Mit KI-Technik rekonstruiert Vodafone das historische Tor von Timo Konietzka, von dem es bislang keine einzige Aufnahme gab.
Serie Kollege KINach 63 Jahren –erstes Bundesliga-Tor im Video zu sehen
Der 24. August 1963 vor 63 Jahren war ein Samstag. Gegen 17 Uhr begannen an diesem Tag acht Partien gleichzeitig – der Startschuss der neu gegründeten Bundesliga. Im Weserstadion in Bremen stehen sich der BVB und Werder Bremen gegenüber. Das Stadion ist bis auf den letzten Platz gefüllt. 35.000 Menschen warten gebannt auf den Anpfiff. Auch Schiedsrichter Alfred Ott kann es anscheinend nicht erwarten und pfeift die Partie an – eine Minute zu früh. Schon in der ersten Minute erzielt Fußballer Timo Konietzka, Stürmer beim BVB, das allererste Tor in der Geschichte der Bundesliga.
„Der Ball kam nach links auf Lothar Emmerich. ‚Emma‘ lief bis zur Grundlinie und flankte zur Mitte. Ich stand etwa zehn Meter vom Tor entfernt und brauchte nur noch den Fuß hinzuhalten“, beschreibt Konietzka seinen Treffer. Das Problem: Im gesamten Stadion steht nur eine einzige Fernsehkamera. Doch wegen des verfrühten Anpfiffs ist der Kameramann noch nicht auf seinem Posten. Die Fotografen im Stadion drücken erst auf den Auslöser, als Konietzka jubelt. Das Ergebnis: es gibt keine Bildaufnahmen vom ersten Bundesligator der Geschichte.

Björn Simon (l.) und Lutz Scharf arbeiten an der Erstellung des Videos.
Copyright: Vodafone
Der 24. August 2026 war ein Montag. Gegen neun Uhr begannen die ITler mit ihrer Arbeit – Endspurt. Im Regiestudio von Vodafone in Düsseldorf stehen sich Mensch und Computer gegenüber. Der Raum ist dunkel, diffus rot beleuchtet. Immer und immer wieder läuft ein KI-erstelltes Video über den Bildschirm. Darauf zu sehen: Konietzkas Tor.
Aufwendige Suche nach Zeitzeugen: BVB und Vodafone rekonstruieren erstes Bundesliga-Tor
Seit 2025 ist Vodafone der Hauptsponsor des BVB. Die Idee, das erste Tor der Bundesliga zu rekonstruieren, käme aus einer „genialen Marketingabteilung, die sehr eng mit dem BVB zusammenarbeitet“, sagt Vodafone-CEO Marcel de Groot lachend. „KI bietet unfassbar viele Chancen und mit dieser Initiative möchten wir die positive Seite von KI zeigen. Mit einem Thema, das Millionen Fußballfans bewegt. Wir nutzen Technologie ganz gezielt, um ein Stück Fußball-Tradition für viele tausende Fans zum ersten Mal erlebbar zu machen und um sie zu bewahren – auch für die kommenden Generationen.“ De Groot selbst ist auch Fußballfan, ob in guten oder schlechten Zeiten drückt er Ajax Amsterdam und mittlerweile auch dem BVB die Daumen.
Die Rekonstruktion hat viel Arbeit, Planung und Zeit gekostet. Ein Team aus rund 50 Leuten beschäftigt sich seit sechs Monaten mit dem Projekt. Um möglichst genau an der Wahrheit zu bleiben, hat sich das Team zunächst auf die aufwendige Suche nach Zeitzeugen gemacht. „Man muss natürlich fragen, ob die Leute vor die Kamera möchten, etwas erzählen wollen und sich noch erinnern können“, erklärt Björn Simon, Head of Advertising and General Content bei Vodafone. Letztendlich haben sich Gerd Kolbe (heutiger BVB-Chefhistoriker), Günther Konietzka (der Bruder des Torschützen) und Eugen Kraas (Vorsitzender des größten BVB-Fanclubs „Oeventrop-Freienohl“) gefunden.
Video im authentischen schwarz-weiß-Look
„Ich hatte das große Glück vor Ort zu sein. Der Schiedsrichter Ott hat genau um 16:59 angepfiffen“, erinnert sich Zeitzeuge Kolbe. Die verschiedenen Aussagen zu kombinieren, war zunächst nicht leicht. Einige dachten, es habe geregnet, andere waren sich sicher, dass es an dem Tag komplett trocken gewesen sei. Daher haben die Experten sogar Wettermodelle von damals analysiert und kamen zu dem Entschluss: Es muss trocken gewesen sein. Viel Diskussion gibt es auch darüber, nach wie vielen Sekunden das Tor fiel. „Damals wurde langsamer gespielt als heute, aber nicht unendlich lange gedribbelt. Wir glauben, dass wir der Wahrheit sehr nah gekommen sind und die ungefähr bei 35 Sekunden liegt“, sagt Simon.
