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Harte ArbeitBekommen Handwerker bald mehr Rente?

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Durch den reduzierten Abitur-Jahrgang 2026 in NRW erwartet das Handwerk spürbare Lücken auf dem Ausbildungsmarkt. (Symbolbild)

Durch den reduzierten Abitur-Jahrgang 2026 in NRW erwartet das Handwerk spürbare Lücken auf dem Ausbildungsmarkt. (Symbolbild)

Wer mit seiner eigenen Hände Arbeit seinen Lebensunterhalt verdient, soll im Alter – praktisch als Belohnung – mehr Geld haben. Doch wie könnte das funktionieren?

Im Handwerk fehlt an fast allen Ecken und Enden der Nachwuchs: Nun hat der CDU-Haushaltspolitiker Andreas Mattfeldt aus Niedersachsen einen kuriosen Vorschlag gemacht, um wieder mehr junge Menschen ins Handwerk zu locken. 

„Eine Möglichkeit ist, dass es für Handwerker mehr Rentenpunkte und damit am Ende eine höhere Rente geben könnte“, erläutert Mattfeldt der „Bild“-Zeitung. Damit könnten mehr junge Menschen ins Handwerk gelockt werden. In Deutschland sei „jahrzehntelang falsch ausgebildet“ worden, begründet der Politiker: „Zu wenig Lehrlinge, viel zu viele Studenten“. Mattfeldt weiter: „Umgekehrt sollten Studenten in eher weniger wichtigen Fächern wie Soziologie oder Politikwissenschaften künftig Studiengebühren zahlen.“ So bekäme man die Beschäftigung in Deutschland wieder „besser ins Lot“.

Verband fordert flexibleres Rentenalter

Das deutsche Bäckerhandwerk unterstützt die Forderungen nach mehr Rente für Handwerker und bezeichnet diese Idee als „charmant“. Konkret verlangt der Verband mit Sitz in Berlin: „Wer lange hart arbeitet, sollte früher in Rente gehen können.“ Denn viele Handwerker würden bereits mit 16 Jahren ins Berufsleben starten und über Jahrzehnte hinweg „körperlich anspruchsvoll“ schuften.

„Wir freuen uns immer, wenn Politiker sich um die Zukunft des Handwerks kümmern wollen“, sagt Peter Haas, Hauptgeschäftsführer von „Handwerk BW“ (dem Handwerksverband Baden-Württemberg), zu diesen Vorschlägen. Die Idee, Anreize für die Arbeit im Handwerk über die Rentenversicherung zu setzen, sei auf den ersten Blick zwar originell, „aber vielleicht unter Gerechtigkeitsaspekten nicht realistisch. Wir plädieren eher dafür, das Rentenalter vom Zeitpunkt des Berufseinstiegs abhängig zu machen“, sagt Haas gegenüber der Redaktion.

„Es ist etwas anderes, ob jemand mit 17 zu arbeiten begonnen und in die Rente eingezahlt hat oder ob er nach Studium und Ausbildung erst Anfang 30 in den Job startet“, betont der Hauptgeschäftsführer. Die Altersgrenze könne da ruhig variieren. Insgesamt griffen diese Vorschläge aber alle zu kurz. „Die Sozialversicherungssysteme müssen umfassender reformiert werden. Denn steigende Sozialabgaben belasten am Ende alle – Betriebe, Beschäftigte und den Staat“, sagt Haas.

Verteilungskampf in der Politik entbrannt

Derweil warnt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, vor wachsenden Verteilungskonflikten in der Bundesregierung und fordert ein Ende des Streits um Sozial- und Rentenfragen. „Die Bundesregierung und alle drei Regierungsparteien sollten den Verteilungskampf beilegen und nun zügig faire und wirtschaftlich kluge Lösungen vorlegen“, sagt Fratzscher anlässlich des jüngsten Vorstoßes von Mattfeldt.

