- Die Leipziger Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) finanziert revolutionäre Ideen von Einzelpersonen oder Unternehmen.
- Dierk Himstedt hat sich mit dem Leiter von Sprind, Rafael Laguna (57), über die Ziele und Ansprüche dieser neuen Wirtschaftsförderung unterhalten.
Köln – Wie definieren Sie eine Sprunginnovation?
Einfach gesagt, ist es eine Erfindung, die die Welt verändert. Bei der man rückblickend klar erkennt, dass sich etwas zum Guten für die Menschen verändert hat, und wo man sich die Frage stellt, wie wir eigentlich in der Vergangenheit ohne sie klar gekommen sind.
Wie grenzen Sie diese von anderen Innovationen ab?
Wir haben einen ganzen Katalog von Kriterien, die wir bei unserer Auswahl berücksichtigen. Die Entwicklungen des Silicon Valleys beispielsweise sind nur zum Teil Sprunginnovationen. Denn wenn Quasi-Monopole entstehen wie zum Beispiel bei Amazon und Facebook, sind dies trotz der revolutionären technischen und gesellschaftlichen Dimension dieser Produkte wohl eher Innovationen, die am Ende mehr Schaden anrichten, weil diese Unternehmen die Preise und Regeln in ihrem Interesse bestimmen.
Sprind – Ausgewählte Sprunginnovationen
Die Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) verfügt über ein Budget von rund einer Milliarde Euro für zehn Jahre. Wer gefördert wird, entscheidet eine interne Jury. Die Fördersummen liegen je nach Bewerber und Entwicklungsstand zwischen fünf- oder siebenstelligen Beträgen. Weitere Infos zu Sprind online unter www.sprind.org.
Aktuell unterstützt die Agentur unter anderem den in Frankfurt am Main tätigen Wirtschaftsinformatiker Bernd Ulmann. Ziel der von ihm zusammen mit zwei Partnern in Berlin gegründete anabrid GmbH ist die Miniaturisierung von so genannten Analogrechnern auf Chip-Größe. Diese sind nicht auf Programme angewiesen, sondern sind „Spezialisten“ und liefern Ergebnisse zum Beispiel direkt über Strommessungen oder chemische Prozesse. Sie sollen damit „schneller als jeder Digitalcomputer“ sein und zudem nur „ein Hundertstel von deren Energiemenge“ verbrauchen.
In Paderborn unterstützt Sprind den Ingenieur Roland Damann. Seit 1990 arbeitet er an einem Verfahren zur umweltverträglichen Wasserreinigung namens Mikroflotation. Kleinstpartikel wie Mikroplastik werden an feinste Gasblasen gebunden und von den aufsteigenden Bläschen an die Oberfläche transportiert, wo sie dann leicht aus dem Wasser herausfiltert werden können. (dhi)
Ist eine Sprunginnovation eigentlich immer gut?
Grundsätzlich ja, denn sie soll ja den Menschen nutzen. Allerdings kann eine neue nützliche Technologie auch eine „schmutzige“ Phase durchlaufen, bevor sie richtig gut wird. Social Media ist ein aktuelles Beispiel dafür. Die aktuellen negativen Auswirkungen gilt es noch zu überwinden, um dann den wirklichen Nutzen zu erreichen.
Sprunginnovationen können ja erst rückblickend bewertet werden. Was sagen Sie dazu?
Tatsächlich ist im Vorfeld nur das Sprunginnovationspotenzial erkennbar. Man muss letztlich ausprobieren, ob es dann auch eintrifft. Dieses Risiko muss man akzeptieren, ansonsten kann kein positiver Fortschritt entstehen. Manchmal ergeben sich auch neue Wege, wie zum Beispiel bei der mRNA-Technologie, wo die Entwickler zunächst an Medikamenten gegen Krebs arbeiteten und erst durch die Pandemie-Lage darauf kamen, mit dieser Technologie auch sehr schnell Impfstoffe gegen Corona herstellen zu können.
Kann man mit dem Budget von einer Milliarde Euro in zehn Jahren eigentlich viel bewirken?
Das ist die Summe, mit der wir arbeiten müssen. Unsere Finanzierungen bewegen sich – je nach Stand der Innovationen – zwischen 200T und zehn Millionen Euro pro Projekt und Jahr. Und das ist für ein junges Unternehmen richtig viel Geld, mit dem man sehr viel machen kann. Aber der Bund gibt ja insgesamt für Wissenschaft und Forschung viel, viel mehr Geld aus. Da reden wir über einen zweistelligen Milliardenbetrag pro Jahr. Dennoch ist klar, dass wir insgesamt mit den USA oder den staatlichen Förderungen in China nicht mithalten können.