Wir wollen das fehlende Stück in der Historie mit einem möglichst authentischen Look schließen.
Das einzige Archivmaterial, auf das sich die Experten beziehen konnten, waren Aufnahmen aus der zweiten Halbzeit des Spiels und das Foto vom Jubel. Das KI-Video erinnert im Stil – schwarz-weiß und körnig – genau an diese Aufnahmen. „Wir wollen das fehlende Stück in der Historie mit einem möglichst authentischen Look schließen“, sagt Simon. Um die damalige Spielidee und das Verhalten der Fußballer auf dem Platz nachzustellen, erstellten Fachleute aus den Aufzeichnungen anderer BVB und SV Werder Bremen Spiele dieser Zeit Bewegungsmodelle. Zusätzlich wurde der Spielzug mit den Dortmunder U19-Fußballern nachgestellt. „Die Mannschaft hat aber fünf Versuche gebraucht, um das Tor zu treffen“, sagt Simon mit einem Schmunzeln.
Rekonstruktion: Zusammenspiel von mehreren KI-Anwendungen
Und was geschah dann mit den gesammelten Daten? Im Gegensatz zu der CGI-Technik, die man etwa aus Filmen wie Avatar kennt, funktioniert die AI ohne physische Prototypen. „Dennoch war es sehr viel Arbeit. Es ist nicht so, dass wir die Daten bloß in eine KI gekippt haben“, sagt Lutz Scharf, KI-Experte bei Vodafone.
Um eine grobe Ablaufsimulation zu simulieren, wurde der Spielzug zunächst – mit KI – in einem 2D-Modell nachgebaut. Um die Positionen der Spieler genau zu bestimmen, wurde das 2D-Modell dann in ein 3D-Modell gewandelt. Von dem 3D-Modell, letztendlich ein kurzes Video, das an eine Szene aus dem Spiel FIFA erinnert, wurden dann Screenshots gemacht. Aus diesen Screenshots hat die KI dann echt aussehende Bilder erzeugt – mit all den zuvor gesammelten Daten und im gewünschten Stil. Die einzelnen Bilder wurden dann von einer Video-KI animiert. Mit der bloßen Erstellung eines Videos war es aber nicht getan. Dem Team sind immer wieder kleine Fehler aufgefallen. „Am Anfang gab es eine Szene, wo die Eckfahne nicht in der Ecke, sondern fünf Meter danebensteht“, erinnert sich Simon.
Erstes Tor der Bundesliga: Videoerstellung hat sechs Wochen gedauert
Das gesamte KI-Video hat in der reinen Fertigung um die sechs Wochen gedauert. Sechs Wochen für ein Video, was in Summe eine Minute dauert. Dennoch hat die KI den Prozess schneller und auch günstiger gemacht. Konkrete Summen nennt Vodafone nicht, aber im Vergleich zu einer großen TV-Kampagne habe das Projekt nur einen Bruchteil gekostet. Die Summe bewege sich im sechsstelligen Bereich.
Vodafone selbst nutzt KI unter anderem im Kundenservice oder im Netzausbau. „KI wird auch bei uns fast jeden Job verändern. Sie wird manche Aufgaben übernehmen und neue Tätigkeiten hervorbringen“, erklärt de Groot. AgenticAI soll auf der Prozessebene viele Vorteile für das Unternehmen mit sich bringen. „Wir werden KI nutzen, für Dinge, die gut für unsere Kunden und für unser Unternehmen sind“, sagt CEO De Groot. Vodafone sieht sich als Unternehmen, dass KI überhaupt erst möglich macht. „Ohne unsere Netze gibt es keine KI. Netze wie unsere sind ein Treiber für Innovation und die ist im Endeffekt einer der größten Treiber für die Wirtschaftswende“, so De Groot.
Gezeigt wird der Film erstmals vor dem Saison-Auftaktspiel des BVB gegen den Hamburger SV im Signal Iduna Park. Anschließend wird der Film als festes Exponat im Deutschen Fußballmuseum verewigt. Zu sehen ist die Rekonstruktion auch im Rahmen der Dokumentation „The Unseen Goal“, die unter anderem auf YouTube verfügbar ist.
