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Interview

Hannelore Kraft
„Borussia Mönchengladbach ist für mich die Erfüllung eines Lebenstraums“

6 min

Hannelore Kraft ist seit März 2024 Vizepräsidentin von Borussia Mönchengladbach.

Hannelore Kraft spricht über ihre Aufgabe als Vizepräsidentin von Borussia Mönchengladbach, Polizeikosten für Risikospiele, Pyrotechnik im Stadion und das Derby am Samstag beim 1. FC Köln.

Wenn der 1. FC Köln am Samstag (15.30 Uhr, DAZN und Sky) Borussia Mönchengladbach zum Derby in der Fußball-Bundesliga empfängt, fiebert auch Hannelore Kraft auf der Tribüne des Rheinenergie-Stadions mit. Tobias Carspecken sprach mit der früheren NRW-Ministerpräsidentin über ihre Leidenschaft für die Fohlenelf.

Frau Kraft, Sie sind seit März 2024 Vizepräsidentin von Borussia Mönchengladbach. Wie kam es dazu?

Ich war dem Verein schon immer verbunden. Dann kam der Anruf der Vereinsführung und ich wurde gefragt, ob ich mir die Aufgabe vorstellen kann. Für mich war das die Erfüllung eines Lebenstraums.

Was bedeutet Ihnen das Amt?

Ich lebe Borussia Mönchengladbach, und das nicht erst, seitdem ich hier im Amt bin. Borussia war immer mein Verein, von Kindesbeinen an. Jetzt hier mitarbeiten zu können, ist eine große Ehre.

Sie kommen aus Mülheim an der Ruhr. Warum schlägt Ihr Herz für Borussia – und nicht für einen Revierklub?

Das kommt aus der Zeit der großen Duelle der Gladbacher gegen Bayern München. Ich fand die Gladbacher immer toll. Sie hatten die besten Spieler und haben schönen Fußball gespielt. Wenn man guten Fußball mag, mochte man Borussia Mönchengladbach.

Wie ist Ihre Bindung zur Borussia entstanden?

Als ich eine Bankausbildung in Mönchengladbach gemacht habe, hat mich ein Kollege das erste Mal auf den Bökelberg mitgenommen. Da war es dann endgültig um mich geschehen. Ich bin nicht regelmäßig zu den Spielen gefahren, habe aber sehr viele Spiele im Fernsehen geguckt oder im Radio gehört.

Wie haben Sie Borussias goldene Zeiten in den 1970er Jahren erlebt?

Da ich 1961 geboren wurde, habe ich sicherlich nicht alle Spiele gesehen. Aber ich habe schon verfolgt, dass das damals ein schöner Fußball war. Und dass bei Borussia Persönlichkeiten gespielt haben, die das Herz auf dem richtigen Fleck haben.

Wer war Ihr Idol?

Ich hatte mehrere Idole. Von Günter Netzer über Rainer Bonhof bis Jupp Heynckes. Das war für mich Borussia.

Denken Sie manchmal mit Wehmut zurück?

Mit Wehmut nicht, sondern mit Stolz. Das 125-jährige Vereinsjubiläum im vergangenen Jahr war auch für mich persönlich ein ganz tolles Erlebnis. Vereinsgrößen wie Allan Simonsen oder Juan Arango zu erleben, war ein einmaliges Erlebnis. Die Feierlichkeiten haben uns alle noch ein Stück weit stolzer gemacht. Es war eine herausragend organisierte Veranstaltung.

Sie sind die erste Frau in Borussias Präsidium. War das eine zusätzliche Motivation für Ihre Kandidatur?

Ich freue mich darüber, dass es jetzt eine Frau in Borussias Präsidium gibt. Eine zusätzliche Motivation war nicht erforderlich.

Haben Sie als Vizepräsidentin einen anderen Blick auf den Fußball als früher?

Ja, schon. Man blickt natürlich tiefer rein. Dass Fußball auch Business ist, das wusste ich schon vorher. Aber es ist jetzt ein Insiderblick, den ich habe. Da ist vieles dabei, was man von außen nicht so erkennt.

Sie waren von 2010 bis 2017 Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen. Haben Sie bewusst nach einer neuen, ausfüllenden Aufgabe gesucht?

Ich hatte auch danach ausfüllende Aufgaben. Borussia ist ein Ehrenamt. Es nimmt relativ viel Zeit in Anspruch, aber es macht auch unglaublich Spaß.

Welche Aufgaben haben Sie?

Wir entscheiden im Präsidium die meisten Dinge gemeinsam. Eine fachliche Aufteilung gibt es nicht. Dafür sind wir mit vier Präsidiumsmitgliedern auch zu klein aufgestellt.

Welche Erfahrungen aus Ihrer politischen Laufbahn helfen Ihnen als Vizepräsidentin eines Fußballvereins in besonderem Maße?

Fußball ist nicht nur Spiel, es ist auch Business und Vereinspolitik. Das gehört dazu. Da kann ich mit meiner jahrzehntelangen Erfahrung aus Wirtschaft und Politik sicherlich einiges einbringen. Was hier auch wichtig ist: Ich liebe den Umgang mit Fans und Sponsoren. Das gehört zum Spektrum dazu.

Ertappen Sie sich manchmal dabei, wie noch die Politikerin in Ihnen durchkommt?

Die Parteipolitik habe ich völlig abgeschlossen. Da habe ich einen klaren Cut gemacht.

Welche Ziele haben Sie mit Borussia Mönchengladbach?

