Die Sperrung der Nordbrücke trifft Zehntausende Pendler. Die Ursachen reichen Jahre zurück.
Eine Region im VerkehrschaosWarum die Bonner Nordbrücke plötzlich gesperrt wurde – und wie es weitergeht

Wie geht es weiter mit der gesperrten Nordbrücke?
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Als „Super-GAU“ für die Region wurde die Vollsperrung der Bonner Nordbrücke in den vergangenen Tagen bezeichnet. Verkehrschaos für Pendlerinnen und Pendler in der Region sei damit vorprogrammiert. Das war am Montag nach dem langen Wochenende direkt zu spüren. In der Bonner Innenstadt ging verkehrstechnisch zu Stoßzeiten gar nichts mehr. Der Verkehr wurde über die Kennedybrücke und Bonn-Beuel geleitet, es kam zu langen Staus. Im Norden nahmen viele Verkehrsteilnehmer den Weg über Köln, um über den Rhein zu kommen.
Die Nordbrücke, eigentlich Friedrich-Ebert-Brücke, ist seit dem 3. Juni für jeglichen Verkehr gesperrt. Bei Untersuchungen waren vergrößerte Risse im Tragwerk der Brücke bemerkt worden, was zur sofortigen Sperrung führte. Erst etwa eine Stunde vorher informierte die Autobahn GmbH darüber.
Ein „Desaster mit Ansage“ nannte es Ingo Steiner, Kreistagsfraktionsvorsitzender der Grünen im Rhein-Sieg-Kreis. Denn es sei schon vorhersehbar gewesen, dass es zum schlimmsten Fall – der Vollsperrung der Brücke – kommen würde. Wo haben also diese Probleme begonnen? Was ist über die Schäden bekannt? Welche Möglichkeiten gibt es nun und wie soll es weitergehen? Ein Überblick.
Was ist der Hintergrund der Sperrung der Nordbrücke?
Insbesondere an den sogenannten Spanngliedern der Brücke gibt es Korrosionsschäden. Diese halten den Beton der Brücke zusammen. Und die Risse seien größer geworden. So erklärte Dirk Brandenburger, Geschäftsführer für die Technik bei der Autobahn GmbH, dass es keine andere Wahl gegeben habe, als die Brücke komplett zu entlasten.
Die Brücke wurde 1967 für den Verkehr freigegeben. Sie war damals allerdings nicht für die rund 100.000 Fahrzeuge ausgelegt, die die Brücke zuletzt täglich passierten. Laut Friederike Schaffrath von der Autobahn GmbH des Bundes hat das Bauwerk nur noch eine „auslaufende Restnutzungsdauer“ bis 2034, sprich, sie muss erneuert werden. Vor allem die linksrheinische Vorlandbrücke (bevor es tatsächlich über den Fluss geht) macht Probleme. Dort seien die Statik-Probleme am gravierendsten.
Wie kam es zu den Schäden?
Kurz gesagt, die Brücke ist alt. Und der Verkehr ist mit den Jahren zu einer zu großen Belastung geworden und hat zu Materialermüdung geführt. Die Nordbrücke gilt als eine der wichtigsten Verkehrsachsen in der Region Bonn/Rhein-Sieg. Rund 100.000 Fahrzeuge (Stand 2021) rollen täglich über die Brücke. Und schon Anfang des Jahres hieß es in den Ausschüssen und im Kreistag des Rhein-Sieg-Kreises seitens der Autobahn im Statusbericht: „Jeder Lkw belastet die Brücke so stark wie 100.000 Pkw.“ Das löste große Sorgen aus, weil schon damals klar war, die Brücke muss im Notfall für jeglichen Verkehr gesperrt werden – was im März und April noch hoffnungsvoll als eher unwahrscheinlich betrachtet wurde.
Welche Maßnahmen wurden getroffen?
Um die Brücke zu entlasten, war zunächst ab Februar 2026 ein Überfahrtverbot für Lkw mit einem Gewicht von mehr als 7,5 Tonnen eingeführt worden. Dafür stellte die Autobahn Hinweisschilder auf. Die einzige Ausnahme des Überfahrverbots für den Schwerlastverkehr gab es noch für Rettungsdienste und Feuerwehr sowie den Schulbusverkehr. Buslinien, die Schülerinnen und Schüler aus dem rechtsrheinischen zu ihren linksrheinischen Schulen brachten, zur Ursulinen-Schule in Bornheim-Hersel und zum Collegium Josephinum im Bonner Norden.
Nach Beginn der Sperrung für 7,5-Tonner zeigte sich jedoch recht schnell, dass viele Lkw-Fahrer sich nicht an die Vorgaben hielten. Als nächsten Schritt installierte die Autobahn GmbH Ende März Achslastsensoren, um das Gewicht von zu schweren Fahrzeugen zu erfassen. Deren Kennzeichen wurden daraufhin per Kamera erfasst und auf Anzeigentafeln dargestellt, mit dem Hinweis, dass das betreffende Fahrzeug die Autobahn vor der Brücke verlassen sollte.
Das alles reichte nicht aus. Die Risse im Tragwerk der Brücke seien größer geworden, teilte die Autobahn GmbH mit und sperrte die Brücke am 3. Juni komplett, auch für Fahrrad- und Fußverkehr.
Was sind die Folgen der Sperrung?
