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Interview

Nordbrücke
„Die Frage ist, inwiefern man bereit ist, die Planung zu überdenken“

6 min
Martin Metz, Sankt Augustiner und Mitglied im parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Landtags für marode Brücken in NRW

Martin Metz, Sankt Augustiner und Mitglied im parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Landtags für marode Brücken in NRW

Die Vollsperrung der Nordbrücke kam überraschend. Warum Verkehrsexperte Martin Metz jetzt einen Kurswechsel beim Neubau fordert.

Martin Metz ist Mitglied des Landtags Nordrhein-Westfalen für die Grünen. Er lebt in Sankt Augustin, war dort 21 Jahre lang im Stadtrat tätig. Seit drei Jahren ist er Mitglied im parlamentarischen Untersuchungsausschuss für Straßenbrücken und hat sich eingehend mit den maroden Brücken im Land auseinandergesetzt. Für seine Partei ist er zudem verkehrspolitischer Sprecher. 

Die Bonner Nordbrücke ist seit Anfang Juni für den Verkehr vollgesperrt. Der Verkehr muss auf umliegende Brücken und Fähren ausweichen.

Die Bonner Nordbrücke ist seit Anfang Juni für den Verkehr vollgesperrt. Der Verkehr muss auf umliegende Brücken und Fähren ausweichen.

Der Ausschuss wurde 2023 anlässlich der Talbrücke der A45 in Lüdenscheid eingesetzt. Auch die Brücke in Leverkusen war Thema in dem Untersuchungsausschuss. Mit Martin Metz sprach Anica Tischler über die gesperrte Nordbrücke und die Möglichkeiten, die es für den Neubau jetzt gibt.

Wie schätzen Sie die Lage zur Nordbrücke ein? Haben Sie die Vollsperrung kommen sehen?

Dass die Brücke neu gebaut werden muss, ist schon viele Jahre bekannt. Und als im Dezember 2025 die Nachricht kam, dass die Brücke für Fahrzeuge über 7,5 Tonnen gesperrt werden musste, war ich davon ausgegangen, dass die Befahrbarkeit für eine längere Zeit so erstmal sichergestellt werden kann. Ich war daher, wie, glaube ich, sehr viele, extrem überrascht, dass jetzt schon ein halbes Jahr später die vorläufige Vollsperrung erforderlich wurde.

Haben sich also die zuständigen Prüfer im Dezember geirrt und das Material falsch eingeschätzt?

Das Problem bei so einer Stahlbetonbrücke ist: Schäden kann man nicht einfach so feststellen. Dafür muss man in die Konstruktion gucken, und das ist nicht immer so einfach möglich. Wie gesagt, dass die Brücke neu gebaut werden muss, war schon länger klar. Aber dass die Schäden so gravierend sind, dass die Brücke auch für Pkw bis 3,5 Tonnen gesperrt werden musste, ging in der Abfolge jetzt doch sehr schnell. Klar ist aber, Sicherheit geht vor.

Hätte man bezüglich der Sperrung für den Verkehr von mehr als 7,5 Tonnen auf der Nordbrücke früher strengere Maßnahmen ergreifen sollen oder können als lediglich Hinweisschilder?

Das ist eine sehr berechtigte Frage. Wir haben am Beispiel der Leverkusener Brücke gesehen, es ist extrem schwer, solche Kontrollen im fließenden Verkehr ohne technische bauliche Einrichtungen durchzuführen. Für die Nordbrücke sind ja gerade erst vor ein paar Wochen die Anlagen mit der dynamischen Lenkung für die Lkw installiert worden. Die Wiege- und Schrankenanlage auf der Leverkusener Brücke war auch eine heftige Maßnahme.

Die Stadt Bonn bemüht sich derzet, den Verkehr in der Innenstadt aufgrund der Sperrung der Nordbrücke zu entzerren. Dennoch ist es zu Stoßzeiten gerade an und um die Kennedybrücke sehr voll und eng.

Die Stadt Bonn bemüht sich derzet, den Verkehr in der Innenstadt, wie hier an der Kennedybrücke, aufgrund der Sperrung der Nordbrücke zu entzerren. Dennoch ist es zu Stoßzeiten gerade an und um die Kennedybrücke sehr voll und eng.

Ich glaube aber nicht, dass man noch wird feststellen können, ob man mit strengeren Maßnahmen ein paar Wochen früher etwas gewonnen hätte. Es muss auch gar nicht die Dauerbelastung sein, die am Ende die Vollsperrung ausgelöst hat, es könnte auch ein sehr schweres Einzelereignis sein. Den berechtigten Verdacht gibt es zum Beispiel in Lüdenscheid, dass ein nicht genehmigter Schwertransport etwas ausgelöst haben könnte.

