TrauerrednerinReichshoferin Christel Wick findet in der Krise richtige Worte

Seit dem plötzlichen Tod ihres Mannes ist Christel Wick noch sensibler für die Bedürfnisse von Hinterbliebenen.
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Volkenrath – „Mein inneres Bild vom Leben ist das Meer“, sagt Christel Wick aus Volkenrath. Als freie Trauerrednerin begleitet sie Hinterbliebene in den schweren Stunden nach dem Tod eines Angehörigen. „Das Meer ist immer in Bewegung. Es spült ständig Wellen der Gefühle an den Strand. Wenn ich alle diese Gefühlswellen kommen und wieder zurückfluten lasse, ist mein Leben im Fluss.“
Ebenso wellenförmig verlaufe der Trauerprozess. Scheinbar längst „abgearbeitete“ Gefühle tauchten unvermutet wieder auf. „Alle diese Empfindungen dürfen sein“, ermutigt die 68-Jährige. „Wenn ich mir ein Gefühl verbiete, das in mir ist, dann schneide ich es ab.“ Unterdrückte Ängste und Trauer könnten so größer werden. „In schwierigen Situationen ist es gut, wenn wir begleitet werden.“ Dabei sei wichtig, mit jemandem reden zu können, der einen nicht direkt bewerte. So könne ein Prozess des Trauerns beginnen, der in ein neues Vertrauen in das Leben mit all seinen Licht- und Schattenseiten münde.
Wick erkrankte vor 20 Jahren an Krebs
Christel Wick hat keine Ausbildung zur Trauerrednerin gemacht, sondern durch Erfahrung zu ihrer Berufung gefunden. Sie selbst sei vor gut 20 Jahren an Krebs erkrankt. Als dann eine Freundin an Krebs starb, die sie lange begleitet hatte, haben deren Töchter sie gebeten, ein paar Worte am Grab zu sagen: „Das war meine erste Trauerrede.“ Dabei habe sie erfahren, wie erfüllend es ist, andere Menschen in einer solchen Lage zu begleiten. Danach sei der Entschluss gefallen, sich bei Bestattern als Trauerrednerin vorzustellen.
Seit 2004 ermutigt sie Angehörige, sich würdevoll zu verabschieden und sich nicht vom Schmerz niederdrücken zu lassen. So sei es vorteilhaft, beim Trauergespräch nicht nur mit den engsten Verwandten, sondern auch mit Freunden und Bekannten zu reden, um ein rundes Bild vom Leben des Verstorbenen zu bekommen. „Wenn ich die Hinterbliebenen besuche, treffe ich oft auf große Sprachlosigkeit und Fassungslosigkeit.“ Dann lasse sie die Menschen erst einmal erzählen – auch über das, wofür sie anfangs keine Worte gefunden haben. „Besonders achte ich auf das Leuchten in den Augen, wenn sie von schönen Erinnerungen berichten.“
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Bei der Trauerfeier lässt Wick viel individuellen Gestaltungsraum. Kerzen haben für sie dabei eine besondere Bedeutung: „Manchmal bringen die Kinder und Enkel eigene Kerzen mit, entzünden sie an der Trauerkerze und nehmen das Licht anschließend mit nach Hause.“
Stille, Gedanken, Klangschale
Während der Trauerrede lässt sie das Leben des Verstorbenen noch einmal Revue passieren und leitet einen Moment der Stille etwa mit den Fragen ein: „Was hat er mir bedeutet? Was hat sie mir Wesentliches mitgegeben? Wovon bin ich enttäuscht?“ Eine Klangschale beendet das stille Andenken: „Ihr könnt auch jetzt noch vergeben oder um Vergebung bitten.“
Eine besondere Unterstützung sei notwendig, wenn ein Mensch seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hat: „Die Angehörigen sind meist fassungslos und geben sich selbst die Schuld an dem Tod. Viele sind auch stark traumatisiert, weil sie den Toten gefunden haben.“ Dann helfe ihr der Glaube als Wurzel ihrer Hoffnung. Plastisch beschreibt sie Trost im Erleben der Natur: „Die Seele braucht Bilder.“
Bei Spaziergängen in Oberberg fängt sie gern besondere Lichtstimmungen fotografisch ein. Bewegend sei der Kontakt zu einem nicht religiösen Trauernden gewesen: „Wenn Sie zu einem Gott beten, der mich nicht verurteilt, dann wünsche ich mir ein Gebet zu diesem Gott“.
Auch nach der Beisetzung lässt die Trauerrednerin die Hinterbliebenen nicht allein: „Mir liegt es am Herzen, dass die Menschen nicht einsam bleiben.“ In der Regel besucht sie diese ein paar Wochen später, um zu hören, wie es ihnen ergangen ist. Oder sie kommen zu ihr in den ruhigen Garten, in dem Sitzecken zu Gesprächen einladen.
In die Vorbereitung von Trauerrede und Trauerfeier investiert Christel Wick viel Zeit: „Der letzte Abschied ist etwas Einmaliges. Der lässt sich später nicht mehr nachholen und soll für die Angehörigen in guter Erinnerung bleiben.“ Nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemannes im Frühjahr habe Trauer für sie eine weitere Qualität gewonnen: „Ich bin noch sensibler für die Bedürfnisse der Hinterbliebenen in der kurzen Zeit zwischen Sterben und Beisetzung.“ Bei aller Trauer sei sie heute dankbar für diese Erfahrung, die sie weitergeben möchte: „Wenn wir ins Grab schauen, wenden wir uns ganz bewusst dem Tod zu und wenn wir uns umdrehen, ist es wichtig, sich wieder dem Leben zuzuwenden.“

