Veröffentlicht wurde die Zeichnung ausgerechnet am Tag der offiziellen Trauerfeier für die 40 Todesopfer am vergangenen Freitag – für viele der Gipfel der Geschmacklosigkeit.
Nach Feuerdrama„Charlie Hebdo“ für Karikatur zu Crans-Montana in der Kritik

Crans Montana: Menschen zünden Kerzen an und legen Blumen vor der versiegelten Bar Le Constellation in Crans-Montana.
Copyright: Antonio Calanni/AP/dpa
Genau elf Jahre ist es her, da ging ein Slogan um die Welt, der millionenfach in den sozialen Medien verbreitet wurde: „Je suis Charlie“ – „Ich bin Charlie“. Zwei islamistische Attentäter waren am 7. Januar 2015 in die Redaktionsräume des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ eingedrungen und hatten zwölf Menschen erschossen, darunter mehrere Zeichner, Journalisten und Polizisten.
Die Mörder „rächten“ sich ihrer eigenen Aussage nach für die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen. Bei Demonstrationen zur Unterstützung von Charlie Hebdo wenige Tage später gingen landesweit 3,7 Millionen Menschen auf die Straße. Die Zeitschrift wurde zum Symbol für Meinungsfreiheit, die Freiheit, sich über Religionen und generell alle Institutionen lustig zu machen. Die Freiheit, zu schockieren.
Das haben jene, die den Anschlag überlebt haben oder seither der Redaktion beigetreten sind, immer wieder getan; um zu beweisen, wie unabhängig sie bleiben und dass sie sich niemals ins Establishment einreihen wollen – oder um im Gespräch zu bleiben.
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Empörung um Karikatur von Charlie Hebdo
Eine Karikatur des Zeichners Éric Salch empört nun aber besonders. Sie zeigt zwei Skifahrer mit schwarz schraffierter Haut und Verband um den Kopf, die rasant eine Piste hinabfahren. Die Überschrift „Die Verbrannten gehen Skifahren“ lehnt sich an den französischen Klamauk-Kultfilm aus den 70er-Jahren „Les Bronzés font du Ski“ – übersetzt: „Die Sonnengebräunten gehen Skifahren“ – an. Der deutsche Filmtitel lautet „Sonne, Sex und Schneegestöber“.
„Die Komödie des Jahres“ steht daneben sowie ein Ortsschild Crans-Montana, um die Anspielung auf das Brandunglück überdeutlich zu machen, das sich in der Silvesternacht in der Schweizer Bar „Le Constellation“ zugetragen hat. Veröffentlicht wurde die Zeichnung ausgerechnet am Tag der offiziellen Trauerfeier für die 40 Todesopfer am vergangenen Freitag – für viele der Gipfel der Geschmacklosigkeit.
Am Montag reichte das Schweizer Paar Béatrice und Stéphane Riand Klage ein. „Die Zeichnung von Salch verletzt die Würde der Opfer“, kritisierten die Autorin und der Anwalt. Sie habe „keinerlei übergeordneten kulturellen, künstlerischen, wissenschaftlichen oder informativen Wert“. Es gebe gesetzlich festgelegte Grenzen der Meinungsfreiheit, so Béatrice Riand. Ob sie überschritten wurden, soll jetzt die Justiz entscheiden. Der Klage ging eine Welle entrüsteter Reaktionen in den sozialen Medien voran, auch von direkt Betroffenen. „Habt ihr an die Opfer und ihre Familien gedacht?“, fragte die Mutter des verstorbenen DJs Matéo Lesguer auf der Plattform X. „Schande über euch, ihr seid zum Kotzen.“
Ex-Personalchefin: Satire muss nicht zum Lachen sein
Zu jenen, die das Magazin weiter verteidigen, gehört Marika Bret, ehemalige Personalchefin von Charlie Hebdo. Es sei falsch zu behaupten, dass eine Satirezeichnung stets zum Lachen bringen müsse, sagte sie. Das Unglück in Crans-Montana sei die Folge von „riesigen Dummheiten“ und auf diese werde Bezug genommen. Auch der Chefredakteur Gérard Biard betonte, die Karikatur wolle sich nicht über die Opfer lustig machen, sondern ziele auf die „Absurdität“ der Tragödie in Crans-Montana ab. „Satire ist auch dafür da, zu schockieren.“ Weil sie dies zum Prinzip erheben, nehmen die Macher des Magazins auch in Kauf, dass die Auflage nach einem spektakulären Anstieg 2015 wieder einbrach – zu obszön, respektlos, zu wenig feinsinnig, lautete die Kritik.
Wenige Monate nach dem Terroranschlag nahm sich der Herausgeber Riss, der diesen verletzt überlebt hatte, das berühmte Foto des syrischen Jungen Alan Kurdi vor, der ertrunken an der türkischen Ägäis-Küste lag. Riss zeichnete neben das Kind ein Werbeplakat von McDonald’s und schrieb dazu „So kurz vor dem Ziel“. Der Zynismus empörte.
Dass er sich keinem Sturm der Entrüstung beugen will, das zeigte auch Éric Salch, der Autor der Karikatur über Crans-Montana, mit seiner Reaktion. Als Antwort auf die Kritiker zeichnete er einen Tisch in einer riesigen Blutlache. An ihm sitzen in sich zusammengesackt mehrere Personen, die mit Pfeilen in den Rücken getroffen wurden. „Darf man mit den Schweizern Gotteslästerung betreiben?“, steht darüber. „Die Redaktion durch Armbrustschützen dezimiert.“ Über alles, so die Botschaft, darf man spotten, sogar über die Ermordung von Karikaturisten.
