Vier mutmaßliche Mitglieder einer chinesischen Schleuserbande sollen 14 als „Massagesalons“ getarnte Bordelle in NRW betrieben haben.
1,5 Millionen UmsatzProzess gegen chinesische Schleuserbande in Sankt Augustin hat begonnen

Vier mutmaßliche Mitglieder einer chinesischen Schleuserbande sollen 14 als Massagesalons getarnte Bordelle betrieben haben.
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Großer Publikumsandrang im Saal 0.11 des Bonner Landgerichts, als vier mutmaßliche Mitglieder einer chinesischen Schleuserbande einzeln mit Handschellen aus dem Haftkeller zur Anklagebank geführt wurden. Die Bonner Staatsanwaltschaft wirft der Vierer-Gang gewerbs- und bandenmäßiges Einschleusen von Ausländern vor. NRW-weit sollen sie 14 als „Massagesalons“ getarnte Bordelle eingerichtet haben, in denen chinesische Frauen, die sich illegal in Deutschland aufhielten, als Prostituierte gearbeitet haben.
Ungewöhnlich: Von den vier Angeklagten sind - neben dem mutmaßlichen Chef der Organisation, einem 48-jährigen Chinesen - gleich drei Frauen. Zwei von ihnen sitzen seit einer Razzia Ende Januar 2026 in Untersuchungshaft, eine dritte Angeklagte wurde, nachdem sie im Frühjahr bereits ein umfassendes Geständnis abgelegt hatte, haftverschont. Die 62-Jährige hatte die Organisationsstruktur beschrieben und damit auch ihre „Ex-Kollegen“ belastet.
Die Bande betrieb Salons in Sankt Augustin, Troisdorf, Bonn und Bad Honnef
Demnach waren der „Boss“ und seine Ex-Ehefrau (39) ab Juni 2024 bis Januar 2026 die Hauptakteure dieses Millionengeschäftes: In diesem Zeitraum sollen insgesamt 22 Prostituierte ohne Aufenthaltserlaubnis in den angeblichen Etablissements gearbeitet haben. Darunter Salons in Bonn, Sankt Augustin, Troisdorf und Bad Honnef. Weitere Standorte befanden sich im Ruhrgebiet: in Castrop-Rauxel, Bochum, Oberhausen oder auch Wuppertal und Düsseldorf.
Laut Anklage durften die Prostituierten von ihren Einnahmen die Hälfte behalten, der Rest musste an die Organisation abgegeben werden. Das Geld wurde in der Regel vom Bandenchef persönlich vor Ort abgeholt und auf Strohkonten eingezahlt oder sogar mittels eines Online-Bezahldienstes nach China transferiert. Insgesamt sollen die beiden Organisatoren über 1.48 Millionen Euro eingenommen haben. Die zwei Mitangeklagten, die als Bordell-Leiterinnen fungierten, haben entsprechend weniger bekommen, da sie nur an den Prostituierten-Honoraren vor Ort beteiligt wurden.
Am ersten Prozesstag hielten sich die Angeklagten in der Sache noch bedeckt, schilderten vor allem ihre erstaunlichen Lebenswege: Fast alle sind sie hochgebildet, haben mehrere Studien in Informatik oder internationalem Handel absolviert. Der Bandenchef selbst ist bereits seit 1999 in Deutschland, hatte zunächst Asyl beantragt, das nicht gewährt wurde, dennoch ist er seit 25 Jahren in Deutschland geduldet. Mehrere chinesische oder japanische Restaurants hat er betrieben und auch wieder geschlossen. Anfang der Corona-Zeit hatte er die heute 39-jährige Mitangeklagte - seine spätere rechte Hand - geheiratet, die er in einer Wandergruppe kennengelernt haben will; sie haben ein gemeinsames Kind. Obwohl nach drei Jahren wieder geschieden, lebten sie - bis zur Verhaftung - zusammen in einem Haushalt.
27 Fälle wurden angeklagt, doch fünf kommen gar nicht vor Gericht
Für den 48-jährigen „Bandenchef“ erklärte sein Verteidiger Sebastian Holbeck gleich zum Auftakt, dass die Anklagevorwürfe stimmten; er bestreitet aber vehement, dass sie als Bande agiert hätten. Die Anwälte der drei Frauen kündigten Einlassungen zum nächsten Prozesstag an.
Der brisante Fall scheint nicht besonders gut ermittelt zu sein: Die 7. Große Strafkammer hat von den 27 angeklagten Fällen fünf gar nicht erst eröffnet, als nach der richterlichen Abfrage beim Ausländeramt sich herausstellte, dass fünf von den Frauen doch legale Aufenthaltspapiere hatten. Entsprechend zeigten sich alle Parteien, auch der Staatsanwalt, offen für eine Lösung, diesen komplexen Mammutprozess so zu verschlanken, dass alle Seiten einen Vorteil davon haben.
