Abo

Verdreckte Kühe angekettetTierschützer klagen Zustände in Lindlarer Hof an

4 min

Ein Bild aus dem Stall eines Hofes in Lindlar. Die Fotos wurden nach Angaben der Tierschutzorganisation „Animal Rights Watch“ im Februar 2019 aufgenommen. Das Veterinäramt des Kreises kennt den Hof und hat dort jetzt erneut kontrolliert.

  1. Eine Tierrechtsorganisation prangert „Anbindehaltung“ in einem Lindlarer Hof an.
  2. Das Veterinäramt des Kreises hat darauf nun reagiert.

Lindlar – Der Stall wurde offenbar seit längerem nicht mehr ausgemistet, die Hinterläufe der Kühe sind von einer dicken, eingetrockneten Kotschicht überzogen. Dazu sind die Tiere angekettet, können sich im Stall nur sehr eingeschränkt bewegen. Fotos wie diese, heimlich aufgenommen in dem Stall eines Lindlarer Hofes, hat die Tierrechtsorganisation „Animal Rights Watch“ (Ariwa) an verschiedene Medien verschickt, auch an unsere Zeitung. Insgesamt hat Ariwa für eine Dokumentation nach eigenen Angaben in neun Ställen in Bayern, Hessen und NRW gefilmt und fotografiert. In zwei Ställen stießen sie auch auf angebundene Kälber, obwohl dies gesetzlich verboten ist.

„Bundesweit leben etwa eine Million Kühe in der sogenannten ,Anbindehaltung’,“ beklagt Ariwa. Jede vierte Kuh in der Milch-industrie sei davon betroffen, vor allen in kleineren Betrieben – auch mit Bio-Siegel. Der Bundesrat hat 2016 die ganzjährige Anbindehaltung von Kühen als tierschutzwidrig eingestuft, ein Verbot scheiterte am Bundeslandwirtschaftsministerium.

Ariwa: Anbindehaltung ist grausam

„Normalerweise würde eine Kuh auf der Wiese viele Kilometer am Tag zurücklegen, sich zwischendurch immer wieder hinlegen, um wiederzukäuen“, sagt Sandra Franz, Pressesprecherin von Ariwa. Die Anbindehaltung, bei der Kühe im Stall durch eine Kette, ein Eisengestänge oder einen Strick am Hals fixiert sind, sei deshalb tierschutzwidrig und grausam.

Kreislandwirt Bernd Schnipering aus Wipperfürth hat seinen Milchviehhof in Wipperfürth-Dreine kürzlich an seinen Sohn übergeben. „Bis Anfang der 1980er Jahre haben auch wir die Kühe im Winter im Stall angebunden, bevor wir damals umgestellt haben.“ In Oberberg sei die Anbindehaltung – im Gegensatz zu Bayern und Baden-Württemberg – heute nur noch selten anzutreffen. Die Bilder, die die Tierschützer aufgenommen haben, gefallen auch Schnippering nicht. „So etwas will man nicht sehen.“

„Tierwohl fordert jeder, aber keiner will dafür bezahlen“

Die allermeisten Landwirte würden ihre Tiere gut behandeln, denn nur dann könne man von ihnen auch eine ordentliche Leistung erwarten. Der Kreislandwirt sieht ein anderes Problem: „Tierwohl fordert jeder, aber keiner will dafür bezahlen“. Die Investitionskosten seien gestiegen, nicht aber der Milchpreis.

Das ist Animal Rights Watch

Mit heimlich entstandenen Fotos und Filmaufnahmen kämpft der gemeinnützige Verein „Animal Rights Watch“ (Ariwa) gegen Tierquälerei und Missstände auf Bauernhöfen und Schlachthöfen. Er sorgt damit immer wieder für Aufsehen, und für Ärger bei Bauern und Landwirtschafts-Funktionären.

Bei ihrem Vorgehen begeben sich die Aktivsten in eine rechtliche Grauzone. Wer heimlich in einen Stall eindringt und dort filmt, begeht Hausfriedensbruch. Allerdings hat das Oberlandesgericht Naumburg 2018 in einem Revisionsprozess den Freispruch von drei Aktivisten bestätigt. Angesichts untätiger staatlicher Kontrollorgane sei das Handeln der Angeklagten als Notstand gerechtfertigt, so der Vorsitzende Richter.

Ariwa setzt sich zugleich für eine tierfreundliche, vegane Lebensweise und gegen eine Massentierhaltung ein.

Dr. Stefan Kohler ist Leiter des Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamtes des Kreises. „Die Anbindehaltung ist nicht tierschutzgerecht“, so der Tierarzt. Gesetzlich sei sie erlaubt, in Oberberg allerdings kaum noch anzutreffen. „20 bis 30 Höfe haben Anbindehaltung, wir haben kreisweit 650 bis 680 Milchviehhöfe.“ Und im Sommer seien die Tiere hier meist auf der Weide. Auch dem Veterinäramt legen wir die Fotos vor. „Wir kennen den Betrieb in Lindlar“, sagt Kohler. Der Hof sei 2017 bei einer Kontrolle schon einmal negativ aufgefallen, 2018 habe man ein Zwangsgeld verhängt. Verstoße ein Landwirt mehrfach gegen Vorschriften, könne man ihm die Tiere auch wegnehmen. Der leitende Tierarzt wünscht sich mehr Kontrollen des Veterinäramtes in den Ställen. Nur fehle es dafür an Personal.

Auch dieses Foto haben Tierrechts-Aktivisten heimlich in einem Lindlarer Stall aufgenommen.

Keine weiteren Auffälligkeiten bei Kontrolle

Aufgrund der Bilder von Ariwa und der Anfrage unserer Zeitung hat das Veterinäramt den Lindlarer Hof jetzt erneut kontrolliert. „Bis auf sechs Tiere waren alle Kühe auf der Weide und blitzeblank“, sagt Dr. Kohler. Im Stall habe es allerdings nach wie vor zu wenig Einstreu gegeben, darauf habe man den Landwirt hingewiesen. Der Veterinär geht davon aus, dass der Hofbesitzer von der Aktion der Tierrechtler erfahren und mit einer Kontrolle gerechnet habe.

Mehr Kontrollen der Behörde fordert auch Sandra Franz. Doch Ariwa lehnt Tierhaltung generell ab. „Auch die Laufstallhaltung ist für Tiere schlimm“, so Franz. Milchkühe würden im Schnitt nach vier bis fünf Jahren geschlachtet, einem Bruchteil der natürlichen Lebenserwartung.