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Risiko Autotürgriff„Sicherheit geht vor Ästhetik“

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Versenkte Türgriffe können entweder durch Druck an verschiedenen Stellen ausgeklappt werden oder sie fahren sie automatisch aus. Doch die haben ihre Tücken.

Versenkte Türgriffe können entweder durch Druck an verschiedenen Stellen ausgeklappt werden oder sie fahren sie automatisch aus. Doch die haben ihre Tücken. 

Schick sehen sie aus, die versenkbare Türgriffe bei immer mehr Autos. Ob sie im Falle eines Unfalles für die Insassen gefährlich sind, weil sie sich Türen nicht mehr öffnen lassen, wird aber intensiv erörtert. 

In Deutschland hat die  Diskussion Fahrt aufgenommen nach einem Unfall in Schwerte bei Dortmund, bei den drei Menschen ums Leben kamen. Ein Tesla war beim Überholen außer Kontrolle geraten und gegen einen Baum geprallt. Das Fahrzeug fing Feuer. Dadurch fiel – so die Vermutung – die Stromversorgung aus und die Türen ließen sich nicht mehr öffnen. Der Fahrer und zwei Kinder starben, ein Kind konnte sich retten.

Tesla gibt an, das Auto habe Notfunktionen. Im Internet gibt es Videos, die zeigen, wie das funktioniert. Dennoch hat der Autobauer angekündigt, den Mechanismus zu ändern. Unfälle in den USA mit Toten und auch Beschwerden von Eltern über in Autos eingesperrte Kinder hatten die Behörde NHTSA auf den Plan gerufen. Aber es geht nicht nur um Tesla, nicht nur um Elektroautos und auch nicht nur um versenkbare Türgriffe, wie Unfallforscher oder Feuerwehrleute betonen.

Elektrische Systeme können bei Unfällen versagen

Versenkbare Griffe werden durch Druck an bestimmten Stellen ausgeklappt. Teils fahren sie automatisch aus, wenn sich der Fahrer nähert. Die Türen lassen sich dann per Tastendruck elektrisch öffnen. Ein elektrisches Verfahren gibt es auch bei Türen mit Griffmulden, bei denen ein Sensor betätigt wird, sagt Jörg Heck. Er ist Feuerwehrmann, der den Deutschen Feuerwehrverband in gemeinsamen Arbeitskreisen mit Autobauern vertritt.

Diese elektrischen Systeme, die auch für das Öffnen der Türen von innen genutzt werden, haben ihre Tücken. Im Falle eines Unfalls kann die 12-Volt-Stromversorgung für das Öffnen der Türen ausfallen. Das passiere häufig bei Unfällen, so Heck. In der Realität der Feuerwehren seien die Crashs oft heftiger als bei Tests. „Bei einem schweren Unfall - insbesondere, wenn Personen eingeklemmt sind - ist die Spannungsversorgung oft weg“, sagt Heck. Wenn es dann keine mechanische Möglichkeit gibt, die Türen zu öffnen, wird die Rettung der Insassen schwierig.

Statt versenkter Griffe plädieren wir für intuitiv bedienbare Türgriffe, bei denen sofort klar ist, wie sie zu betätigen sind – von außen als auch von innen.
Kirstin Zeidler, Unfallforscherin

Heck und Kirstin Zeidler, Unfallforscherin der Versicherer im Verband GDV, gehen aber noch weiter. „Statt versenkter Griffe plädieren wir für intuitiv bedienbare Türgriffe, bei denen sofort klar ist, wie sie zu betätigen sind – von außen als auch von innen“, sagt Zeidler. Das gelte vor allem für Laien, die helfen wollen. „Mir sind mechanische Griffe am liebsten“, so Heck. Ersthelfer müssten die Tür öffnen können, wenn sie nicht deformiert ist. „Und gerade in Stress-Situationen sind einfache Lösungen besser“, so der Feuerwehrmann weiter. Sicherheit gehe vor Ästhetik.

Neue Lösungen werden möglicherweise von China angestoßen. Dort sollen im kommenden Jahr bestimmt Griffe verboten werden. Und auch in Europa könnte es Änderungen geben. In den Arbeitsgruppen mit den Autobauern gebe es Diskussionen über die Türgriffe, so Heck. Ebenso in der entsprechenden Arbeitsgruppe der UN-Wirtschaftskommission UNECE. Generelle Regelungen sind besser als Regulierungen in einzelnen Ländern.

Abwertung bei Crashtest Euro NCAP droht

Hilfe kommt auch von Euro NCAP, einem unabhängigen Bewerter der Sicherheit von Autos. Autos, deren versenkbare Türgriffe nach Spannungsabfall nicht mehr funktionieren, sollen abgewertet werden. Dabei werben Autobauer gerne mit der Höchstzahl von fünf Sternen für die Sicherheit für ihre Produkte.

Bis es so weit ist, sollten sich Verbraucher, die sich ein Auto ohne klassische Türgriffe zulegen möchten, genau beraten lassen. Durch Nachfragen beim Händler oder Hersteller ist zu erfahren, wie die Griffe funktionieren, welche Notfallsysteme es gibt, wo die im Auto sind und wie die bedient werden. Wissen müssen das alle Insassen. Denn auf dem Rücksitz gibt es vielleicht einen anderen Mechanismus als vorne.