Kein Umdenken bei der Politik im Stadtrat. Komplettsanierung des Q1-Gebäudes auf dem Quirlsberg wäre zu teuer.
Bergisch GladbachProtest der Pfadfinder gegen Aufgabe des Jugendzentrums findet kein Gehör

Mit Protestplakaten sind Jugendliche vor das Rathaus in Bensberg gezogen.
Copyright: Uta Böker
„Brett vorm Kopf“, steht auf den Plakaten, und „Unser Heim ist unbezahlbar“. Die Demonstration der Pfadfinder des Stamms Folke Bernadotte vor dem Bensberger Rathaus ist lautstark und eindringlich. Denn sie kämpfen um den Erhalt des Q1-Gebäudes auf dem Quirlsberg als zentralen Ort für die Jugendarbeit in Bergisch Gladbach. Kurz vor der Ratssitzung am Dienstag versuchen sie, die Politik doch noch zum Umdenken zu bewegen.
Sarah sagt: „Seit ich sieben bin, bin ich bei den Pfadfindern. Mir bedeutet der soziale Aspekt sehr viel. Wir helfen Familien, die nicht viel Geld haben, dass ihre Kinder auf Freizeiten mitkommen können.“ Das neue Haus, in das die Pfadfinder einziehen sollen, liege an einer viel befahrenen Straße und sei zudem viel zu klein als Jugendquartier, betont die 21-Jährige.
In den Neubau soll auch das Kindergartenmusum ziehen
Leon, Mitglied seit 2006, kritisiert das Tempo, mit dem die Aufgabe des Q1-Gebäudes forciert werde. „Unsere Argumente sind überhaupt nicht gehört worden. Wir hatten der Stadt sogar angeboten, einen Verein zu gründen, um die Trägerschaft zu übernehmen. Darauf ist nie jemand eingegangen.“ Weiterer Kritikpunkt: „Es gibt überhaupt keine Transparenz, was die Kosten für eine Sanierung angeht.“ Der Abbruch des Bestandsgebäudes sei beispielsweise gar nicht in die Rechnung eingeflossen.
Die Stadtverwaltung hatte, wie berichtet, kurzfristig als dauerhafte Alternative für das sanierungsbedürftige Bestandsgebäude auf dem Quirlsberg einen Neubau für ein „Jugendquartier“ auf einem städtischen Grundstück an der Hauptstraße 329 ins Spiel gebracht. Auch das Kindergartenmuseum soll dort untergebracht werden.
Dafür soll ein mit Schiefer verkleidetes baufälliges Haus, das dort jetzt steht, abgebrochen werden. Die Kosten für den neuen 250 Quadratmeter großen, barrierefreien Modulbau beziffert die Stadt mit geschätzten 2,5 Millionen Euro. In zwei Jahren könnten Pfadfinder und andere Jugendorganisationen dort einziehen. Das Jugendzentrum Q1 soll aufs Zanders-Gelände ziehen.

Adi Zirden, Pfadfinder seit 1948, ist bei der Kundgebung vor dem Rathaus dabei.
Copyright: Uta Böker
Zu teuer und unwirtschaftlich sei dagegen die notwendige Kernsanierung des Bestandgebäudes. Die Kosten dafür bezifferte die Verwaltung auf sechs bis neun Millionen Euro. Für die Übergangszeit bis zum Umzug will die Stadt 250.000 Euro in die dringlichsten Reparaturen stecken, um brandschutz- und baurechtliche Mindestanforderungen zu erfüllen.
Adi Zirden, seit 1948 Pfadfinder und Gründungsmitglied des Stamms Folke Bernadotte berichtet: „Als junger Mensch habe ich sehr von den internationalen Begegnungen mit Bergisch Gladbachs Partnerstädten profitiert“, sagt der 82-Jährige, „ich erwarte, dass die Stadt sich bemüht, den Standort auf dem Quirlsberg zu erhalten, das ist ihre Verpflichtung.“
Die Chance, das Blatt noch zu drehen, steht denkbar schlecht. Denn der Jugendhilfeausschuss hat dem Verwaltungsvorschlag in seiner jüngsten Sitzung bereits mit großer Mehrheit zugestimmt.
Wir verlieren das Vertrauen in die Politik, weil immer nur über Geld geredet wird
Trotzdem: „Ihr hört uns einfach nicht zu und entscheidet über unsere Köpfe hinweg“, ruft Stammesführer Janis Rheinhold Bürgermeister Marcel Kreuz zu, als er eintrifft. Es sei Geldverschwendung in ein Gebäude zu investieren, das keinem nutze. „Wir verlieren das Vertrauen in die Politik, weil immer nur über Geld geredet wird und nicht über Inhalte“.
Außer dem Jugendzentrum und den Pfadfindern nutzt noch das Junge Ensemble des Theas-Theaters das Gebäude auf dem Quirlsberg. „Wer Zweidrittel Fläche für Jugendarbeit abschafft, kann nicht behaupten, etwas für die Jugend zu tun“, argumentiert Reinhold.
„Gut, dass ihr gekommen seid, dass ihr sichtbar seid“, dämpft Kreutz die Hoffnungen der Demonstranten, „wir nehmen Euch mit, aber wir stehen unter Handlungszwang.“ Laut und mit Pfiffen unterlegt skandieren die Kinder und Jugendlichen: „Wir wollen unserer Heim! “
Aber es kommt, wie es kommen musste. In kurzer Debatte, ohne groß auf Details einzugehen, bekräftigen CDU, Grüne und SPD erneut, dass eine Komplettsanierung des Q1 nicht bezahlbar sei. Das neue Jugendquartier sei deshalb die beste Lösung sei. Die notdürftige Sanierung des alten Gebäudes wird einstimmig beschlossen. Dem Neubau in Modulbauweise stimmt eine große Mehrheit aus CDU, SPD und Grüne zu.
Enttäuscht verlassen die jungen Leute den Saal. „Wir hätten uns einen fachlichen Austausch gewünscht, der eine mögliche Neubewertung der Situation erlaubt hätte“, sagt Janis Reinhold. Den Pfadfindern sei nicht klar, wieso der Rat diese Entscheidung getroffen habe. Der Jugend werde ein zentral gelegener Treffpunkt genommen, an dem seit 80 Jahren ehrenamtliche Arbeit stattfinde, kritisiert der 21-Jährige: „Aber wir werden uns nicht entmutigen lassen.“

