Trainer Christian Ilzer spricht im Interview über den Höhenflug der TSG Hoffenheim, die Entwicklung des ehemaligen FC-Stürmers Tim Lemperle und das Bundesligaspiel beim 1. FC Köln.
Hoffenheims Trainer Christian Ilzer„Ich traue Tim Lemperle eine sehr gute internationale Karriere zu“

Siegeszug: Mit 45 Punkten nach 22 Partien spielt die TSG Hoffenheim um Trainer Christian Ilzer ihre beste Bundesliga-Saison.
Copyright: Uwe Anspach/dpa
Trotz interner Querelen ist die TSG Hoffenheim die Überraschungsmannschaft im bisherigen Saisonverlauf der Fußball-Bundesliga. Als Tabellendritter darf der letztjährige Abstiegskandidat von der Champions League träumen. Vor dem Spiel beim 1. FC Köln (Samstag, 15.30 Uhr/Sky) sprach Tobias Carspecken mit TSG-Trainer Christian Ilzer.
Herr Ilzer, sind Sie selbst überrascht, wie gut es läuft?
Klammern wir die Tabelle mal aus: Es ist ein Weg, den wir Schritt für Schritt begonnen haben zu gehen. Schon vor einem Jahr haben wir ein paar Dinge in die richtige Richtung geleitet – auch wenn das damals noch nicht so zum Ausdruck gekommen ist. Aus unseren Erfahrungen der ersten Phase haben wir im Sommer klare Entscheidungen getroffen. So haben wir jetzt eine Mannschaft am Werk, die sehr eingespielt wirkt, die eine gute Grunddynamik und sehr viel Klarheit hat und die inspiriert und begeistert. Es ist eine sehr stimmige Mannschaft.
Welche Veränderungen brauchte es?
Es galt, einen Zug Richtung Erfolg reinzubringen und eine entsprechende Denkweise zu implementieren. Unsere Hauptaufgabe war es, den Kader zu verkleinern. Wir hatten wirtschaftliche Vorgaben umzusetzen und haben ein Transferplus erzielt. Wir waren sehr klar in den Fragen: Welchen Fußball wollen wir spielen? Und welche Spieler und Charaktere brauchen wir dafür?
Alles zum Thema Fußball-Bundesliga
- Fußball-Bundesliga Kein Geschenk für Fischer: Mainz nur remis gegen HSV
- 2. Fußball-Bundesliga 1:1 im Ruhrstadion: Bochum und Nürnberg kommen kaum voran
- 2. Fußball-Bundesliga Fürther Lebenszeichen im Abstiegskampf: 2:1 gegen Bielefeld
- Trainer von Crystal Palace „Nicht gut genug“ – Glasner sorgt mit Aussagen für Aufsehen
- Hoffenheims Trainer Christian Ilzer „Ich traue Tim Lemperle eine sehr gute internationale Karriere zu“
- SC Freiburg Schuster leidet mit Rosenfelder: „Für Kopf nicht einfach“
Wie weit ist der Prozess vorangeschritten?
Du bist als Trainer inmitten eines Kreises und versuchst, sehr stark zu wirken. Mein Ansatz ist es, dass ich mich immer weiter aus diesem Kreis zurückziehe. So entsteht sehr viel Eigendynamik. In dieser Phase befinden wir uns gerade. Ich kann mich sehr häufig außerhalb des Kreises in der Beobachterrolle bewegen.
Wie sehr hat die Mannschaft Ihre Idee schon verinnerlicht?
Es geht nicht immer nur um meine Vorstellungen. Wir nennen es TSG-Fußball. Dem Verständnis, wie dieser Fußball aussehen soll, sind wir schon einen Riesenschritt nähergekommen. Auch wenn es in jeder Phase natürlich Luft nach oben gibt.
Was trauen Sie Ihrer Mannschaft in dieser Saison zu?
Jeder in unserem Haus soll es wagen, groß zu denken – bei aller Bodenständigkeit, die unseren Verein auszeichnet. Wir wissen genau, wo wir herkommen. Trotzdem soll jeder sich das Recht herausnehmen, zu träumen – um sich davon inspirieren zu lassen. Gleichzeitig geht es darum, eine klare Haltung zu entwickeln. Das haben wir gemacht. Es gilt, unser Vereinsgelände in Zuzenhausen jeden Tag als besserer Spieler, als besserer Trainer, als besserer Mitarbeiter zu verlassen. Wenn wir diesen Ansatz mit einer authentischen, ehrlichen Herangehensweise verfolgen, können wir am Ende das erreichen, wovon wir träumen.
