Das Dach als LebensraumWie Studierende Kölns Innenstadt gestalten würden

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Die Via Spectacularis der Studierenden

Die Kölner Innenstadt ist eng, die Hohe Straße erst recht. Wenig Aufenthaltsqualität, keine Sitzgelegenheiten, kein Rückzugsraum. Breiter wird man sie kaum machen können – aber was wäre, wenn man eine zweite Ebene nach oben eröffnen würde? Eine, die sich vielleicht sogar bis auf die Dächer und über Straßenzüge hinweg erstreckt? Auf Anregung vom Verein Stadtmarketing haben sich Studierende der TH Köln, Fachbereich Master Städtebau NRW, aufgemacht, die Innenstadt „neu zu denken“. Allerdings nicht mal so eben. Eine akribische Vorbereitung vorausgesetzt, haben sie unter Leitung von Professorin Yasemin Utku Ansätze und Ideen zusammengetragen und diese in ganz konkrete Konzepte gebündelt.

Die Ausgangslage

113.000 Passanten am Tag, neun Bänke. 54 Fast-Food-Läden, zwei Spielplätze. 83 Prozent aller Flächen versiegelt. Vorhandene Plätze unbespielt und unattraktiv. Beide Hauptstraßen ausschließlich auf Konsum ausgerichtet. Zukunftsträchtig? Auf diesem Weg wohl kaum, sind die Studierenden überzeugt. „Es gibt noch viel Potenzial, das nicht ausgereizt ist“, sagt Henrik Tebroke. Er übernahm die Moderation der Vorstellung der Konzepte auf der Hohe Straße, zu der sich unter anderen auch interessierte Eigentümer einfanden.

Dachlandschaften in der City

Via Spectacularis nennen die Studierenden eine zweite Ebene oberhalb der Einkaufstraßen. Mit Sport, Verweilmöglichkeiten, Gastronomie und Domblick. Visualisierung: TU Köln

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Die Erde als bisher genutzter Raum, der Himmel alles darüber – von den oberen Etagen der Immobilien bis zum Dach selbst. „Via Spectacularis“ nennen die Studierenden selbstbewusst die Idee, den Straßenraum nach oben hin zu erweitern, in Anlehnung an die Via Culturalis. Nichts, was von heute auf morgen ginge, das ist auch den angehenden Städtebauern bewusst. Aber etwas, das theoretisch möglich wäre, in kleinen Schritten, über einen längeren Zeitraum. Nicht einfach die Idee, Dächer zu bespielen, sondern ganz konkret mit Zugangsmöglichkeiten von verschiedenen Punkten aus, mit „Kreuzungen“ über Straßenseiten hinweg, auch mit dem Bewusstsein der Schwierigkeiten technischer Einrichtungen auf den Dachgeschossen. Dennoch, Platz ist genug, sind die Autoren der Studie überzeugt: Für Sport, Gastronomie, Verweilen. Alles mit Domblick und an deutlich besserer Luft als unten im Getümmel.

Konsumfreiräume

Die Idee dahinter: Soll die City auch nach Geschäftsschluss belebt werden, reicht Shopping nicht aus. Ein Ansatz, der im Übrigen nicht nur von den Studierenden, sondern vom Handel selbst und vielen Eigentümern mitgetragen wird. Die Wege dahin können sehr unterschiedlich sein. Grundgedanke der Studierenden ist es, Frei- und Aufenthaltsräume zu schaffen. Auch mit „Mut zur Lücke“, wenn etwa Gebäude abgerissen werden müssen.

Die Idee der Untertunnelung des Offenbachplatzes – der damit zum „Offenplatz“ würde – ist so wenig neu wie kostengünstig, spielt aber dennoch eine tragende Rolle als verbindendes Element über die Nord-Süd-Fahrt hinweg. „Es gibt bereits eine Reihe von Plätzen entlang der Hauptrouten, aber keiner wird genutzt oder ist nur im Ansatz attraktiv“, betonten die Studierenden. Begrünungen, Sitzplätze, Neunutzungen oder einfach nur „Aufräumen“ könnten Abhilfe schaffen. Ebenfalls mitgedacht: Die vorübergehende Nutzung leer stehender Gebäude oder das Außengelände von Baustellen wie am Museum für angewandte Kunst.

Outdoor-Wohnzimmer, Aufenthaltsräume, Ausstellungen und kleine Oasen in der City: Eine übergreifende Vision des heutigen Stadtraumes, technisch durchaus umsetzbar.

Popup als Kunstmittel

Popup-Stores – Shops, die kurzfristig öffnen und ebenso kurzfristig wieder verschwinden – sind bereits ein beliebtes Mittel, um vorübergehende Leerstände zu vermeiden. Warum aber nicht auch auf die Kunst übertragen? Galerien an Bauzäunen etwa, in Leerständen oder auch in den oberen Etagen. Aber dabei müsste es ja nicht bleiben: Eine Bühne beispielsweise am Knotenpunkt Schildergasse/Hohe Straße, die vor allem abends oder bei besonderen Gelegenheiten genutzt wird. Mehr „Nachtleben“ in die Innenstadt bringen über die Kulturschiene mit Musik und Veranstaltungen, vielleicht auch wieder Clubs oder Bars.

Fazit

Die jungen Menschen, die diese Konzepte erstellt haben, sind nicht naiv. Natürlich wissen sie um Vorgaben, Schwierigkeiten und letztlich auch um die finanziellen Interessen verschiedener Seiten. Deshalb haben sie die Eigentümer auch gezielt mit ins Boot genommen. Als exakter Plan waren die Konzepte auch nie gedacht, selbst wenn sie theoretisch umsetzbar wären. Sondern eher als Denkanstöße, die das ein oder andere in Bewegung setzen sollen. Und die stießen bei allen Beteiligten auf reges Interesse.

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