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Serie „Kollege KI“Kann Ihre KI Juristen ersetzen, Herr Fergen?

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René Fergen steht im Büro vor einem Schriftzug des Unternehmens Jupus

René Fergen hat das Start-up Jupus gegründet. 

KI prägt nicht nur die Start-up-Welt, sondern auch die Rechtsbranche, wie das Kölner Unternehmen Jupus zeigt. Doch wie weit darf KI im Rechtswesen gehen?

Denkt man an KI und an Köln, kommt einem unweigerlich ein Unternehmen in den Sinn: DeepL – der Übersetzungspionier; das mit zwei Milliarden Euro bewertete wertvollste Start-up der Stadt; die Firma, die als eine der ersten hierzulande die KI-Welle ritt. 

Doch allmählich droht der Hype um Sprachmodelle sie zu überrollen. Die Konkurrenz macht Druck. Gründer Jarek Kutylowski kündigte im Mai einen massiven Stellenabbau an – jeder vierte Mitarbeiter sollte gehen. Das brachte das Jungunternehmen Jupus auf den Plan.

Das 2022 gegründete Legal-Tech-Start-up wächst derzeit rasant. Legal tech bezeichnet den Einsatz von Software und digitalen Werkzeugen im Rechtswesen. Jupus entwickelt und verkauft ein KI-Sekretariat für Kanzleien. 2000 Anwälte in Deutschland sind bereits Kunden. Während DeepL in Ehrenfeld Kündigungen ausspricht, stellt Jupus am Hohenstaufenring ein. 80 Mitarbeitende beschäftigen die Gründer, Jurist René Fergen und Entwickler Jannis Gebauer, inzwischen. Weitere Stellen sind ausgeschrieben, der Platz im Büro wird knapp, die Gründer schauen sich bereits nach einem neuen Quartier um.

Jupus sieht Potenzial in gekündigten DeepL-Mitarbeitenden

In den ehemaligen DeepL-Mitarbeitenden wittert Jupus die Chance auf qualifiziertes Personal am Standort Köln und wirbt offensiv um die Gekündigten. DeepL sei zwar groß, doch „bei Jupus gestaltest du die Zukunft mit“, heißt es selbstbewusst, fast schon provokant, auf der eigens eingerichteten Landingpage für gestrandete KI-Cracks. 

Vergleichbar sind die beiden auf Künstliche Intelligenz spezialisierten Kölner Unternehmen noch lange nicht. DeepL hat sich im vergangenen Jahrzehnt mit seiner KI-gestützten Sprachplattform zum weltweit führenden Anbieter von Sprachtechnologie und zum wertvollsten KI-Unternehmen Deutschlands vorgearbeitet. Jupus steht am Anfang des Weges – und will mit KI in einer der weltweit ältesten Branchen eine Nische für sich gewinnen. „In kleinen und mittelständischen Rechtsanwaltskanzleien herrscht Fachkräftemangel“, sagt Fergen. Die zuständige Kammer meldet seit etwa einem Jahrzehnt rückläufige Zahlen unter den Rechtsanwaltsfachangestellten. „Ein aussterbender Beruf“, sagt Fergen. Obwohl die Kräfte häufig diejenigen seien, „die den Laden schmeißen: vom Empfang über die Verwaltung bis zu kernjuristischen Tätigkeiten“.

In der Rechtsbranche fehlen Fachkräfte

Das Administrative bleibe nun aber an den Anwälten hängen. „Die Kanzleien können ihr Geschäft nicht mehr aufrechterhalten, wenn das so weitergeht“, sagt Fergen, der aus der Entlastung ein Geschäftsmodell entwickelt hat. Die Jupus-Software ersetzt das Sekretariat, nimmt Anrufe entgegen, vereinbart Termine, fordert Dokumente an, erstellt Schriftsätze.

Ein Beispiel aus dem Bereich Arbeitsrecht: Wenn sich ein Mandant in einer Kanzlei gegen eine Kündigung wehren möchte, erkennt die Jupus-KI eigenständig, welche Schritte erforderlich sind. Sie fordert den Arbeitsvertrag, das Kündigungsschreiben und die letzten drei Lohnabrechnungen beim Mandanten an. Fehlen Unterlagen, erinnert das System den Mandanten und behält die Frist für die Kündigungsschutzklage im Blick. Sobald alle Dokumente vorliegen, wertet die KI sie aus und erstellt einen ersten Entwurf der Klage, den der Anwalt anschließend prüft und bearbeitet.