Wir wollen den Verein natürlich in eine erfolgreiche Spur bringen. Das ist ein Veränderungsprozess, der hier in den vergangenen Monaten angestoßen wurde und im Gange ist. Dafür müssen richtige Entscheidungen getroffen werden, die wir im Zusammenspiel der Gremien treffen.

Gibt es Entwicklungen im Profifußball, die Ihnen aktuell Sorge bereiten?

Aus meiner Sicht gibt es Optimierungsbedarf beim Videoschiedsrichter. Ich bin kein grundsätzlicher Gegner des VAR. Aber es braucht weitere Entwicklungen. Rainer Bonhof hat da einen guten Vorstoß gemacht. Man könnte zu einem System kommen, wo es wie in anderen Sportarten eine Art Challenge gibt, dass man den VAR selbst anrufen kann. Das ist ein Thema.

Im Profifußball ist immer mehr Geld im Umlauf. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Das ist ein sehr komplexes Thema. Man muss sich gemeinsam mit den Verbänden Gedanken machen, dass die finanzielle Schere nicht weiter auseinandergeht. Die Verteilung der Fernsehgelder ist ein Ansatzpunkt.

Die Innenpolitiker erhöhen den Druck, Rechnungen für Hochrisikospiele an die Vereine weiterzureichen. Wie ist da Ihre Haltung?

Aus meiner Erfahrung in der Politik kann ich sagen, dass ich das nicht für einen guten Weg halte. Alleine schon, weil man dann die Debatte aufmacht: Wer sorgt für Sicherheit im öffentlichen Raum, und wer bezahlt für Sicherheit? Das kann dann auch andere Veranstaltungen treffen.

Ein großes Thema ist das Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion.

Wir diskutieren das Thema, auch gemeinsam mit unseren Fans. Wir müssen hier perspektivisch zu einer vernünftigen Lösung kommen. Wir hatten neulich auch Innenminister Reul bei einem Heimspiel zu Gast. Da war das auch Thema.

Kommen wir zum aktuellen sportlichen Geschehen.Borussia erlebt eine unruhige Saison. Trainer und Sportchef wurden bereits ausgetauscht. Wie bewerten Sie die Spielzeit?

Es ist eine schwierige Saison. Wir haben ein gutes Team, aber mit Verletzungen zu kämpfen. Dennoch bin ich voller Hoffnung, dass wir die Saison gut abschließen werden.

Was stimmt Sie zuversichtlich?

Gerade in den letzten Spielen hat man gesehen, wie die Mannschaft kämpft und wie die Fans dahinterstehen. Ohnehin bin ich bei Heim- und Auswärtsspielen oft im Stadion und fasziniert davon, wie groß die Unterstützung unserer Fans auch in schwierigen Situationen ist.

Hatten Sie eine komplizierte Saison erwartet?

Am Anfang einer Saison sieht man die Mannschaft in der Vorbereitung. Man kann aber nie sagen, wie die Saison verläuft. Leider fallen bei uns mehrere gute Spieler durch Verletzungen lange aus. Das ist natürlich ein Problem.

Wie gehen Sie persönlich mit dem Abstiegskampf um?

Ich fiebere bei jedem Spiel mit. Da bin ich ein ganz normaler Fan. Man will immer gewinnen. Das ist ja auch das Schöne am Fußball: Wenn man sich gemeinsam freuen kann.

Wie groß war die Erleichterung nach dem jüngsten 2:0-Heimsieg gegen den Abstiegskonkurrenten FC St. Pauli?

Das war ein wichtiger Sieg. Aber wir wissen auch: Die Saison geht jetzt in die entscheidende Phase. Wir schauen auf das Derby. Darauf freuen wir uns. Wir haben das Hinrundenspiel gegen Köln erfolgreich gestalten können und hoffen erneut auf einen Sieg.

Wie bewerten Sie Trainer Eugen Polanski, der im Herbst den glücklosen Gerardo Seoane abgelöst hat?

Eugen macht hier einen guten Job. Wir haben uns bewusst für ihn entschieden. Ich hoffe, die Mannschaft macht ihm ein verspätetes Geschenk zum 40. Geburtstag. Er freut sich wie wir alle auf das Derby.

Welche Erinnerungen rufen Spiele gegen den FC in Ihnen hervor?

Das Derby gegen Köln war schon immer etwas Besonderes. Während meiner Amtszeit als NRW-Ministerpräsidentin hatte ich Einladungen des FC, wenn wir das Derby in Köln gespielt haben. Dafür war ich dem FC dankbar. Es hat immer Spaß gemacht, beim Derby dabei zu sein.

Wie fühlt sich eine Derbywoche für Sie an?

Am Dienstag war ich beim Training, um das Derbygefühl aufzusaugen. Man spürt, dass es kribbelt. Am Samstag werde ich auch im Stadion sein und alle Daumen drücken.

Der FC steckt wie Gladbach im Abstiegskampf. Wie beurteilen Sie die Entwicklungen in Köln?

Ich kann beim 1. FC Köln nicht ins Innere gucken. Von außen betrachtet lief es am Anfang mit der Euphorie des Aufstiegs gut. Jetzt neigt sich die Saison dem Ende zu und auch der FC befindet sich aktuell in der großen Gruppe der Vereine, die um den Klassenerhalt kämpft.

Was wünschen Sie sich für das Spiel Samstag?

Ich wünsche mir vor allem, dass es friedlich bleibt. Und, dass wir alle ein gutes Spiel sehen und ein schönes Derby erleben.