Wie wird entschieden, wer was bekommt? Und wie schnell geht das?
Jeder kann auf unserer Webseite sprind.org einen Projektvorschlag einreichen. Nach einer Vorauswahl gehen wir schließlich mit den ausgesuchten Bewerbungen in den Aufsichtsrat, lassen uns diese genehmigen. Und erst dann erfolgt die Finanzierung des Unternehmens oder Innovators. Aktuell unterstützen wir sechs Großprojekte. Daneben machen wir so genannte Sprind Challenges zu wichtigen Herausforderungen. Eine interne Jury wählt dann die Sieger und diese bekommen dann umgehend eine vorher festgelegte Summe – zum Beispiel 500T Euro – ausgezahlt. Das geht dann schnell, was auch unser Ziel ist.
Warum ist die Arbeit von Sprind wichtig? Warum reicht das bisherige Fördersystem nicht?
Das Problem in Deutschland liegt nicht am Vorhandensein von Geld. Aber viele Wissenschaftler und Erfinder, die gründen wollen, kommen an einen Punkt, wo zum Beispiel eine staatliche Förderung ausläuft, eine Anschlussförderung fehlt, das Produkt aber noch keine Marktreife erlangt hat. Diese Unternehmer finden nur selten privates Kapital. Wir sprechen auch vom „Tal des Todes“. Hier kommen wir ins Spiel und helfen diesen Leuten, damit sie weitermachen und letztlich ihre Produkte marktreif verkaufen können. Wir sind somit für die potenzielle Sprunginnovationen ein wichtiges Überbrückungsinstrument der ersten Jahre.
Was macht die ausgewählten Sprunginnovatoren besonders?
Wir nennen unsere Innovatoren und Innovatorinnen High Potentials, liebevoll HiPos. Das sind Leute, die für ihre Sache brennen und, gelinde gesagt, sich auch im Grunde für nichts anderes interessieren. Es gibt in der Geschichte Beispiele von Menschen, die ihr ganzes Leben an ihrer Idee gearbeitet haben. Was alle auszeichnet, ist ihr Durchhaltevermögen. Sie lassen sich auch durch Widerstände nicht zurückschrecken, sondern machen einfach weiter. Geld ist für sie meist nur Mittel zum Zweck, um ihre Idee oder ihr Produkt Wirklichkeit werden zu lassen. Zudem denken viele gegen den Strom. Man kann sagen: Wenn eine Idee nicht ein bisschen verrückt klingt, dann ist sie meist auch keine Sprunginnovation.
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Warum werden so wenige Frauen gefördert?
Da es sich bei den von Sprind finanzierten Projekten bisher stets um neue Technologien handelt, haben die Einreichenden auch einen entsprechenden Hintergrund. Und dabei ist der Männeranteil nach wie vor hoch. Aktuell kommen etwas mehr als zehn Prozent der Projekt-Einreichungen von Frauen. Ermutigend ist, dass bei den zehn Teams unserer ersten Challenge, die neue antivirale Wirkstoffe sucht, viele Frauen mit dabei sind.
Wenn man Ihnen zuhört oder ihr Buch „Sprunginnovationen“ liest, spürt man Ihren positiven Blick in die Zukunft. Was macht Sie optimistisch?
Vor allem die Fakten. Wenn man in die Geschichte der Menschheit schaut, geht es den meisten Menschen heute nachweislich besser als in vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten. Die Menschen werden fast überall älter und leiden in großen Teilen auch weniger Hunger. Unsere Generation muss weniger Umweltbelastungen erleiden, wir leben gesünder, können uns besser bilden. Trotzdem haben die Propheten des Untergangs immer noch Hochkonjunktur, und man fragt sich: Warum? Klar haben wir Technologien im Einsatz, die uns Probleme bereiten, wie zum Beispiel bei der Stromerzeugung. Aber diese können wir nur durch bessere Technologien ablösen. Die Lösung ist sicher nicht, weniger Strom herzustellen. Das wird nicht funktionieren.
Um in Ihrem Sinne positiv zu bleiben: Haben Sie Beispiele einer Sprunginnovation, die Sie und Ihre Kollegen gerade feiern?
Ich würde da tatsächlich die Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci sowie Ingmar Hoerr von CureVac nennen. Für uns sind das tatsächlich die Helden unserer Zeit.



