Chef der LandesrektorenkonferenzSind die Hochschulen durch die Energiekrise bedroht?

Nach mehreren Corona-Semestern ist der Präsenzbetrieb in den NRW-Hochschulen zurück – doch nun schlagen die hohen Kosten für Energie und Mieten bei Unis und Studierenden voll durch.
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Professor Wessels, die Hochschulen in NRW sollen wegen Corona ihre Seminarräume gut durchlüften und zugleich Heizenergie sparen. Wird im Winter ein Präsenzbetrieb überhaupt möglich sein?
Wessels: Stand heute finden die Lehrveranstaltungen in Präsenz statt. Wie lange sich das durchhalten lässt, muss sich zeigen. Wir haben in den Corona-Jahren ein gutes Krisenmanagement gelernt. Auch Distanzveranstaltungen sind denkbar. Aber der persönliche Austausch an der Hochschule ist für ein Studium wahnsinnig wichtig. Dabei stellt sich auch die Frage: Wie belüfte ich große Räume? Deshalb appellieren wir dringend an unsere Studierenden, im Hörsaal eine Maske zu tragen. Notfalls müssen wir eine Maskenpflicht einführen.
Sind Forschungsbereiche und der Lehrbetrieb durch die Energiekrise bedroht?
Die Hochschulen haben sehr genau geschaut, wo sie Energie einsparen können, ohne den Lehr- und Forschungsbetrieb zu gefährden. Die Hochschulen in NRW haben sich freiwillig dazu verpflichtet, den Gasverbrauch um 20 Prozent zu drosseln. Aber dabei muss man vorsichtig sein. Man kann nicht einfach alle Bereiche runterfahren. Ich teile die Sorge der großen deutschen Wissenschaftsorganisationen, die eine massive Schwächung des deutschen Wissenschaftssystems befürchten.
Zur Person
Johannes Wessels (60) studierte Physik in Heidelberg. 2003 wurde er Professor an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, seit 2016 ist der Kernphysiker Rektor der Uni. Am 1. September 2022 folgte er Lambert T. Koch im Amt als Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz. (mk)
Wie können die Hochschulen die Mehrkosten für Energie stemmen?
Das geht nur, wenn ihnen jemand dabei hilft. Wir können das nicht alleine tragen, denn wir können weder beim Personal kürzen, noch zweckgebundene Forschungsgelder umschichten. In dieser Situation ist das Land gefordert, es muss für die zusätzlichen Energiekosten einen Sondertitel im Haushalt schaffen. Wie sich die Gaspreisbremse für die Hochschulen auswirkt, ist noch gar nicht abzusehen.
Auch Studierende sind von steigenden Mieten und Lebenshaltungskosten betroffen. Wird Studieren zum Luxusgut?
Der Druck auf die Geldbörse der Studierenden wird größer. Das führt sicherlich dazu, dass sich manche ein Studium nicht mehr leisten können. Langfristig wäre es aber fatal, wenn nur diejenigen studieren können, die es sich leisten können.
Befürchten Sie also mehr Studienabbrüche aus finanziellen Gründen?
Derzeit sehen wir dafür noch keine Belege. Es kann sein, dass manche ihr Studium aufgeben oder ihren Studienwunsch verschieben. Aber wir haben ja nicht nur die Energiepreiskrise, wir haben Krieg. Wir wissen nicht, welche Auswirkungen das auf die Gesellschaft noch haben wird. Viele junge Leute werden in diesen Zeiten vermutlich nicht völlig unbeschwert studieren können.
Wie könnte man Studierenden in der Krise helfen?
Wenn man mit einem normalen Bafög-Satz nicht leben kann, dann muss man am Bafög etwas machen. An der Uni Münster haben wir einen Krisenfonds wieder aufgelegt, den wir in der Pandemie gestartet haben. Wir haben durch Spenden 800.000 Euro gesammelt und an notleidende Studierende vergeben. Das habe die Studierenden selbst organisiert und es hat sehr gut funktioniert. Das könnte ein Beispiel sein für eine befristete Nothilfe.
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Was ist Ihr Rat an die Erstsemester für diesen Winter?
Studiert mit Spaß! Ihr könnt jetzt das erste Mal im Leben machen und lernen, was ihr wollt. Diesen Willen sollten sie leben, auch wenn es kein Spaziergang wird. Ich sehe jetzt in der Stadt und an der Uni sehr viel Betrieb und Leben. Die Erstsemester kommen zusammen und feiern. Ich finde, das ist ein gutes Zeichen.



