warum ist es das nicht?

Tatsächlich gibt es inzwischen viele Menschen, die auch ohne das Gesundheitsamt von einem positiven Test wissen. Wenn die nicht erst darauf warten, bis wir eine Quarantäne anordnen, sondern unmittelbar dazu verpflichtet sind, dann kann uns das vor allem eines verschaffen: Zeit.

Halten sich die Menschen denn an die Vorgaben? Wie ist Ihr Eindruck von den Oberbergern?

Zunächst einmal bin ich sehr froh, dass die Masse der Bevölkerung mitmacht. Natürlich gibt es diejenigen, die sich über die ganzen Vorgaben ärgern. Es ist ja eine besondere Situation, in der wir uns befinden.

Solche Einschränkungen von Freiheit hat man seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt. Und: Ja, Masken können auch unangenehm sein. Aber ich trage sie trotzdem auch den ganzen Tag.

Hinzukommt jetzt dann auch noch der Teil-Lockdown . . .

Ich kann die Wirtschaft verstehen, vor allem die Gastronomen, die das als einseitig wahrnehmen. Umso mehr hoffe ich, dass die geplanten Maßnahmen der Bundesregierung das auch wirklich abfedern. Trotzdem: Es muss jetzt sein. Wir brauchen den Effekt, dass der Teil-Lockdown den Anstieg der Fallzahlen stoppt. Deshalb appelliere ich noch mal eindringlich, hier diszipliniert mitzuwirken.

Wie erklären Sie sich, dass es auch hier plötzlich so schnell geht?

Ich bin kein Infektiologe, aber wir merken hier, dass die Übertragung des Virus zunehmend in die Fläche gegangen ist. In Bereiche, wo wir es mit Abstand und dem Tragen der Maske nicht mehr so genau genommen haben: in der Familie, im Sport, bei sonstigen privaten Kontakten. Und dann ist es die Vielzahl der Fälle, die sich weiter potenziert. Wenn dieser Anstieg der Fallzahlen so weitergeht, ist irgendwann Schluss. Dann verlieren auch wir im Oberbergischen die Kontrolle.

Sind Sie nicht vielleicht sogar schon einen Schritt weiter? Haben Sie überhaupt noch die Kontrolle? Oder ist es im Oberbergischen Kreis schon ein Flächenbrand, der sich nicht mehr aufhalten lässt?

Das Gesundheitsamt arbeitet, auch mit der großen Unterstützung aus anderen Ämtern des Kreises und von der Bundeswehr, jetzt schon an der Grenze – zum Teil auch schon darüber hinaus. Wir sind außerdem froh, dass es die Polizei gibt und die Unterstützung aus den Ordnungsämtern der Kommunen. Ohne Kontrollen machen schließlich alle unsere Verordnungen keinen Sinn. Dennoch: Die Belastung ist außerordentlich. Das heißt konkret zu Ihrer Frage: Ja, es ist jetzt schon grenzwertig.