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MissbrauchVerurteilter Priester leitete noch 2019 eine Veranstaltung mit Grundschülern

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Ein Mann in schwarzer Jacke, Sturmhaube und verspiegelter Sonnenbrille steht mit gefalteten Händen in einem Gerichtssaal, an der Wand hängt ein Kreuz.

Der nun verurteilte Priester bei dem Prozess des Deggendorfer Landgerichts. Der Mann, der zuletzt in Windeck tätig war, hat an einem Messdiener während zweier mehrtägiger Radtouren sexuelle Handlungen vorgenommen.

Christoph Heinzen, der Leitende Pfarrer des Seelsorgebereichs Ruppichteroth und Windeck, beschreibt, wie schwer es ist, mit dem Fall zu umzugehen.

Der Priester, der im niederbayrischen Deggendorf verurteilt worden ist, weil er während zweier privater Radtouren sexuelle Handlungen an einem Messdiener vorgenommen hat, war bis zu seiner Entpflichtung im Januar 2023 in Windeck tätig. Schon im Jahr 2010 gab es offenbar einen begründeten Verdacht; das Kölner Erzbistum wies an, dass der Geistliche nicht in der Kinder- und Jugendarbeit eingesetzt werden solle. 

Dem hat der nun Verurteilte offenbar nicht Folge geleistet: Mindestens ein Fall ist dokumentiert, bei dem der Pfarrer, der mittlerweile aus Windeck wegzog, eine Veranstaltung mit Kindern leitete. Im Dezember 2019 hielt er einen adventlichen Vorlesevormittag für Grundschulkinder ab.

Bei der Zusammenlegung der Seelsorgebereiche wurde der Leitende Pfarrer Christoph Heinzen informiert

2020 wurden die Seelsorgebereiche Windeck und Ruppichteroth zusammengelegt, und Christoph Heinzen, Leitender Pfarrer beider Seelsorgebereiche, vom Erzbistum informiert, dass der Windecker nur unter Auflagen arbeiten und in keinem Zusammenhang Kontakt zu Minderjährigen haben dürfe.

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Dazu gehört Messdienerarbeit ebenso wie die Erstkommunion. Das sei fortan strikt eingehalten worden. Dienstlich könne man das kontrollieren, sagt Heinzen, „im privaten Bereich sieht das anders aus“.  Die Corona-Pandemie habe die Aufsicht erschwert: „Da hat sich vieles ins Private verlagert, und das Privatleben kann ich nicht kontrollieren.“

Die Frage, inwieweit er die Gemeindemitglieder informieren müsse, habe ihn durchaus umgetrieben, schildert der Leitende Pfarrer. „Wie transparent mache ich das, wem kommuniziere ich was – das war eine ganz schwierige Abwägungsfrage. Ich musste mir auch die Frage stellen, ob ich da jemanden ins Abseits stelle.“ Er habe sich in der Kommunikation nach außen an das gehalten, was das Erzbistum Köln vorgegeben habe.

Als 2022 die Ermittlungen gegen den Windecker aufgenommen wurden, sei es für ihn noch einmal schwieriger geworden. „Bei einem laufenden Verfahren darf man nichts kommunizieren, da waren mir die Hände gebunden“, berichtet Heinzen. Er habe sich an rechtliche Vorgaben halten müssen, auch wenn es schwergefallen sei.

Jetzt versuche er mit seinem sechsköpfigen Seelsorgeteam, so offen wie möglich mit dem Fall umzugehen und die Menschen aufzufangen. Die Gemeindemitglieder seien erschüttert, wie Vertrauen missbraucht worden sei, sagt Heinzen. „Da ist der Anspruch an die Seelsorge, ein Vertrauensverhältnis zu haben, eine enge Beziehung – und hier zeigt sich eine Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Krasser könnte es nicht sein.“

Nach weiteren Opfern könne man erst suchen, wenn das kirchliche Verfahren abgeschlossen sei

Er erlebe Menschen, die am Telefon in Tränen ausbrächen. Die nicht damit umzugehen wüssten, dass dieser Mann ihr Kind getauft habe. Die tiefe Wut spürten, schildert es Heinzen. Auch er selbst sei betroffen: „Das war ein Mitbruder, der engagiert war. Es ist erschütternd, mit der ganzen Wucht der Realität konfrontiert zu sein, zu wissen, was er getan hat.“

Nach weiteren Opfern könne er im Moment nicht aktiv suchen, berichtet er: „Das ist erst möglich, wenn das kirchliche Verfahren gegen den Pfarrer abgeschlossen ist.“ Mit einem Gesprächsforum will er aber in die Diskussion einsteigen: Zu dem Termin am 6. Februar um 20 Uhr in St. Laurentius in Dattenfeld wird auch Weihbischof Ansgar Puff erwartet, der die Fragen klären soll, „die wir vor Ort nicht beantworten können“. 

Zum zweiten Mal muss der Leitende Pfarrer in seinem Seelsorgebereich mit einem Missbrauch durch einen Geistlichen umgehen: Sein Ruppichterother Vorgänger soll in den 90er Jahren während seiner Amtszeit als Kaplan in Solingen und Wuppertal einen Jungen sexuell missbraucht haben. Der mutmaßliche Täter beging Suizid, bevor die Tat aufgeklärt werden konnte.

Er sehe seitens der katholischen Kirche den Willen und die Erkenntnis zu Aufklärung und Prävention, sagt Heinzen. Aus jedem Missbrauchsfall könne und müsse man lernen, auch wenn für das Opfer trotzdem eine Katastrophe sei. „Aber wir können lernen, dass Regeln und äußere Bedingungen so gestrickt werden müssen, dass jemand nicht mehr so vorgehen kann.“

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