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LesungNS-Verbrechen als Thema am Lindengymnasium Gummersbach

3 min
Das Foto zeigt Lorenz Hemicker auf der Bühne der Aula des Lindengymnasiums.

Lorenz Hemicker las im  Lindengymnasium aus dem Buch "Mein Großvater, der Täter". 

Wie lässt sich NS-Geschichte vermitteln? Am Montag war Lorenz Hemicker am Gummerbacher Lindengymnasium zu Gast, er las aus seinem Buch "Mein Großvater, der Täter".

Wie geht man damit um, wenn man erfährt, dass der eigene Großvater ein NS-Massenmörder war? Einer, den dies betrifft, ist FAZ-Redakteur Lorenz Hemicker, geboren 1978 in Gummersbach. Am Montagmittag war er zu Gast im Lindengymnasium, um aus seinem 2025 erschienenen Buch „Mein Großvater, der Täter“ zu lesen. Rund 260 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen zehn bis zwölf folgten der Lesung aufmerksam.

Ernst Hemicker aus Kierspe – eben jener Großvater – war Mitglied der NSDAP und der SS gewesen. Als Bauingenieur hatte er in Rumbala, vor den Toren der lettischen Hauptstadt Riga, planmäßig Gruben anlegen lassen: ein Massengrab für mehr als 27.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder, die Ende 1941 vor Ort von SS-Mannschaften und Hilfskräften erschossen wurden. Offiziere wie Ernst Hemicker überwachten das Massaker.

Mord im Akkord

Wie dieser „Mord im Akkord“ ablief, das hat sein Enkel rekonstruiert, es schmerzhaft genau beschrieben und diese zentrale Stelle des Buchs vorgelesen. Danach herrschte erst einmal Schweigen.

In zwei Runden stellten die Jugendlichen Fragen. „Wie konnten Sie das so genau aufarbeiten?“, wollte ein Schüler wissen. Hemicker erläuterte sein Vorgehen: Es gibt umfangreiche Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Hamburg, ein wissenschaftliches Standardwerk zum Holocaust in Lettland und schließlich Ernst Hemickers Aussagen aus Vernehmungen.

Plötzlich kam ein Brief der Staatsanwaltschaaft

Lorenz Hemicker hat seinen Großvater nie kennengelernt, dieser ist bereits 1973 verstorben. Aber er hat hautnah miterlebt, wie dessen Verbrechen seinen Vater Peter – Ernst Hemickers Sohn – erst schockiert und dann traumatisiert haben.

Lorenz Hemicker las aus seinem Buch jene Stelle vor, die von dem Schreiben der Staatsanwaltschaft berichtet, das im Januar 1969 ins Haus flatterte. „Beihilfe zum Mord“ hieß es dort. Ein Horror für die Familie. Auch dazu hatten die Jugendlichen Fragen. Lorenz Hemicker nahm sich viel Zeit, erläuterte, wie die Angehörigen eine Legende strickten, um Ernst Hemickers Beteiligung am Massenmord zu relativieren. Doch mit dieser Legende hat der Enkel in seinem Buch aufgeräumt.

Schüler haben viele Fragen

„Hatte ihr Opa überhaupt eine Wahl? Wäre er erschossen worden, wenn er sich geweigert hätte?“, wollte ein Schüler wissen. „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass es keinen einzigen Fall gab, in dem ein SS-Aufseher erschossen worden ist“, antwortete der Autor. Aber es habe sozialen Druck gegeben.

Hemicker zog eine Parallele zu Gegenwart. „Wenn auf einer Oberstufenfete jemand eine ausländerfeindliche Bemerkung macht – wie verhalte ich mich? Sage ich nichts, weil ich nicht die gute Stimmung ruinieren will? Oder sage ich: Ich sehe das anders! Für mich kann ich sagen, dass ich in solchen Situationen zu oft geschwiegen habe. Ich appelliere an Euch – macht den Mund auf.“

Zum Schluss der eineinhalbstündigen Lesung gab es viel Applaus. Hermann Menn (18) der zusammen mit Leonie Ising (17) die Veranstaltung moderiert hatte, bedankte sich bei Lorenz Hemicker im Namen der Schülerschaft.

Der hatte seinerseits etwas mitgebracht: ein altes Schulheft mit Aufzeichnungen von Ernst Hemicker aus seiner Schulzeit an der Oberrealschule Gummersbach, einem Vorläufer des heutigen Lindengymnasiums. Dieses Heft, dass kürzlich bei Abrissarbeiten in Kierspe gerettet wurde, soll an das Gummersbacher Stadtarchiv übergehen.

Am Montagabend fand im Lindenforum eine weitere Lesung statt, organisiert von der Demokratiekirche Oberberg und der Oberbergischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit.