Mathias Burbach und Wilma Welter-Schlüer schlagen Alarm. Die Hausarzt-Versorgung in Bergheim stehe vor dem Zusammenbruch.
GesundheitBergheimer Hausärzte sehen Patientenversorgung vor Kollaps

Die Bergheimer Hausärzte Mathias Burbach und Wilma Welter-Schlüer sind in Sorge um die Patientenversorgung. Viele Hausärzte stünden kurz vor dem Rentenalter, und die Kollegen arbeiteten bereits an der Belastungsgrenze.
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Seit Jahren schon betreiben Wilma Welter-Schlüer und Mathias Burbach ihre Hausarztpraxen in enger Nachbarschaft in Bergheim-Niederaußem. Die beiden Mediziner verbindet nicht nur die Nähe, sondern auch die Sorge um die Versorgung der Patienten in der Kreisstadt. „Die hausärztliche Versorgung in Bergheim steht an einem kritischen Punkt“, sagt Burbach und spricht sogar von einem „drohenden Kollaps“.
Ähnlich sieht es seine Kollegin Welter-Schlüer. „Rund ein Drittel der niedergelassenen Hausärzte sind kurz vor dem oder bereits im Rentenalter“, sagt die 51-Jährige. Und es fehle am hausärztlichen Nachwuchs. Daher drohten zahlreiche Hausarztsitze in Bergheim künftig vakant zu bleiben. Gerade erst hätten wieder zwei Hausärzte ihre Praxen geschlossen, ohne vorher einen Nachfolger gefunden zu haben.
Bergheim: Bestehende Praxen arbeiten an der Belastungsgrenze
Laut Burbach würden bestehende Praxen am Limit arbeiten. Und: „Die Versorgungslast steigt durch eine alternde Bevölkerung stetig“, sagt der 46-Jährige. Er selbst arbeite 60 bis 80 Stunden pro Woche, um sein Pensum zu schaffen. Es gehe dabei nicht ums Geld. „Wir sind nicht verarmt“, sagt Burbach. „Aber wir arbeiten im Gesundheitssystem und machen selbst etwas, das nicht gesund ist.“
Rund 1200 Patientinnen und Patienten könnten pro Sitz eines niedergelassenen Arztes behandelt werden. Mehr könnten über die Pauschalen nicht abgerechnet werden, sagen die beiden Hausärzte. Wer mehr Patienten behandle, mache das umsonst. „Und da etliche Praxen längst voll seien, nimmt kaum noch ein Arzt neue Patienten auf“, sagt Welter-Schlüer.
Im Bergheimer Rathaus ist die Problematik bekannt und bereits 2022 aufgegriffen worden. Die Stadt arbeitet mit der Firma Dostal & Partner zusammen. „Diese unterstützt bundesweit Kommunen bei der Sicherstellung einer bedarfsgerechten haus- und fachärztlichen Versorgung vor Ort sowie dem Aufbau weiterer Strukturen im Gesundheitsmarkt“, sagt Christina Conen, Sprecherin der Stadtverwaltung.
Zu den Ideen, wie man dem Ärztemangel begegnen könnte, gehört die Gründung eines zentral gelegenen medizinischen Versorgungszentrums. Doch das stieß sowohl laut Stadtverwaltung als auch nach Angaben von Burbach auf Widerstand bei den niedergelassenen Ärzten. Die erste Rückmeldung der Ärzte habe gezeigt, „dass ein MVZ nicht für die geeignete Lösung zur Verbesserung der hausärztlichen Situation gehalten wird“, sagt Conen. Derzeit laufe eine Umfrage unter den Ärztinnen und Ärzten im Stadtgebiet. Sollte sich die Ansicht bestätigen, will die Verwaltung dem zuständigen Ausschuss vorschlagen, von der Gründung eines MVZ abzusehen.
Ärzte sind gegen ein zentrales Medizinisches Versorgungszentrum
„Eine zentrale Lage hilft den Patienten auf den Dörfern nicht“, sagt Wilma Welter-Schlüer. Und Burbach fürchtet gar, dass medizinische Entscheidungen hinter Investoreninteressen zurückstehen könnten – zum Nachteil von Patienten.
Doch sowohl die Ärzte als auch die Verwaltung verfolgen weitere Lösungsansätze. „Hierzu gehören die Einrichtung einer Servicegesellschaft für niedergelassene Ärzte oder auch die Gründung eines regionalen Versorgungszentrums mit Pflegestützpunkt, Therapieangeboten, Gesundheitsmanagement und so weiter, um Synergien zu schaffen“, sagt Christina Conen. Die Ärztinnen und Ärzte würden weiterhin laufend in den Prozess eingebunden.
Die Ärzte wiederum würden sich über Hilfe beim Bürokratie-Abbau freuen, über eine stadt- oder kreisweite Stellenbörse für Personal oder auch über die Möglichkeit, die hohen Praxiskosten zu senken. „Wenn die Stadt etwa leerstehende Räume zur Verfügung stellen könnte, in denen man Praxen zusammenlegen könnte, wäre das eine große Hilfe“, sagt Burbach.
Das sagt die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein
Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Nordrhein erklärt auf Anfrage, dass die Stadt Bergheim einen eigenständigen hausärztlichen Versorgungsbezirk bildet. Aktuell seien hier knapp über 37 hausärztliche Zulassungen besetzt. „Der Versorgungsgrad liegt damit leicht über dem Sollwert von 100 Prozent, drei weitere Niederlassungen wären rechnerisch noch möglich“, so ein Sprecher der KV Nordrhein.
Gleichzeitig sei es eine landesweite Herausforderung, genug ärztlichen Nachwuchs für die ambulante Versorgung zu gewinnen. „Dafür braucht es vor allem mehr Medizinstudienplätze und ein engeres Zusammenspiel von Politik, Ärzteschaft, Krankenkassen und Kommunen – mit dem klaren Ziel, Absolventen für die Niederlassung zu gewinnen, besonders in der Hausarztmedizin“, sagt die KV Nordrhein. Sie spricht sich auch für wirtschaftliche Anreize, weniger Bürokratie, neue Versorgungsformen wie Telemedizin und den Einsatz von „Physician Assistants“ aus, die Ärzte bei Medikationskontrollen oder Beratungsgesprächen entlasten können.
In Sachen MVZ benennt die KV Nordrhein einige Vorteile. Sie würden es Ärztinnen und Ärzten ermöglichen, ohne Investitionen in eine eigene Praxis tätig zu werden und durch ihre Struktur in der Regel mehr Flexibilität und Familienfreundlichkeit bieten. „In Summe können MVZ also insbesondere in ländlichen Regionen die Attraktivität der vertragsärztlichen Versorgung steigern und die ambulante Versorgungssituation der Patienten verbessern“, sagt der Sprecher der KV Nordrhein. Bei investorenbetriebenen MVZ pflichtete er Mathias Burbach bei – hier müsse sichergestellt sein, dass ärztliche Entscheidungen unabhängig getroffen und die Leistungen nicht aus wirtschaftlichen Motiven selektiv erbracht werden.
