„12 Uhr mittags“ in Manheim-altDie Natur erobert den Kerpener Umsiedlungsort zurück

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Der Kirchturm in Manheim-alt umgeben von Natur.

  • In unserer Sommerserie machen wir Momentaufnahmen in der Region.
  • Wir besuchen in den Ferien belebte und einsame Orte – und beobachten, was dort geschieht.

Kerpen – Umgeben vom Gelb vereinzelt schon gemähter Weizenfelder erheben sich wenige Gebäude und ein Kirchturm über den Horizont wie ein ländliches Stillleben.

Stetiger Wind aus Südosten treibt an diesem heißen Mittag tausende Distelsamen wie Fallschirme in schrägem Sinkflug über den Ort. Auf dem Weg nach ihren Lieblingsorten, wie der „verwunschenen Bank“ am Marktplatz oder dem denkmalgeschützten Haus, watet Antje Grothus auf Sandalen durch ein Meer von Samen.

Manheim-alt: Abbruch ist umstritten

Zehn Jahre nach Beginn der Umsiedlung 2012 bedeckt niedrige Vegetation im Wildwuchs mit ungezügelten Gartensträuchern die Spuren der Abrissbagger in der Erde. Manheim-alt zeigt sich anders als die vielen Orte, die ich schon im Vorfeld der Tagebaue gesehen habe, Fortuna in den 1980er Jahren, Etzweiler in den 1990er oder die Ortschaften am Tagebau Garzweiler der 2000er Jahre. Da hatten die Schaufelradbagger schnell abgeräumt, was von den Ortschaften übrig geblieben war. Auch Manheim-alt soll noch abgebaggert werden, um Kies zu gewinnen. Doch die Sache ist umstritten und zieht sich daher.

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Mit dem Begriff „toter Ort“ ist Antje Grothus gar nicht glücklich. Die Buirerin ist durch ihren Kampf für den Hambacher Forst bekannt geworden und nun Landtagsabgeordnete der Grünen. Sofort hatte sie sich zur mittäglichen Exkursion in ihren Nachbarort bereit erklärt. Wir wollten den Stimmungen am Rande des Tagebaus Hambach nachspüren.

Kerpen: Archäologen nahmen Keller unter die Lupe

Ein viele Meter langes Kunstwerk am jetzigen Ortsrand, markiert von der Rückseite eines landwirtschaftlichen Betriebes, verkündet da die „Grenzen des Daxtums“. Neben den wenigen, die nach wir vor ausharrten, sei sie hier vielen Menschen schon begegnet, schildert Antje Grothus: Leuten, die Fledermäuse an verlassenen Gemäuern zählten, Frauen, die Rosen alter Sorten aus den Gärten evakuierten, Archäologen, die auf Anregung des Kerpener Heimatvereins die Keller von Manheim-alt unter die Lupe genommen hätten.

Am Markt erkenne ich endlich das alte Ortsbild wieder. Hier stehen noch einige Häuser im Verbund hinter dem leeren Stahlrahmen der Bushaltestelle. Kieslaster rattern in Richtung Forsthausstraße. Feldarbeiter von den nahen Erdbeerfeldern grüßen von einem offenen Hänger in entgegengesetzte Richtung mit lautem Hallo.

Corinna und Michael Schumacher heirateten hier

Auf der anderen Straßenseite ist die „verwunschene Bank“ geblieben, mitsamt verzinktem Abfalleimer. Man muss sich den zugewucherten Ruheplatz mit dem Eingang des Gemeindehauses des Amtes Buir/Manheim zusammen denken. Ein Bauwerk mit dem eckigen Charme der Zweckbauten der 1960er Jahre. Hier hatten Corinna und Michael Schumacher einstmals für ein bisschen Privatsphäre bei ihrer Trauung vergebens Zuflucht vor der Meute der Paparazzi gesucht. Das Bauwerk steht schon Jahre nicht mehr.

Landwirt Heinrich Portz fährt in Sichtweite seinen Caterpillar in die Einfahrt seines Hofes, eröffnet dabei den Blick auf die Stallhaltung seiner schwarzbunten Rindviecher. Nur noch als „ein Hobby“ betrachte er die 24 Tiere, „der Rest“ der früheren Milchtierhaltung, sagt er. Er würde am liebsten ewig hier bleiben, lässt der Landwirt durchblicken. Manheim-alt komme in der öffentlichen Darstellung leider nicht mehr vor, bedauert er.

In Manheim-alt geht es um Kies, mit dem RWE-Power die Ufer des geplanten Hambach-Sees bei Elsdorf stabilisieren will. Aber Grothus meldet Bedenken an, fruchtbaren Boden zu opfern und dann den 400 Meter tiefen Tagebau mit einem wertvollen Gut zu füllen: Wasser, das Manheim in vielen Jahrzehnten erst zur Manheimer Bucht ausformen soll. Unverantwortlich in Zeiten der Klimakrise, findet Grothus.

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