Das 1:2 beim zuvor sieg- und punktlosen Hamburger SV bedeutet vor der langen Länderspielpause einen schweren Stimmungsdämpfer.
Niederlage in Hamburg1. FC Köln hilft dem HSV aus der Krise

Die FC-Profis verließen Hamburg schwer geschlagen.
Copyright: IMAGO/Nordphoto
Das Wichtigste zuerst
Der 1. FC Köln hat dem bis dahin punkt- und torlosen Hamburger SV am vierten Bundesliga-Spieltag aus der Krise geholfen und im ausverkauften Volksparkstadion eine 1:2-(0:1)-Niederlage kassiert. Gegen extrem defensive Gastgeber war Köln besonders in der ersten Halbzeit die deutlich dominante Mannschaft und hatte durch Thijs Dallinga die große Chance zur Führung, zuvor hatte Lochoshvili bereits bei einem Kopfball nach einer Ecke Pech gehabt.
Mikey Moore und Said El Mala hatten Heuer Fernandes mit Schlenzern von der Seite geprüft, Köln hatte 70 Prozent Ballbesitz und defensiv keine Schwierigkeiten. Dann aber ging der HSV nach einem Standard in Führung, von der sich die Kölner zwar erholten und durch Moore kurz nach der Pause eine weitere Großchance hatten (47.). Kurz darauf verschätzte sich Simpson-Pusey jedoch gegen Grönbaek, Poulsen nutzte das Durcheinander zum 2:0.
Zwar gaben die Kölner nicht auf und kamen nach einer insgesamt schwachen zweiten Hälfte durch Ache noch zum 1:2 (90.). Doch der Treffer kam zu spät, um noch Punkte mit in die Länderspielpause nehmen zu können.
Die Tore
Nach einem Eckball erzielte der beim 0:5 in der Vorwoche in Leipzig noch desolate Nicolas Capaldo völlig frei das erste HSV-Tor der Saison. Marvin Schwäbe im Tor war zugestellt worden und hatte einmal mehr nicht die Energie aufbringen können, sich durchzusetzen und den Fünfmeterraum zu kontrollieren.
Der Jubel war groß – und der 1. FC Köln um ein altes, neues Problem reicher. Gegentore nach Standards sind ein Dauerthema, René Wagner war unzufrieden: „Unter Stress trifft man falsche Entscheidungen. Das tut mir brutal weh, weil ich sehe, wie die Jungs jede Woche im Training daran arbeiten. Wir wollten es besser machen und die Situation besser verteidigen. Wir haben es nicht geschafft, beim Standard so zu stehen, wie wir stehen wollten. Das werden wir besprechen. Am Ende reicht es aber nicht, die Dinge zu besprechen und zu analysieren. Wir müssen sie besser machen. Unser Auftrag in den nächsten Wochen wird sein, besser zu werden. Die Jungs in die Verantwortung zu nehmen, damit uns das nicht mehr passiert. Denn mit dem Standardtor bringen wir den Gegner ins Spiel“, sagte der Kölner Cheftrainer.

René Wagner erlebte einen enttäuschenden Nachmittag im Volksparkstadion.
Copyright: Marcus Brandt/dpa
Vor dem 0:2 machte Jahmai Simpson-Pusey einen ungeschickten Schritt aus der Abwehr und stand so auf dem falschen Fuß, als Albert Grönbaek lossprintete. Simpson-Pusey konnte nicht folgen, im Zentrum rannte Lochoshvili in den leeren Raum, statt sich an HSV-Stürmer Poulsen zu orientieren. Und obwohl der Däne einiges dafür tat, den Ball aus kurzer Distanz nicht ins Tor zu befördern, stand es in der 50. Minute 2:0 für die bei Spielbeginn noch so mutlosen Gastgeber.
In ihrer letzten Druckphase schafften es die Kölner sogar noch, sich Räume zu erspielen. Mit viel Platz auf der rechten Seite schlug Ellyes Skhiri eine Flanke ins Zentrum, die Ragnar Ache sicher per Kopf versenkte.
Das war gut
Die wenigen Momente, in denen es Köln schaffte, seine Individualisten ins Spiel zu bringen. Mikey Moore, trotz vieler verlorener Duelle auch Said El Mala und im ersten Durchgang zeitweise noch Linton Maina, außerdem hätte Dallinga treffen müssen: Der FC hat in dieser Saison eine interessante Gruppe beisammen, doch das Mannschaftsspiel braucht noch jede Menge Arbeit.
Das war schlecht
Erneut das Abwehrverhalten. Luka Lochoshvili fügte der Geschichte seiner wackligen Auftritte im FC-Trikot ein weiteres Kapitel hinzu, in seinem ersten Bundesligajahr fehlt dem Georgier noch immer die Stabilität, was langsam zum Problem wird – zumal gegen eine grundsätzlich so harmlose Mannschaft wie den HSV.

