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Melkroboter und FutterzonenSo nutzten Landwirde in Rhein-Sieg die Digitalisierung auf ihren Höfen

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Die Kühe tragen den Sender am Hals, der Daten über Milchmenge und Gesundheit der Tiere sammelt.

Die Kühe tragen den Sender am Hals, der Daten über Milchmenge und Gesundheit der Tiere sammelt. 

Digitale Technik spart nicht nur Zeit für die Landwirte, auch für die Tiere kann sie von Vorteil sein. Zwei Beispiele aus Lohmar und Bad Honnef. 

Die Digitalisierung hält auch dort Einzug, wo vermeintlich die Zeit stehen geblieben ist: in der Landwirtschaft. Sensoren und Computer gewährleisten, dass es Kühen und Pferden gutgeht, und regeln die Fütterungszeiten. Für die Landwirte bedeutet das eine große Entlastung.

Auf dem Bauerngut Schiefelbusch in Lohmar sorgt ein Roboter dafür, dass die 35 Kühe mehrere Male am Tag gemolken werden. Sie laufen dafür in eine Gitterschleuse, und wenn ihr Euter voll genug ist, löst das System aus. „Die Kühe laufen hier zehnmal am Tag rein und werden durchschnittlich dreimal gemolken. Währenddessen fressen sie“, sagt Landwirt Andreas Trimborn.

Melkroboter auf Gut Schiefelbusch prognostiziert Milchmengen der Kühe

Den nötigen Sensor tragen die Kühe an einem Halsband – digitale Kuhglocken, wenn man so will. Und der misst eine Menge: die Milchmenge pro Zitze, wie viel die Kuh frisst, wie lange sie wiederkäut, wie lange sie ruht, wann sie besamt werden kann. Trimborn bekommt dann eine Nachricht auf seine Handy-App. „Das alles ist ein Indikator dafür, ob es der Kuh gutgeht. Wenn nicht, kann ich schauen, was sie hat.“ Das System könne das betreffende Tier beim Auslauf im Stall separieren, sodass er es nicht einmal suchen müsse.

Andreas Trimborn vom Bauerngut Schiefelbusch zeigt einen Sensor, den die Kühe normalerweise um den Hals tragen.

Andreas Trimborn vom Bauerngut Schiefelbusch zeigt einen Sensor, den die Kühe normalerweise um den Hals tragen.

Auf dem dazugehörigen Bildschirm stehen Wörter wie „Laktationshistorie“ und „Kuhdiagramm“. Hier kann Trimborn die gemessenen Werte einsehen und beispielsweise eine Zitze ausschalten, wenn sie entzündet ist. Kuh Nummer 49 betritt den Melkroboter, und der Computer errechnet eine Prognose, wie viel Milch sie geben wird: 12,7 Liter, das Euter ist zu 122 Prozent gefüllt. Das System wird lediglich um 0,3 Liter danebenliegen. Auf vier farbigen Diagrammlinien kann Trimborn den Milchfluss erkennen, nicht alle Zitzen reagieren gleichzeitig. „Das ist eben ein Muskel, der erst stimuliert werden muss.“

Melkroboter: Zeitlicher Vorteil überwog bei Kostenfrage

Das erledige der Roboter, indem er die Zitzen mit desinfizierten Bürsten reinige. „Dann schließt er die Zitzenbecher an, obwohl sich die Kuh bewegt; wenn er nicht trifft, probiert er es noch mal. Die Kühe lieben das: Der Roboter arbeitet immer gleich, Menschen haben manchmal einen schlechten Tag, die Tiere spüren das.“

Der Melkroboter schließt automatisch die Zitzenbecher ans Euter an. Wenn er nicht trifft, versucht er es nochmal.

Der Melkroboter schließt automatisch die Zitzenbecher ans Euter an. Wenn er nicht trifft, versucht er es nochmal.

Lange habe Trimborn über den Kauf des Melkroboters nachgedacht. Der habe ihn vor vier Jahren 120.000 Euro gekostet. Doch der zeitliche Vorteil überwog: „Melken ist die Hauptarbeit, früher brauchte ich 15 Mitarbeiter für 30 Kühe. Das war eine schwere tägliche Arbeit. Heute ist es egal, ob ich um 6 oder 8 Uhr in den Stall gehe, ich habe außerdem viel mehr Zeit, mich um einzelne Tiere zu kümmern.“ Zugleich seien die Zeiten für den Milchtransporter flexibler, denn die Milch müsse erst über Stunden heruntergekühlt werden. Das mache der Roboter die gesamte Zeit über, und der Lkw-Fahrer könne nun kommen, wann es ihm passe.

