Vor mehr als 700 Jahren machten sich Kirchenmaler in Marienhagen einen Effekt des Sonnenstands am 24. Juni zunutze.
JohannistagSonne lässt Wiehler Heiligenbild erstrahlen

Im vergangenen Jahr hat Horst Rau ein Foto vom angestrahlten Johannes aufgenommen.
Copyright: Horst Rau
Nein, ein Wunder ist es nicht, nur Astronomie. Alle Jahre wieder am Abend des 24. Juni, also am Johannistag, setzt die Sonne zwischen 18 und 20 Uhr durch das Fenster über der Kanzel einen Spot auf das Bildnis des Apostels Johannes. Sofern das Wetter mitspielt, erstrahlt die Wandmalerei in der evangelischen Kirche von Wiehl-Marienhagen, als wollte der liebe Gott den Kirchenbesuchern einen Hinweis geben.
Nun handelt es sich bei dem Johannes, der an diesem Tag geehrt wird, eigentlich um Johannes den Täufer. Und der ist nicht zu verwechseln mit Johannes dem Apostel, der in Marienhagen Erleuchtung erfährt. Wegen des eindrücklichen Effekts haben die Kirchenmaler es damals aber offenbar nicht so genau genommen.
Johannes hat besondere Bedeutung für Marienhagen
Allemal hat der eine Johannes für die Marienhagener Kirche eine besondere Bedeutung: Der Täufer stand Pate für den Johanniterorden. Und dieser wiederum war es, der um 1300 die Kirche gründete, damals natürlich als katholisches Gotteshaus. Um 1310 entstanden die Freskenmalereien. Damals muss den Malern das Phänomen ins Auge gefallen sein, so dass sie das Wandbild des Johannes in genau dieser Position anbrachten.
Die Apostelreihe befindet sich in der mittleren Ebene der Apsis. Die Freskenmaler haben die griechisch-byzantinische Ordnung gewählt, die aus acht Aposteln und den vier Evangelisten besteht. Und in dieser Ordnung ist der Apostel Johannes an der siebten Stelle dargestellt, so dass er am Johannistag leuchten kann. In anderen Reihenfolgen steht Johannes an der vierten Stelle, also weiter links. So kann man es im Marienhagener Kirchenführer nachlesen.

In der Apsis der Marienhagener Kirche bewundern (v.l.) Erwin Otto, Horst Rau und Michael Kunz die gotischen Fresken.
Copyright: Kirchenkreis An der Agger
Michael Kunz findet es „bemerkenswert, dass die Reihenfolge der Figuren so gewählt wurde, das am Johannistag der Johannes erstrahlt“. Als Beauftragter des Kirchenkreises hat er die Gemeinde ein Jahr lang in der Zeit der Pfarrvakanz unterstützt. Als Kunz von dem Phänomen erfuhr, schlug er vor, die Johanniserscheinung mit einer Andacht zu würdigen.
Der Lichteffekt sei schon lange bekannt gewesen, sagt der Marienhagener Horst Rau. Er selbst sei vom damaligen Pfarrer und Superintendenten Jürgen Knabe darauf aufmerksam gemacht worden, als sie gemeinsam an einer Neuauflage des Kirchenführers arbeiteten. In den vergangenen Jahren haben sich dann immer einige wenige Eingeweihte getroffen, um das Schauspiel zu bewundern, berichtet Rau. „Wenn man dafür empfänglich ist, ist es schon beeindruckend.“
Zum ersten Mal lädt die Kirchengemeinde Marienhagen-Drespe in diesem Jahr offiziell zu einer Andacht ein. Mit dabei sein wird auch der neue Pfarrer Erwin Otto, der am 1. Juni seinen Dienst in Marienhagen angetreten hat.
Marienhagen hat eine der „bunten Kirchen“
Otto wird künftig in einem kulturhistorisch bedeutenden Gebäude predigen. Die Kirche in Marienhagen ist eine der fünf „bunten Kirchen“ in Oberberg. Wie Rau und Knabe im Kirchenführer erläutern, sollten die Fresken, die vor mehr als 700 Jahren in den noch nassen Wandputz gemalt wurden, die Menschen zur Verehrung und Anbetung aufrufen und ihnen die Bibel in Bildern verständlich machen.
Die Wandmalereien wurden von einer Kölner Malerschule angefertigt, deren späteres Wirken auch im Dom anzutreffen ist. Sie zeigen in der unteren Ebene Szenen aus dem Leben Jesu und Mariens, in der Mitte den Apostelzyklus und in der Gewölbezone die Krönung von Maria zur Himmelskönigin, der Frau also, die dem Ort seinen Namen gab. Später fielen die Malereien dem calvinistisch-reformierten Bildersturm zum Opfer. Zwischen 1620 und 1630 übertünchte man die Ausmalung.
Erst 1907 wurden die Fresken im Zuge von Umbau- und Restaurierungsarbeiten wiederentdeckt. Der Kölner Kirchenmaler Anton Bardenhewer legte sie frei und ergänzte sie dem damaligen Geschmack folgend. Im Jahr 1959 wurden diese Ergänzungen auf Initiative des Landeskonservators wieder entfernt, so dass heute ausschließlich die Originale von 1310 zu sehen sind.
Zum ersten Mal lädt die evangelische Kirchengemeinde Marienhagen-Drespe in diesem Jahr zu einer Andacht am Johannistag ein. Am heutigen Mittwoch, 24. Juni, 17.30 Uhr gibt es ein kurzes Programm, kündigt Horst Rau an: „Wir werden zusammenkommen, Orgelmusik hören und den Johannes ansehen.“
Der Täufer und der Apostel
Bei dem Johannes, der am Johannistag geehrt wird, handelt es sich eigentlich um Johannes den Täufer – und der ist nicht zu verwechseln mit Johannes dem Apostel. Ersterer hat Jesus getauft, zweiterer gehörte zu Jesu Gefolge, gilt laut Neues Testament sogar als dessen Lieblingsjünger und traditionell als Verfasser des vierten Evangeliums. Der Gedenktag des Apostels Johannes wird in der katholischen, anglikanischen und vielen protestantischen Kirchen am 27. Dezember gefeiert. An diesem Wintertag ist anders als am Johannistag eher nicht damit zu rechnen, dass ein Sonnenstrahl den Kirchenraum erstrahlen lässt.