Yussuf Poulsen hat ein Tor geschossen – für die FC-Profis Simpson-Pusey und Moore schwer zu begreifen.
Copyright: Marcus Brandt/dpa
Weil der junge Jahmai Simpson-Pusey am Samstag ebenfalls folgenschwer patzte, war es für den HSV nicht schwierig, die Kölner zu schlagen. Wie es auch für ähnlich schwache Bremer in der Vorwoche kein großes Problem bedeutet hatte, in Köln zu punkten.
Spieler des Spiels
Auf Kölner Seite gelangen Mikey Moore ein paar Dribblings, mit denen er das Stadion zum Raunen brachte. Der junge Brite war eindeutig der beste Fußballer auf dem Platz, auch die Fans der Heimelf sahen das ein, was ihnen angesichts des Resultats allerdings nicht schwergefallen sein dürfte.
Moment des Spiels
Die fünf Minuten nach dem Wiederanpfiff. Erst jagte Moore nach El Malas starker Vorbereitung einen Ball aus kurzer Distanz knapp am Winkel vorbei. Dann traf Hamburg im Konter zum 2:0. Es waren die Momente, in denen das Spiel offen genug war, um beide Richtungen einzuschlagen. Ärgerlich aus Kölner Sicht, dass sich das Schicksal an diesem Tag für die Hamburger entschied.
Das sagen die Trainer
René Wagner (1. FC Köln): „Es tut brutal weh. Wir haben ein gutes Spiel gemacht, hatten Möglichkeiten, das Spiel zu gewinnen. Die Jungs haben bis zum Ende Gas gegeben. Wenn unser Tor eher fällt, haben wir vielleicht ein anderes Spiel.“
Zu den Pfiffen aus dem Kölner Block nach dem Schlusspfiff sagte der Kölner Coach: „Ich kann jeden Fan verstehen, der zum Auswärtsspiel fährt und einen Sieg erwartet. Wir haben uns 95 Minuten reingehauen, hatten Möglichkeiten, zu gewinnen und haben gegen eine sehr effektive Mannschaft ein Bundesligaspiel verloren. Ich muss mich darauf konzentrieren, was wir inhaltlich getan haben. Es war nicht einfach, den Mut zu entwickeln, weiter nach vorn zu spielen und auf das Tor zu gehen. Daran müssen wir uns aufbauen, denn wir müssen auch aus so einem Spiel Dinge ziehen, die für uns gut waren. Das ist unsere Aufgabe, die Aufgabe der Fans ist es in diesem Moment, ihre Enttäuschung kundzutun. Enttäuschung gehört dazu, aber für uns geht es darum, weiterzumachen. Wir haben vier Punkte aus vier Spielen gesammelt und gehen jetzt in einer lange Länderspielpause. Wir haben Themen, an denen wir arbeiten werden, um dann bestmöglich vorbereitet gegen Mönchengladbach drei Punkte zu holen.“
Merlin Polzin (Hamburger SV): „Die Mannschaft hatte nach den vielen Gegentoren den Plan, Sicherheit reinzubekommen. Das schafft man über Kompaktheit und enge Abstände. Wir haben es geschafft, unser Tor mit allem zu verteidigen, was wir haben. Dann bist du im Spiel, dann glaubst du wieder an dich. Dann ist dieses Stadion für die Mannschaft da. Dann findet eine Magie statt, die nicht erst auf dem Rasen stattfindet oder auf der Tribüne, sondern irgendwo dazwischen. Wir wussten um die individuellen Stärken des FC und um die Wucht, die sie entwickeln können, wenn das Spiel offener wird. Wir hatten den klaren Auftrag, die persönlichen Duelle zu gewinnen und schneller im Kopf zu sein.“
Das sagen wir
Vier Punkte aus vier Spielen sind weniger, als sich der 1. FC Köln vor der langen Länderspielpause erhofft hatte. Nur ein Zähler aus den Spielen gegen Bremen und den HSV ist deutlich zu wenig – auch mit Blick auf die Spielverläufe.
Der Befund erinnert zeitweise an die Vorsaison: Wer den Kölnern den Ball überlässt und so konsequent verteidigt wie der HSV am Samstag, hat gute Chancen, den FC zu frustrieren – und zu besiegen. Die Hamburger stellten sich vor ausverkauftem Haus geschlossen in die eigene Hälfte und ließen Köln kommen.
Der Befund ähnelt also dem der Vorsaison, die Ursachen sind jedoch andere. Vor allem offensiv sind die Kölner individuell breiter aufgestellt. Mit Moore und El Mala, die im zweiten Bundesligajahr womöglich noch stärker auftreten, hat der FC interessante Möglichkeiten.
Das Mannschaftsspiel wirkt allerdings alles andere als vollkommen. Das kann daran liegen, dass der Kölner Kader in diesem Sommer erst spät komplett war. Die Länderspielpause kommt nach einer Niederlage zwar zu einem ungünstigen Zeitpunkt, weil man sich lieber sofort rehabilitieren würde. Der FC sollte sie trotzdem nutzen, um mehr Geschlossenheit zu finden.
Dann könnte das Spiel gegen Borussia Mönchengladbach die Gelegenheit bieten, ein zweites Mal in die Saison zu starten. Dem FC – und seinem Trainer René Wagner.