Sofort führte die Sperrung zu großräumigem Verkehrschaos in der Region. In der Bonner Innenstadt herrschte kurz nach der Sperrung praktisch Stillstand, auch auf umliegenden Ausweichstrecken staute es sich. Die Mondorfer Fähre war völlig überlastet, teils mussten Autofahrerinnen und Autofahrer zweieinhalb Stunden warten, um überhaupt die Fähre zu erreichen. Auch viel Schulverkehr weicht jetzt auf Fähren aus.
Einen Tag nach der Brückensperrung wurde in Bonn auch der Bereich unter der Vorlandbrücke gesperrt, bis vor den Leinpfad. Durchfahrten sind auf der Römerstraße auch nicht mehr möglich. Die Sperrung solle zunächst für zwei Wochen gelten, bis die Autobahn GmbH die weiteren Untersuchungen an der Brücke beendet hat.
Nach den Untersuchungen werde sich zeigen, wie die Entlastung sich auswirke, sagte Sabrina Kieback, Sprecherin der Autobahn. Sie stellte in Aussicht, dass unter Umständen die Brücke für Pkw einspurig und für Radfahrende und Fußgänger wieder freigegeben werden könnte.

Sabrina Kieback, Sprecherin der Autobahn GmbH
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Wo gibt es beim Verkehr die größten Probleme?
Die Bundesstadt Bonn und die ebenfalls von den Verkehrsproblemen betroffene Stadt Niederkassel haben zur Bewältigung der Probleme mittlerweile jeweils eine „Task Force“ einberufen.
In Niederkassel geht es vor allem darum, den Verkehr zur Mondorfer Fähre möglichst gut zu bewältigen. Die Provinzialstraße, die zur Fähre führt, ist so eng, dass der Gegenverkehr Probleme bekommt. Deshalb werden auch Parkplätze am Rand der Straße zur Fahrbahn. Bürgermeister Matthias Großgarten (SPD) kündigte an, Parkverbote anzuordnen. Zudem hat der Verkehr auf der Provinzialstraße nun durchgängig Vorfahrt zur Fähre. „Wir dürfen uns aber keine Illusionen machen“, so Großgarten gegenüber der Redaktion. „Die Fähren haben begrenzte Kapazitäten und die großen Staus lassen sich dadurch nicht vermeiden.“
In Bonn sind die Stadtteile Beuel und Innenstadt am stärksten vom Ausweichverkehr betroffen sowie die Verkehrsachsen B 56 und die Kennedybrücke. Um den Verkehr zu entlasten, sollen neue Park-and-Ride-Flächen provisorisch eingerichtet werden, eine davon wurde per Dringlichkeitsbeschluss auf den Pützchens-Markt-Wiesen eingerichtet. Von dort gibt es zudem einen Shuttleverkehr zur Ersatzhaltestelle Vilich der Stadtbahnlinie 66. Weitere Standorte wie Flächen am Landesbehördenhaus oder Parkplätze an der Oberkasseler Straße befinden sich laut Stadt Bonn in Prüfung.
Die Stadtbahnlinie 66 soll künfigt im Bereich des Friedhofs St. Josef und Paulus vollständig vom Individualverkehr getrennt geführt werden. Der Radverkehr erhält eine neue Vorrangspur, die stadteinwärts über den Bröltalbahnweg führt. Zudem soll der ÖPNV in Bonn bis Ende Juni kostenfrei sein.
Wie geht es jetzt weiter?
Die Brücke muss mindestens für einige Wochen gesperrt bleiben. Mit etwas Glück kann sie für Pkw einspurig und bei reduzierter Geschwindigkeit wieder freigegeben werden. Fest steht das jedoch nicht. Und auch dann bleibt die wichtige Verkehrsachse ein Risiko.
Langfristig muss die Brücke erneuert werden, das wird aber einige Jahre dauern, nach bisherigen Berechnungen sind es mindestens fünf Jahre bis eine neue Brücke steht. Bisher war laut Autobahn geplant, während des Neubaus den Verkehr über die alte Brücke weiter laufen zu lassen. Ob das nun überhaupt noch möglich ist, ist fraglich.
Die neue Nordbrücke soll laut aktueller Planung künftig von heute vier auf insgesamt sechs Fahrspuren erweitert werden. Aktuell befindet man sich hier noch in der Entwurfsplanung, anschließend folgt die Genehmigungsplanung und das Planfeststellungsverfahren, für die drei bis vier Jahre veranschlagt sind. Für Ausführungsplanung und Bau sind weitere sechs bis acht Jahre veranschlagt.
Einige Stimmen aus Politik und Wirtschaft fordern bereits jetzt, dass die Erweiterung der Nordbrücke in Anbetracht der Dringlichkeit vom Tisch kommen sollte. Stattdessen solle nur ein gleichgearteter Ersatzneubau her. Ob das durchsetzbar ist, wird sich zeigen. Eine Vertreterin der Autobahn GmbH des Bundes erklärte im Verkehrsausschuss des Kreises jedoch zuletzt, dass ein Ersatzneubau ohne Ausbau nicht möglich sei, da der Bundesverkehrswegeplan einen „verkehrsgerechten Ausbau“ vorsehe. An den Plan müsse man sich halten. Bei einem Eins-zu-Eins-Neubau würde die Autobahn das Ausbaugesetz verfehlen, so die Mitarbeiterin der Autobahn GmbH.