In der vergangenen Saison steckte die TSG noch im Abstiegskampf. Haben Sie sich Ihren Start so schwierig vorgestellt?
Als ich hierhergekommen bin, war mir natürlich bewusst, dass der Verein sich in einer sportlich schwierigen Lage befunden hat. Die Hintergründe habe ich erst Schritt für Schritt erfahren, als ich hier war. Das habe ich für mich gut managen müssen. Es war ein Balanceakt, das Gewitter im Kopf zu bereinigen, um wirken und unsere Ideen einbringen zu können. Es ging darum, die Saison zu überstehen und den Club in der Liga zu halten. Eine Krise zu moderieren, intern wie extern, kann aber genauso spannend sein, wie einen Erfolg zu moderieren.
In Zeiten der Krise haben Sie die Deutsche Meisterschaft als Fernziel ausgerufen. Warum braucht es Visionen?
Ich habe damals gesagt, dass ich in fünf Jahren um den Titel mitkämpfen möchte. Diese Aussage sollte intern und extern eine Kraft haben. Extern, dass du dir niemals – egal wie deine Situation im Leben ist – deine Träume, Visionen und Ziele rauben lassen solltest. Intern war es ein bewusstes Statement, das ich setzen wollte.
Trotz des aktuellen Erfolgs ist das Stadion in Sinsheim selten gut besucht. Wünschen Sie sich mehr Unterstützung?
Ich bin dankbar für jeden einzelnen Zuschauer. Und ich freue mich für jeden einzelnen Zuschauer, dass er sich ein Fußballspiel anschauen kann, das richtig viel hergibt.
Seit dieser Saison stürmt der Ex-Kölner Tim Lemperle für Ihre Mannschaft. Wie erleben Sie ihn?
Ich erlebe ihn als extrem passend für unser Profil. Tim ist ein Spieler mit Tiefgang, der permanent Druck auf die erste Aufbaulinie des Gegners ausübt; der in der Gruppe ein extrem hohes Standing genießt, weil er einfach die Fähigkeit hat, sich sehr schnell in eine Gruppe zu integrieren und dort eine Position zu finden. Er ist ein Energiebringer und hat das Profil, das wir auf dieser Position gesucht haben.
Stellen Sie bei ihm auch abseits des Rasens einen Reifeprozess fest?
Ich habe keine Unreife wahrgenommen. Natürlich habe ich von der Geschichte gehört und sie mit ihm besprochen. Das sind Dinge, die in deinem Leben passieren – die aber nicht passieren sollten, wenn du im Nachhinein darüber nachdenkst. Wichtig ist, dass er daraus gelernt hat. Diesen Eindruck hat er mir ganz klar vermittelt. Ich sehe einen Vollblutprofi, der es versteht, an einem freien Tag runterzufahren, sich zu erholen, wegzukommen vom Fußball. Der aber genauso weltoffen und interessiert ist und der sich weiterbildet. Ich bin mit seiner Entwicklung und seiner Herangehensweise rundum zufrieden. In Köln sollte diese eine Aktion nicht alles trüben. Tim war trotzdem ein wichtiger Teil einer Meistermannschaft. Er hat dort einen Blödsinn gemacht, der ihm im Nachhinein leidgetan hat. Das gehört jetzt zu seiner Geschichte, das kann man nicht mehr rausradieren. Ich habe jetzt einen Spieler, der einen reifen, abgeklärten, professionellen Eindruck auf mich vermittelt.
Welchen weiteren Weg trauen Sie ihm zu?
Tim spielt beim aktuell Drittplatzierten einer Topliga. Er weiß aber auch, dass damit nicht das Ende der Fahnenstange erreicht ist; dass er weiter an sich arbeiten muss, um die nächsten Schritte zu machen. Ich hoffe, dass seine nähere Zukunft noch in Hoffenheim ist. Ich traue ihm aber auch zu, dass er eine sehr gute internationale Karriere vor sich hat.
Tim Lemperle hat zuletzt gefehlt. Kann er gegen den FC wieder mitspielen?
Tim kann nicht spielen. Er hat eine Verletzung am Sprunggelenk. Die ist noch nicht so ausgegangen, dass er spielen kann. Schweren Herzens – für uns, aber speziell auch für ihn.
In der Führungsetage der TSG herrscht seit geraumer Zeit große Unruhe. Wie nehmen Sie die internen Querelen wahr?
