- Handwerksbetriebe sind am Limit, sagt Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH).
- Im Interview mit Rena Lehmann formuliert er einen dringlichen Appell an die Politik.
Herr Wollseifer, Sie waren in dieser Woche einer der 40 Teilnehmer beim Wirtschaftsgipfel mit Peter Altmaier. Was hat das Treffen gebracht?
Die Lage spitzt sich gerade für viele unserer Betriebe zu. Viele sind jetzt in ihrer Existenz gefährdet. Ich kenne nicht wenige Handwerksmeister, die ihre komplette private Rücklage in ihren Betrieb stecken, Hypotheken aufnehmen oder sogar ihr eigenes Haus verkaufen. Die geben sprichwörtlich ihr letztes Hemd, um ihren Betrieb und so Arbeits- und Ausbildungsplätze zu erhalten. Das mal an erster politischer Adresse vorzutragen und so die Dringlichkeit von Hilfen und weiteren perspektivischen Plänen zu verdeutlichen, war sehr wichtig.
Der Wirtschaftsminister will nun mit den Wirtschaftsverbänden eine Öffnungsstrategie erarbeiten. Wie soll die aussehen?
Wir drängen auf eine Zukunftsperspektive für unsere Betriebe. Wirtschaft basiert auf Vertrauen und Planbarkeit. Die Betriebe müssen wissen, unter welchen Voraussetzungen sie wieder öffnen und ihre Mitarbeiter voll beschäftigen können – und das so schnell, wie es möglich und epidemiologisch verantwortbar ist. Es braucht eine Öffnungsstrategie, die nicht länger allein die Inzidenzen zum einzigen Maßstab für Öffnungen macht. Man muss auch andere Faktoren anschauen. Es muss auch eine Rolle spielen, wie weit man mit den Impfungen ist. Ob es lokal begrenzte Infektionscluster gibt. Wie viele Schnelltests zur Verfügung stehen. Und man muss genau schauen, welche Branche welche Sicherheits- und Hygienestandards hat. Da sind wir im Handwerk sehr weit. Unsere KosmetikerInnen etwa haben hohe Standards. Gleiches gilt für Autohäuser mit ihren zudem großen Verkaufsflächen: Da sehe ich nicht, warum die nicht öffnen können sollten.
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Aber was fordern sie konkret? Einen Stufenplan?
Wir wollen eine bundesweite Corona-Ampel, an der man genau ablesen kann, unter welchen Voraussetzungen und Hygienebedingungen welche Betriebe wieder öffnen können. Wir wissen auch, dass wegen des dynamischen Pandemieverlaufs nicht jetzt schon konkrete Daten festgelegt werden können, aber an feste Kriterien kann man das schon knüpfen. Der Wirtschaftsminister hat zugesagt, dass er aus allen Vorschlägen der Verbände ein Konzept entwickelt, für das er dann beim nächsten Corona-Gipfel wirbt. Darauf verlassen wir uns.
Aber von pauschalen Schließungen sind die meisten der Handwerksbetriebe, die sie vertreten, nicht betroffen…
So groß die Vielfalt unserer 130 Berufe im Handwerk ist, so breit ist auch die Spannweite der Betroffenheit durch Corona-Maßnahmen. Ohne Frage haben eine Reihe von Gewerken weiter gut zu tun. Dem Bau- und Ausbauhandwerk etwa geht es ganz gut, aber auch hier schmelzen die Auftragspolster zusehends. Doch beispielsweise für Veranstaltungstechniker und -caterer, Messebauer, Kosmetiker, Uhrmacher, Gold- und Silberschmiede, Schuhmacher, Maßschneider, Raumausstatter und andere sieht es teils sehr schlecht aus. Auch in die Autohäuser darf zurzeit keiner rein, obwohl sie riesige Verkaufsflächen haben. Wenn sie das Frühjahrsgeschäft auch komplett verlieren, dann droht dort eine massive Insolvenzwelle. Ums Überleben kämpfen auch viele Konditoreien, weil ihre Cafés zu sind. Oder die Reinigungsbetriebe, die in leeren Museen und Universitäten nicht mehr putzen können. Gebäude- oder Textilreinigern, aber auch Brauern, Bäckern und Fleischern fehlen die Aufträge aus Gastronomie und Hotellerie. Zahntechniker haben immer weniger zu tun, wenn Kunden aus Vorsicht nicht mehr zum Zahnarzt gehen. Ende Januar berichteten uns 58 Prozent unserer Betriebe von Umsatzverlusten in den vergangenen vier Wochen, durchschnittlich haben sich dort die Umsätze mehr als halbiert.
Kommen die Hilfen inzwischen in den Betrieben an?
Zumindest ist zu Wochenanfang endlich die Auszahlung der Abschlagszahlungen aus der Überbrückungshilfe III gestartet. Das war überfällig und schließt hoffentlich die Lücke, die sich bislang zwischen Hilfsankündigungen und -leistungen aufgetan hatte. Weil die Abschlagszahlungen mit so großem zeitlichen Verzug kommen, sollten sie auf 75 Prozent statt 50 Prozent angehoben werden. Zudem setzen wir uns dafür ein, einen kalkulatorischen Unternehmerlohn in die Fixkostenerstattung bei der Überbrückungshilfe III mit aufzunehmen, weil die Grundsicherung bei Bedarfsgemeinschaften oft ins Leere läuft. Und wir bleiben dabei, dass das Bundesfinanzministerium endlich seine Blockade aufgeben und den Verlustrücktrag auf zwei, besser drei Jahre ausweiten sollte. Damit ließen sich viele Insolvenzen abwenden. Wir hoffen, dass so unseren Betrieben jetzt wirklich schnell geholfen wird.
Wäre es sinnvoll, auch Handwerker mit Selbsttests auszustatten?
Unbedingt, die Schnelltests sind unsere große Hoffnung. Sie sollten millionenfach rausgegeben werden. Natürlich gehen auch die Handwerker meines Betriebes mit Maske zum Kunden und desinfizieren sich die Hände. Doch wenn sie einen negativen Schnelltest vorlegen können, würde das die Kunden sehr beruhigen und Aufträge sichern. Schnelltests halte ich für ein wichtiges Instrument, um breite Öffnungen zu ermöglichen.


