Ehemaliger Bensberger Pfarrer„Die Probleme in Bergisch Gladbach bereiten mir große Bauchschmerzen“

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Man sieht den Pfarrer in einem Raum, er sitzt und schaut in die Kamera.

Heinz-Peter Janßen feiert sein goldenes Priesterjubiläum.

Heinz-Peter Janßen sieht die klerikale Kirche in einem Teufelskreis. Um da herauszukommen, müsste den Laien mehr zugetraut werden.

32 Jahre war Heinz-Peter Janßen als Pfarrer in St. Nikolaus Bensberg tätig, von 1987 bis 2015 zudem Pfarrer in Moitzfeld. Mit 70 nahm er 2015 auf eigenen Wunsch Abschied und wurde Ruhestandsgeistlicher in der Nachbarpfarrei St. Joseph/St. Antonius, die von Bärbroich über Herkenrath, Heidkamp und Sand bis nach Eikamp reicht. Über die aktuellen Herausforderungen hat Guido Wagner mit dem katholischen Seelsorger gesprochen.

Wie beobachten Sie zurzeit die Bildung einer neuen Pastoralen Einheit Bergisch Gladbach?

Heinz-Peter Janßen: Auch wenn mein Einflussbereich als Ruhestandsgeistlicher sehr eingeschränkt ist, bereiten mir die Probleme, die hier zutage treten, doch große Bauchschmerzen. Ich mache mir Sorge, dass bei der Bildung der großen Seelsorgeeinheiten den Menschen in den Gemeinden die seelsorgerischen Bezugspersonen verloren gehen.

Welche Alternativen gibt es aus Ihrer Sicht, wenn es immer weniger Priester gibt?

Alternativen zu denken, fällt schwer, wenn die Rahmenbedingungen nur in den alten Mustern gedacht werden.

Wie sehen diese „alten Muster“ aus?

Gerade wird die Personaldecke noch einmal weiter gestreckt. Das verschärft den bestehenden Teufelskreis: Es gibt immer weniger Priester, die Aufgaben für den einzelnen werden immer größer, die Belastungen auch, immer mehr fallen aus, und damit sinkt die Bereitschaft weiter, Priester zu werden.

Wie könnte Kirche aus diesem Teufelskreis herauskommen?

Indem sie sich endlich der Frage stellt, was brauchen Gemeinden wirklich, um lebendig zu sein? Und welche Leitungskonzepte gibt es, die seelsorgliche Bezugspersonen vor Ort ermöglichen, um die sich etwas kristallisieren kann? Was können Sie sich da als Antwort vorstellen? Das ist ein Thema, das mich seit 50 Jahren beschäftigt und bei dem wir nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil schon einmal deutlich weiter waren. Das Problem des aktuellen Teufelskreises ist das Priesterverständnis.

Inwiefern?

Statt Priester vorrangig als sakrale Figuren zu sehen, denen dann qua Amt Leitungskompetenz zukommt, wäre es dringend geboten, dass umgekehrt derjenige, der Leitung wahrnehmen kann, dazu auch ordiniert wird, anstatt zu schauen: Wie viele Priester haben wir und wie können wir damit Leitung von Gemeinden organisieren? Was wäre Voraussetzung für die Leitung einer Gemeinde? Dass derjenige Leitungscharisma zeigt. Oder diejenige. Es ist doch die Frage: Muss dazu der Zölibat Voraussetzung sein? Oder muss es unbedingt ein Mann sein? Wichtiger ist es, dass der oder diejenige Leitungscharisma hat und von der jeweiligen Gemeinde auch darin akzeptiert wird.

Das heißt, Sie könnten sich auch vorstellen, dass Frauen kirchliche Weihen erhalten?

Nicht erst seit gestern. Das ist ein Thema seit 50 Jahren. Allerdings hat es in den vergangenen Jahrzehnten einen klerikalistischen Rollback, eine Rolle rückwärts, gegeben. Über solche Themen wie die Frage: „Dürfen Laien leiten?“, wird ja heute in der Kirche gar nicht mehr diskutiert. Leider.

Woran liegt das?

Es wird nicht mal mehr versucht, theologische Argumente etwa gegen die Ordination von Frauen zu suchen. Die gefundenen Argumente haben allesamt nicht getragen. Zum Schluss kam dann nur noch das Autoritätsargument. Seit der Basta-Theologie von Papst Johannes Paul II. gibt es nun einfach keine nennenswerte Debatte mehr dazu. Dabei zählt in der Theologie doch immer letztlich das Argument.

Sie Hoffnung, dass die Diskussion über die Leitung von Gemeinden doch noch einmal in Gang kommen kann, wieder Argumente zählen und gegebenenfalls zu neuen Lösungen gefunden werden kann?

Ja, die Hoffnung habe ich, es ist meines Erachtens der einzige Weg, der aus der Krise führen kann. Es muss den sogenannten Laien, den Nicht-Klerikalen mehr zugetraut werden und sie müssen dazu befähigt und unterstützt werden – anstatt ein klerikales System der Selbsterhaltung aufrecht zu erhalten.

Das klingt nicht nach Altersmilde?

(lacht) Nein, altersmilde bin ich keineswegs geworden. Eher radikaler. Ich bin nicht der Kämpfer, da fehlt mir als Ruhestandsgeistlicher auch die Position zu, aber ich möchte alles dafür tun und dazu beitragen, dass Menschen spirituelle Erfahrungen machen können und spüren, dass sie auf dem Weg nicht allein sind, sich selbst etwas zutrauen.

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