Chip regelt Zugang zu Futterzonen für Pferde in Aegidienberg

Was bei Kühen funktioniert, klappt auch bei Pferden – etwa auf dem Troll-Hof in Bad Honnef-Aegidienberg, wo Florian Thenée nicht weniger als 50 Tiere hegt. Der Chip, der den Zugang zu den Futterzonen regelt, sitzt in der Mähne der zutraulichen Islandpferde. Wer nun annimmt, der Computer gebe einfach die passende Menge Heu und Kraftfutter frei, kennt die Natur eines Pferdes nicht.

„Es sind Dauerfresser – das heißt, ihr Magen produziert ständig Magensäure, die für Koliken oder Magengeschwüre sorgen kann, wenn sie in den Darm fließt. Längere Fresspausen als fünf bis sechs Stunden schaden den Pferden“, erklärt Thenée. „In freier Wildbahn ist das kein Problem, weil die Tiere da kontinuierlich fressen können, aber auch nur kleine Mengen vorfinden. Bei großen Mengen, die sie in der Haltung bekommen, ist das ein Problem, denn sie würden immer weiterfressen.“

Florian Thenée betreut auf seinem Hof hauptsächlich Mietpferde

Thenée hat seine Pferdepension, wo größtenteils Mietpferde von Reiterinnen und Reitern leben, bereits 2010 in Zonen aufgeteilt – und den Zugang zur Futterzone mit einer chipgesteuerten Schleuse versehen. Dort lässt der Computer die Pferde hinein, wenn sie dran sind. „Wir treiben sie jeden Tag um 7, 15 und 22 Uhr heraus, um ihren Rhythmus beizubehalten. Jeweils drei Stunden vorher gehen sie hinein und fressen an den Raufen. Da liegt auch noch ein Netz auf den Heuballen, um die Aufnahme zu verlangsamen.“

Damit ein Pferd es sich nicht allzu gemütlich am Heu-Buffet macht, hat der Landwirt die Wasserstellen außerhalb der Futterzone aufgestellt. „Wenn sie fressen, werden sie irgendwann durstig und müssen raus. Von dort können sie in den Paddock und umherlaufen, aber nicht mehr in die Futterzone, bis der Computer sie lässt.“ Die Tiere merkten sich jedoch den Rhythmus und wüssten, wann sie wieder hineindürften.

Ein Pferd steht in Aegidienberg in der Futterschleuse. Die graue Tafel ist der Sensor, der den Chip ausliest.

Ein Pferd steht in Aegidienberg in der Futterschleuse. Die graue Tafel ist der Sensor, der den Chip in der Mähne ausliest.

Pferde seien Fluchttiere, sie schliefen nicht mehrere Stunden am Stück, sondern immer mal wieder ein oder zwei, während andere Artgenossen Wache hielten. „Ich hätte auch eine Futterstation für einzelne Pferde einrichten können, die sich nach 20 Minuten schließt. Aber dann schlingen die Pferde alles hinein und sind nicht bei ihrer Herde – das ist für mich keine artgerechte Haltung“, sagt er. Auch sei es ungesünder, den Tieren eine große Schüssel mit Futter nach einem Ausritt hinzustellen.

Sie sollen häufig gucken, ob sie etwas bekommen, damit sie sich mehr bewegen.
Florian Thenée vom Troll-Hof in Aegidienberg

Nach demselben Prinzip regelt der Computer den Zugang zur Weide und zu einer Kraftfutterstation, wo es 30 bis 50 Gramm Hafer oder Pellets gebe. „Sie sollen häufig gucken, ob sie etwas bekommen, damit sie sich mehr bewegen. Die Leute, die ihre Tiere hier abstellen, finden das gut.“

Das System habe ihn 2010 etwa 40.000 Euro gekostet, heute wären es wohl 50.000 Euro, schätzt er. „Auf zehn Jahre umgerechnet sind das bei 50 Pferden gerade mal zehn Euro, die auf die Miete entfallen“, rechnet er vor. Dennoch habe sich die Investition gelohnt. „Sie ist unverzichtbar, wenn man acht Stunden schlafen oder zehn Stunden frei haben will. Ich muss nicht ständig Futter nachlegen, sondern nur einmal.“

An einem Ausgangstor hat er ein Band mit einer Plastikschnalle befestigt. Der Grund: ein Pferd, das schlauer ist als das Computersystem. „Es hat herausgefunden, wie man das Tor von außen öffnen kann – aber das ist bei Menschen genauso: Wenn es Regeln gibt, überlegen sie, wie sie sie umgehen können.“


Wer sich den Melkroboter ansehen will, kann das bei einem Besuch im Hofcafé oder Hofladen des Bauernguts Schiefelbusch tun. Die Adresse: Schiefelbusch 3 in Lohmar.