Die Veranstalter des Festes haben Anzeige erstattet, sprechen von einer einzelnen Gruppe Heranwachsender.
Anzeige erstattetPartygäste rufen Nazi-Parolen auf der Wolsdorfer Kirmes

Die Bühne des JGV Alt-Wolsdorf am Samstagabend auf der Wolsdorfer Kirmes, während "L'Amour Toujours" läuft.
Copyright: Marius Fuhrmann
Auf der Wolsdorfer Kirmes haben am Samstagabend mehrere Partygäste Nazi-Parolen gerufen. Während der DJ „L'Amour Toujours“ spielte, waren an einer der beiden Bühnen deutlich rassistische Textzeilen zu hören. Die beiden Vereine, die die Bühne betreiben, sprechen von einer einzelnen Gruppe Heranwachsender, von der die Rufe ausgegangen seien – und haben Anzeige erstattet.
Samstagabend, kurz vor 23 Uhr: Vor der Bühne des Junggesellenvereins und Männerreih Eintracht 1895 Alt-Wolsdorf und des Tambourcorps In Treue Fest haben sich zahlreiche junge Partygäste versammelt. In die bierselige Stimmung hinein spielt DJ Marrei Hit um Hit. Als er „L'Amour Toujours“ von Gigi D'Agostino anstimmt, singen einige Feiernde zur Melodie des 90er-Jahre-Hits „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“. Sie kommen aus dem Pulk vor der Bühne, aber auch von Außenstehenden in unmittelbarer Nähe.
Nach der Ansage des DJs in Siegburg hören die Rufe auf
Die Rufe sind so deutlich hörbar, dass DJ Marrei nach dem Intro kurz die Lautstärke herunterregelt und schimpft: „Hört auf damit! Ich lasse mir diesen geilen Song nicht kaputt machen.“ Danach laufen der Song und das Programm weiter – die Ansage hat Wirkung gezeigt, in der Folge unterbleiben die ausländerfeindlichen Rufe.
Das Lied „L'Amour Toujours“ ist ein Klassiker der 90er von dem italienischen Produzenten Gigi D'Agostino. Auf Youtube hat der Song mehr als 600 Millionen Aufrufe. Seit Oktober 2023 tauchen in sozialen Netzwerken aber immer wieder Ausschnitte auf, in denen Feiernde die fremdenfeindliche Parole entlang der Instrumental-Melodie singen.
Rechtsextreme Parteien und Akteure nutzen den Song auch ohne die Parole als Musikuntermalung für ihre Online-Beiträge – die Anspielung ist unmissverständlich. Im Sommer 2024 ging ein Video viral, in dem Menschen den ausländerfeindlichen Text in einer Bar auf Sylt singen. Dadurch wurde der Missbrauch des Lieds bekannt, immer wieder kam es seitdem zu Polizeieinsätzen und Ermittlungen wegen Volksverhetzung.

Die Bühne des Junggesellenvereins und Männerreih Eintracht 1895 Alt-Wolsdorf am Sonntagabend auf der Wolsdorfer Kirmes.
Copyright: Marius Fuhrmann
DJ Marrei, bürgerlich Marcel Reinartz, trat an allen drei Kirmestagen auf. „L'Amour Toujours“ habe er nur am Samstagabend gespielt, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Für die aktuelle Problematik des Songs sei er sensibilisiert: „Das Thema ist nicht neu. Ich bin Mitglied im Berufsverband Diskjockeys, da gibt es eine Leitlinie für so einen Fall: Deswegen bin ich sehr bedacht darauf und habe insbesondere bei größeren Festen ein Ohr darauf, wenn das jemand aus Blödsinn ruft.“
Da er hinter den Lautsprechern stehe, sei seine unmittelbare Umgebung leiser und er könne Rufe aus dem Publikum besser wahrnehmen. „Die Empfehlung des Berufsverband lautet, den Song abrupt zu unterbrechen und die Rufe anzusprechen – das habe ich gemacht.“ Sie seien lediglich von einer kleinen Gruppe ausgegangen, die sich sofort ertappt gefühlt und peinlich berührt gelacht habe.
Ich mache mir natürlich Gedanken, ob ich das Lied noch spielen sollte
„Ich mache mir natürlich Gedanken, ob ich das Lied noch spielen sollte, es ist in all der Zeit aber auch das erste Mal gewesen, dass jemand dabei ausländerfeindliche Parolen gerufen hat.“ Er wolle „L'Amour Toujours“ auch weiterhin spielen. „Gerade weil manche Leute das Lied missbrauchen, sollte man es spielen – sonst gibt man ihnen Recht“, sagt der Euskirchener.
Klaus Stock, Pressesprecher des JGV Alt-Wolsdorf, spricht auf Anfrage der Redaktion von einem „schönen und gelungenen Fest, das friedlich und gesellig in großer Gemeinschaft gefeiert wurde.“ Er widerspricht der Beobachtung, wonach eine größere Personenzahl die Parole skandiert habe. „Laut Aussage von DJ Marrei war in den Vorgang nur ein einziger Tisch direkt an der Bühnenkante involviert. Es waren maximal zehn Personen im Alter von etwa 18 Jahren, die selbst einen sogenannten Migrationshintergrund haben“, bekräftigt er.
Es war unbedacht und unsensibel sowie natürlich vollkommen daneben
Die Vorstandsmitglieder des JGV Alt-Wolsdorf und des Tambourcorps In Treue Fest seien zu dem Zeitpunkt in Schichten an der Cocktail-Bar, dem Bonverkauf und am Getränkestand tätig gewesen, deswegen habe niemand etwas mitbekommen. „Selbst in der Cocktail-Bar, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet, waren die Ausrufe nicht zu hören.“
Dass DJ Marrei sein Programm unterbrochen habe, sei ganz im Sinne des Vorstands gewesen, zumal die Ansage sofort gewirkt habe und auch von der Gruppe befolgt worden sei. „Aus der Zusammensetzung und der Reaktion der Gruppe lässt sich laut DJ Marrei schließen, dass die jungen Leute, die ja selbst Migrationshintergrund haben, ihre Ausrufe nicht ernst gemeint haben, sondern sich selbst auf die Schippe nehmen wollten“, sagt Stock, der von einer „in jeder Hinsicht misslungenen Aktion“ spricht. „Es war unbedacht und unsensibel sowie natürlich vollkommen daneben.“
Vorstand der Siegburger Vereine geht nicht von ausländerfeindlichem Hintergrund aus
Obwohl der Vorstand aufgrund der Schilderungen nicht von einem ausländerfeindlichen Hintergrund ausgehe, habe der Verein Strafanzeige gestellt. Der JGV Alt-Wolsdorf und das Tambourcorps In Treue Fest distanzierten sich von jeglichem rechten Gedankengut und seien gegen Ausgrenzung, Intoleranz und Ausländerfeindlichkeit. „Wir sind weltoffen, pflegen die Gemeinschaft und vertreten die Werte der demokratischen Grundordnung. Wir leben Freiheit und Demokratie, Toleranz, Inklusion, Vielfalt und Diversität sowie die Würde des Menschen.“
Auch Bürgermeister Stefan Rosemann, der die Kirmes früher am Tag selbst besucht hatte, äußerte sich: „Es ist sehr schade, dass dieser Vorfall einen Schatten auf das top organisierte, friedliche Fest wirft. Der Beschreibung nach haben wir es wohl nicht mit Rechtsradikalen zu tun, sondern mit jungen Menschen, die gedankenlos Parolen brüllen, ohne über Hintergründe und Zusammenhänge im Klaren zu sein.“ Die rechtsradikale Parole wolle er aber nicht relativieren.