Anders als DeepL, denen vor allem der Wettbewerb mit universellen Sprachmodellen von OpenAI und Anthropic zu schaffen macht, fürchtet sich Fergen nicht vor den globalen Playern. Während Alltagshelfer wie ChatGPT oder Claude auf frei zugänglichen Informationen basieren, wird die Jupus-Software mit sogenannten proprietären – exklusiven – Daten und Fällen aus Partnerkanzleien trainiert. 

KI ist für den juristischen Bereich wie gemacht. Die meisten juristischen Prozesse bestehen aus Textinput und Textoutput nach festen Regeln, vom allerersten Kontaktpunkt bis zum Urteil
René Fergen, Gründer von Jupus

„KI ist für den juristischen Bereich wie gemacht. Die meisten juristischen Prozesse bestehen aus Textinput und Textoutput nach festen Regeln, vom allerersten Kontaktpunkt bis zum Urteil“, sagt der 29-Jährige. Das menschliche Urteilsvermögen als wichtige Komponente dürfe dabei zwar nicht außer Acht gelassen werden. Trotzdem lautet seine Vision: „Wir entwickeln eine Software, die 80 Prozent aller Tätigkeiten in Kanzleien autonom erledigt.“ In den kommenden Jahren will er mit Jupus zum Marktführer in Deutschland aufsteigen.

Während sich die Konkurrenz laut Fergen größtenteils auf „Big Law“ – die umsatzstarken Wirtschaftskanzleien – fokussiert, setzt Jupus auf die kleinen und mittelständischen Unternehmen. „Sie sind die Basis für den Rechtsstaat und die, die täglich helfen. Beim Streit mit dem Vermieter kann sich ja niemand die Stundensätze einer Großkanzlei leisten.“ Die Spezialisierung ist aber auch strategischer Natur: Der Markt sei viel größer, es gebe mehr Kunden.

René Fergen beim Interview im Jupus-Sitz am Hohenstaufenring, während er beim Sprechen gestikuliert.

René Fergen beim Interview im Noch-Jupus-Sitz am Hohenstaufenring. Weil sein Start-up so schnell wächst, sieht er sich nach größeren Räumen in Köln um.

Die Abonnenten zahlen für die Nutzung der Software eine monatliche Abo-Gebühr von 97 Euro pro Kanzlei und pro Mitarbeiter. Hinzu kommen weitere Pakete, die Telefon-KI etwa wird nach Minuten abgerechnet. Jupus nimmt laut Fergen so jährlich einen mittleren siebenstelligen Betrag ein, 2025 vervierfachte es seinen Umsatz. Profitabel sei sein Start-up nicht.

Jedoch hat Jupus im Juni 13 Millionen Euro von Investoren eingesammelt. Im ersten Halbjahr war es die höchste Finanzierungsrunde unter allen Kölner Jungunternehmen, berichtet die städtische Wirtschaftsförderung. Jupus steht damit sinnbildlich für den Trend in der Branche. Start-ups sind von Sprachmodellen geprägt. Deutschlandweit weisen ein Drittel aller Neugründungen einen klaren KI-Bezug auf.

Der Kölner Gründer hält den Einsatz von KI für entscheidend, damit Deutschland und seine Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben. Bislang seien die hier ansässigen Akteure bei der Nutzung der Technologie „nicht schnell genug“. Das scheint auch für den Standort Köln zu gelten – ein Einhorn wie DeepL und vereinzelte Start-ups wie Jupus reichen da nicht. 

Laut Fergen kann KI einen entscheidenden Beitrag zur Bewältigung des Fachkräftemangels leisten. „Der Effizienzgewinn ist enorm und die Möglichkeiten sind riesig. Wir haben ein Werkzeug, das Wissen in nahezu endlosen Dimensionen verarbeiten und unser Leben verbessern kann“, sagt er.

Ist in der Rechtswelt der KI-Richter also die logische Konsequenz? Das Spiel einmal weitergesponnen, könnte bald ein Chatbot über Recht und Unrecht walten. Da allerdings zieht Fergen die Grenze. „Für die Nuancen benötigen wir immer noch ‚Human Judgement‘ (menschliche Entscheidungsfähigkeit, Anm. d. Red.). KI kann unterstützen, aber niemals das Urteil fällen“, sagt der Kölner.