Es ist normal, dass gewisse Nebengeräusche zum Fußball dazugehören. In diesen Situationen muss man als Trainer schauen, die Mannschaft davon wegzuhalten. Man informiert sie, bleibt aber bei dem, was unser Tagesjob ist – Spieler zu entwickeln, ihr maximales Potenzial herauszuholen und daraus eine erfolgreiche Mannschaft zu formen. Für den Verein ist es wichtig, dass eine Stabilität einkehrt. Ich bin froh, wenn Ruhe und Kontinuität da ist.
Wie gelingt es Ihnen, die Störgeräusche von Ihrer Mannschaft fernzuhalten?
Um Dinge wegzuhalten und erfolgreich zu sein, braucht es Zusammenhalt in einer Mannschaft. Wir haben uns immer besser gefunden und kennengelernt. Wir haben einen total ehrlichen, geradlinigen, aber im Sinne der Leistung sehr harten Austausch miteinander. Das betrifft nicht nur die Spieler, sondern auch den Staff und das gesamte Haus hier. Jeder spürt, welche Rolle er hat und dass seine Rolle extrem wichtig ist, damit wir als Club erfolgreich sein können.
Sie haben schon bei Sturm Graz mit TSG-Sportchef Andreas Schicker erfolgreich zusammengearbeitet. Was zeichnet das Duo Ilzer/Schicker aus?
Man soll sich selbst nicht loben. Ich glaube aber, dass wir Vorbild sein können. Wir haben ein sehr professionelles Arbeitsverhältnis. Auch wenn wir Freunde sind, diskutieren wir in der Sache sehr hart. Nach außen sind wir unangreifbar. Es ist ein brutaler Zusammenhalt. Wir sind uns sehr klar in dem, was wir wollen. Trotzdem lehnen wir uns im Erfolg nicht zurück, sondern versuchen, Dinge ständig zu adaptieren und anzupassen auf die jeweilige Situation. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Trainer und Sportdirektor ist ein ganz wichtiger Baustein, um erfolgreich zu sein.
Zuletzt stand eine Abberufung Schickers im Raum. Wie viele Steinen sind Ihnen vom Herzen gefallen, dass Ihr langjähriger Weggefährte bleiben durfte?
Andi ist einfach jemand, der uns die besten Rahmenbedingungen herstellt, um erfolgreich arbeiten zu können. Das ist hier in Hoffenheim so, das war in Graz so. Deshalb schätze ich die Zusammenarbeit mit Andi sehr. Wir beide sind aber nicht abhängig voneinander. Andi hat sich einen Namen gemacht und das Interesse einer sehr breiten Entscheidungsträgerschaft im Spitzenfußball geschaffen. Wenn er einen Schritt machen kann, von dem er glaubt, dass dieser ihn nochmal verbessert, dann freut es mich für ihn. Genauso freut es mich, wenn unsere Zusammenarbeit noch längere Zeit bestehen bleibt. Deshalb war ich natürlich schon froh, dass sich in einer Phase, in der wir sehr erfolgreich sind, an dieser Konstellation nichts ändert.
Am Samstag geht es für die TSG nach Köln. Was für eine Aufgabe erwarten Sie?
Egal, ob Bayern München, Dortmund oder eine kleinere Mannschaft dorthin fährt: In Köln ist es für jede Gastmannschaft eine Herkulesaufgabe. Es ist ein Stadion mit Energie und Emotionen. Und, weil es die Mannschaft von Lukas Kwasniok jedem Gegner extrem schwer macht. Sie hat ihre Qualitäten. Das haben wir hier in Sinsheim, wo wir knapp verloren haben, gespürt. Mit dem Ergebnis waren wir nicht zufrieden, auch wenn es keine schlechte Leistung von uns war.
Was zeichnet den FC aus?
Der FC ist einfach schwer zu bespielen. Auch wenn die erhofften Ergebnisse eines so großen Clubs vielleicht nicht immer da sind, finde ich, dass der FC es als Aufsteiger richtig gut macht. Wenn er diesem Weg treu bleibt, wird er die Klasse halten. Wir werden in allen Bereichen gefordert sein. Mit der Flexibilität des FC ist es schwer vorherzusehen, was uns personell und strukturell erwartet. Das ist eine große Herausforderung in der Herangehensweise. Wir strotzen aber vor Selbstvertrauen und gehen sehr positiv an diese Aufgabe heran.