Angenommen, die Nordbrücke muss aufgrund der Schäden dauerhaft gesperrt bleiben?

Es kommt jetzt darauf an, was die Ergebnisse der Untersuchung sagen. Selbst wenn die Brücke wieder auf einer Spur für Pkw geöffnet wird, muss man ehrlich sein: Das wird das Verkehrschaos zwar etwas abmildern, aber man wird trotzdem schnell handeln müssen.

Bleibt die Nordbrücke dauerhaft gesperrt, wäre das eine wirkliche Katastrophe für Bonn und Rhein-Sieg, auch für die gesamte Region. Dann muss man für die nächste Zeit auch eine komplett eigene Verkehrsplanung machen. Damit hat sich der Bonner Stadtrat schon in Ansätzen beschäftigt, weil sich natürlich jetzt alle Verkehrsströme verlagern.

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Es gibt Ampeln, die darauf programmiert sind, dass Verkehrsströme in bestimmter Weise verlaufen, aber manchmal hat man jetzt aus der einen Richtung niemanden mehr, weil sie alle aus der anderen Richtung kommen. Man muss also Ampeln umprogrammieren, über Vorfahrtregelungen nachdenken. Und dabei müssen alle gut zusammenarbeiten: Autobahn GmbH, Straßen NRW, Städte und Gemeinden. Über Park & Ride-Plätze muss man mit Kommunen reden, auch im Umland.

Was passiert dann als nächstes?

Es ist die Frage, inwiefern man bereit ist, die Planung mit sechs Fahrspuren und Standstreifen und zweispurigen Auf- und Abfahrten in Auerberg, wie sie bisher verfolgt wurde, zu überdenken. Denn für mich ist klar, und ich glaube, das sollte jedem klar sein: Je schlanker man baut, je weniger Grundstückskonflikte man auslöst, desto eher sehe ich Möglichkeiten, beim Neubau schneller zu sein als bisher veranschlagt.

Es hieß in einem Statusbericht der Autobahn, die Nordbrücke könne ausschließlich mit dem sechsspurigen Ausbau neu gebaut werden, weil der Bundesverkehrswegeplan einen „verkehrsgerechten“ Ausbau vorsieht. Was sagen Sie dazu?

Der Bundesverkehrswegeplan wurde 2016 von Union und SPD im Bundestag beschlossen und sieht den sechsspurigen Ersatzneubau für die Nordbrücke erst ab den 2030er Jahren vor. Mit dem Ausbau werden vor Ort zusätzlich viele Konflikte ausgelöst, weil Häuser abgerissen werden müssen. Die Frage, die man sich also stellen muss, ist: Wäre es nicht auch möglich, jetzt die kaputte Vorlandbrücke zumindest in ihrer bisherigen Form neu zu bauen? Oder sie in einer schmaleren Variante sechsspurig zu bauen? Sie ist ja heute schon sechsspurig, sie hat nur zwei Standstreifen auf jeder Seite.

Das sind Dinge, die die Planer beantworten müssen. Aber ich würde es für absolut fatal halten, wenn man jetzt dabei bleibt, nach dem Motto: „Der sechsspurige Ausbau ist so beschlossen worden und deshalb muss das jetzt so bleiben“. Da müssen die Leute, die diese Gesetze beschlossen haben, jetzt mal umdenken. Ich bin dafür, das offen zu prüfen und auch gegenüber der Bevölkerung transparent darzulegen, was der wirklich schnellste Weg ist, um dort wieder eine funktionsfähige Verkehrsverbindung herzustellen.

Die Erweiterung sollte also hinfällig sein?

Man hat damals bei der Planung gedacht, wenn wir die Brücke neu bauen, dann machen wir sie direkt breiter. Das ist erst einmal ein logischer Gedanke, den muss man nicht teilen, aber ich verstehe ihn. Aber klar ist für mich auch, und das wissen wir alle: Selbst, wenn ich irgendwo breiter baue, mehr Spuren baue, dann ist der Stau irgendwann immer da. Ich kenne keine Region, keinen Ballungsraum auf der Welt, wo man unter der Woche morgens um 8 Uhr gemütlich, ohne von irgendwem behelligt zu werden, staufrei durch die Gegend fahren kann. Denn wenn der Platz da ist, wird er belegt.


Die Bonner Nordbrücke sowie weitere maroden Brücken in der Region wie die Eifeltor-Brücke auf der A4 und die Rheinbrücke der A40 sind am heutigen Mittwoch, 17. Juni, 10 Uhr, Top-Thema im Plenum des Landtages NRW. Die Sitzung kann online auf der Webseite des Landtags im Livestream verfolgt werden.