Der Verein kämpft für den Erhalt historischer Bausubstanz im Wipperfürther Zentrum.
Wichtige HistorieWipperfürther Heimat- und Geschichtsverein kritisiert Abrisspläne der Stadt

Das Haus Gaulstraße 11 soll abgerissen werden.
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Seit seiner Gründung vor 45 Jahren setzt sich die Heimat- und Geschichtsverein Wipperfürth (HGV) für den Erhalt historischer Bausubstanz in der Stadt ein. Einige bedeutsame Häuser, die vom Abriss bedroht waren, konnten so gerettet werden. Jetzt schlägt der Verein erneut Alarm. In der jüngsten Ausgabe der „Wipperfürther Vierteljahresblätter“ (Nummer 182) macht Erich Kahl, der 1. Vorsitzende und Motor des Vereins, auf den drohenden Abriss mehrerer stadtgeschichtlich wichtiger Bauten aufmerksam. „Man sollte sich nicht auf Unkenntnis berufen dürfen, wenn in Wipperfürth wieder einmal ein Stück Historie geopfert wird“, schreibt Kahl.
An erster Stelle steht dabei das Haus Gaulstraße 11, das für den Bau eines neuen Kreisverkehrs weichen soll. Wie Kahl recherchiert hat, wurde das Haus um 1910 als Wohnhaus des Bauunternehmers Josef Kern errichtet. 1913 bezog der neue Kreisarzt Dr. Artur Suessmann zusammen mit seiner Familie das Haus Gaulstraße 11. Er und seine Frau Else waren vor ihrer Eheschließung vom jüdischen zum christlichen Glauben konvertiert. 1921 wurde der Mediziner zum neuen Kreismedizinalrat in Siegen berufen.

Auch das Postamt, erbaut 1906, könnte dem Bagger zum Opfer fallen.
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Als die NSDAP 1933 an die Macht kam, wurde Suessmann wegen seiner jüdischen Abstammung entlassen, der Staat entzog ihm seine Approbation. Als 1942 die Deportation drohte, beging das Ehepaar Selbstmord. Seit 2009 erinnern in Siegen zwei Stolpersteine an ihr furchtbares Schicksal. In seinem Artikel ruft Kahl dazu auf, das ehemalige Suessmann-Haus als „unmittelbar erlebtes Mahnmal“ wider den NS-Terror zu erhalten.
Konkrete Abrisspläne gibt es auch für die ehemalige Gaststätte Schmitz am Wipperhof, ein altes Fachwerkhaus aus dem 19. Jahrhundert. Die Stadt hatte das Haus vor rund zehn Jahren gekauft und nutzt es seitdem als Unterkunft für Geflüchtete und Obdachlose. Weil sich das Haus in einem baulich sehr schlechten Zustand befindet – unter anderem sackt der Boden im Erdgeschoss ab – will die Stadt das Gebäude durch einen Neubau ersetzen.
Man sollte sich nicht auf Unkenntnis berufen dürfen, wenn in Wipperfürth wieder einmal ein Stück Historie geopfert wird.
Auch dem ehemaligen Kaiserlichen Postamt an der Bahnstraße droht der Abriss, wenn auch nicht sofort. Das imposante Gebäude wurde 1906 als repräsentativer Bau im späthistoristischen Heimatstil errichtet. Die Stadt nutzt dieses Gebäude ebenfalls als Unterkunft für Geflüchtete. Falls der Neubau am Wipperhof kommt, gibt es seitens der Stadt Überlegungen, das ehemalige Postamt abzureißen und das Grundstück für den Bau von dringend benötigtem Wohnraum zu nutzen.
Vor der Entscheidung über einen möglichen Abriss dieses Hauses muss die Untere Denkmalbehörde der Stadt beteiligt werden. Wie Sylvia Mehlhorn als Leiterin der Bauaufsicht – dort ist die Untere Denkmalbehörde angesiedelt – und Anna Blumberg als Sachbearbeiterin erläutern, sind die Möglichkeiten der Behörde allerdings begrenzt, vor allem dann, wenn ein Haus nicht unter Denkmalschutz steht. Maßgeblich sind die gesetzlichen Vorgaben des Denkmalschutzgesetzes, die fachliche Einstufung – dabei hilft die Expertise des Landschaftsverbandes – und die Dokumentation der Ortsgeschichte, die mit Unterstützung des HGV geschieht. Erst vor kurzem war der Landeskonservator wieder einmal in Wipperfürth, um sich selbst ein Bild zu machen.
Kniffelig ist die Situation beim ehemaligen Kolpinghaus an der Hochstraße, das an das Rathaus grenzt. Denn die Wipperfürther Altstadt bildet einen eigenen, geschützten Denkmalbereich. Die Verwaltung will auch dieses Gebäude abreißen lassen. Ein Neubau könnte dann mit der historischen Fassade verblendet werden, eine Lösung, für die sich auch der HGV stark macht.
Für den „Rückbau“ des Gebäudes – so die offizielle Sprachregelung – muss zunächst der bauliche Ist-Zustand des Kolpinghauses ausführlich dokumentiert werden. Die entsprechende Erlaubnis hat die Stadt beantragt bei der Unteren Denkmalbehörde beantragt, sie wurde aber noch nicht erteilt.
Kreuzung in Wipperfürth soll zum Kreisverkehr werden
Die Kreuzung Gaulstraße/Ringstraße ist ein Nadelöhr. Vor allem im morgendlichen Berufsverkehr kommt es zu Staus. Für den geplanten Umbau der Kreuzung in einen Kreisel hat die Stadt drei Varianten von einem Fachbüro prüfen lassen. Die Planungen basieren auf einer Untersuchung der Verkehrsströme. Die gewählte Variante sei die leistungsfähigste, was die Menge des Verkehrs angehe, erläutert Joana Lurz, Sachbearbeiterin Verkehr und Mobilität. bei der Stadt. „Und es ist die einzige Variante, die die Zustimmung von Straßen.NRW erhalten hat.“

Für den Bau des Kreisels will die Stadt die beiden Häuser Gaulstraße 9 und Gaulstraße 11 abreißen lassen.
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Lurz erläutert auch, warum es aus Sicht der Stadt keine Alternative zum Abriss der Häuser Gaulstraße 9 und 11 gibt. Eine Verschiebung des Kreisels in Richtung des Grundstücks Gaulstraße 9 – wie von Erich Kahl vorgeschlagen – schaffe neue Probleme. Denn dann könne man vor der gegenüberliegenden Apotheke keinen normgerechten Bürgersteig mehr erstellen. Der Platz des Grundstücks Gaulstraße 11 würde außerdem benötigt, um zuzüglich zum geplanten Kreisel noch Bürgersteige, Fußgängerüberwege und gegebenenfalls Radwege zu errichten.
Ein kleinerer Kreisel scheide wegen der Schleppkurven aus. „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir hier, auch aufgrund der unmittelbaren Nähe zum Busbahnhof, viel Schwerlastverkehr haben“, sagt Joana Lurz von der Stadt.