Zur Idee einer höheren Rente für Handwerker meint der DIW-Chef: „Es entbrennt zunehmend ein Verteilungskampf in der deutschen Politik, da alle nun realisieren, dass wir in Deutschland in den kommenden Jahren den Gürtel werden enger schnallen müssen. Jede der drei Regierungsparteien möchte im Verteilungskampf das eigene Klientel unterstützen.“ Damit schade sich die Bundesregierung am Ende aber selbst am meisten, „da sie handlungsunfähig wird und weiter Vertrauen verspielt“, mahnt Fratzscher.

Kritisch sieht man die Rentenvorschläge von Mattfeldt auch in der Wissenschaft: „Für junge Menschen, die vor der Ausbildungsentscheidung stehen, ist die Rente noch sehr weit weg“, weiß Bernd Fitzenberger, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. „Ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass das Versprechen höherer Rentenansprüche in vier bis fünf Jahrzehnten einen relevanten Einfluss auf die heutigen Entscheidungen hat.“

Weitaus wichtiger sind nach Erkenntnissen des IAB die aktuellen Arbeitsbedingungen und die Verdienstchancen nach Abschluss der Ausbildung, aber auch berufliche Neigungen, soziale Normen, Erwartungen der Eltern und des sozialen Umfelds sowie auch die regionale Verfügbarkeit von Ausbildungsstellen.

Wäre das rechtlich überhaupt möglich?

Doch wäre eine Besserstellung von Handwerkern gegenüber der restlichen Bevölkerung überhaupt möglich? „Ich halte eine Begünstigung von Beschäftigten im Handwerk gegenüber anderen Beschäftigten bei der Rente für schwierig und nicht gerecht“, sagt Fitzenberger, auch wenn er betont, dass er dies „juristisch nicht abschließend beurteilen“ könne.

Denkbar wären aber eine handwerksspezifische zusätzliche Altersversorgung, die jedoch die Branche finanzieren müsste, und eine Erleichterung des Rentenzugangs bei reduzierter Erwerbsfähigkeit. Allerdings hält der Wirtschaftswissenschaftler beides nicht für probate Mittel, um den Nachwuchsmangel im Handwerk tatsächlich zu beheben. Und dieser Mangel ist mittlerweile enorm: Im Handwerk arbeiten rund 5,5 Millionen Beschäftigte. Deutschlandweit gibt es eine Million Betriebe, 250.000 Stellen sind derzeit offen.

„Möglich ist, dass sich mit der Krise in der Industrie wieder mehr Jugendliche dem Handwerk zuwenden“, vermutet Hauptgeschäftsführer Haas. Dennoch bleibe die Situation angespannt. Die Gesamtbeschäftigung im Handwerk ist aus demografischen Gründen rückläufig. „Für 2025 gehen wir von einem Rückgang zwischen 1 und 1,5 Prozent aus“, sagt Haas. „Die Ausbildung im Handwerk hat grundsätzlich ein Attraktivitätsproblem“, konstatiert Arbeitsmarktexperte Fitzenberger. Entsprechend sei der Nachwuchsmangel hier auch „sehr hoch“. So konnten zum Beispiel im Baugewerbe 2024 nur gut die Hälfte (56 Prozent) der Ausbildungsplätze besetzt werden.

Doch warum wollen die jungen Menschen nicht ins Handwerk? Fitzenberger nennt unter anderem eine fehlende Kenntnis über die guten Verdienstmöglichkeiten, wenn man nach der Ausbildung den Meisterabschluss macht und selbstständig wird, und die Tatsache, dass Jugendliche mit schwächeren Schulleistungen häufig eine Ausbildung scheuten, weil sie Schule und Lernen nicht als attraktiv wahrnähmen. Auch der gestiegene Mindestlohn spiele eine Rolle, da im Helferarbeitsmarkt inzwischen mehr verdient werden kann als in einer Ausbildung – wenn auch nur kurzfristig und nicht auf lange Sicht.