70 Jahre Staat IsraelTreffen mit dem Zeitzeugen Yissakhar Ben-Yaacov
6 min
Am Strand von Tel Aviv: Israel ist (trotz schlimmer Nachrichten) ein Land oft friedlichen Zusammenlebens.
Copyright: picture alliance
ANZEIGE
Als der Staat Israel geboren wurde, war Yissakhar Ben-Yaacov nicht vor Ort, sondern in München. Der damals 25-Jährige kümmerte sich um jüdische Überlebende des Holocaust, die in der US-Besatzungszone auf die Ausreise nach Palästina warteten, das nun Israel war. Für die Münchner Delegation der Jewish Agency bedeutete der 14. Mai 1948, dass sie endlich offizielle Einreisepapiere ausstellen konnte. Ben-Yaacov erinnert sich: Ein Jude aus Gießen erhielt das erste israelische Visum „nach 2000 Jahren“, wie sein Chef damals formulierte. Ein historischer Moment.
Vor seiner Abreise ins Land der Täter im März 1948 hatte sich Ben-Yaacov in der Haganah ausbilden lassen, aus der später die israelische Armee hervorging. Diese Kampfeinheiten, die sich gegen arabische Angriffe zur Wehr setzten, wohnten damals im Tel Aviver Viertel Sarona. Gegründet hatte es eine pietistische Sekte aus Baden-Württemberg im 19. Jahrhundert.
Wir haben eine ganz gute Leistung vollbracht
Priva und Yissakhar Ben-Yaacov in ihrer Wohnung in Ramat Gan/Tel Aviv.
Copyright: Ulla Thiede
Wer die frisch restaurierten kleinen Häuser dieser „Templer“ heute sieht, will seinen Augen kaum trauen: Sarona ist heute ein angesagtes Ausgehviertel. Israelis, jung und alt, lagern unter Palmen neben Goldfischteichen oder schlürfen Cocktails in schicken Lokalen. Dahinter ragen Wolkenkratzer aus Glas und Stahl in die Höhe. „Ich glaube, wir haben eine ganz gute Leistung vollbracht“, sagt Ben-Yaacov, der inzwischen sein 95. Lebensjahr vollendet hat. Ich rufe ihn aus Deutschland an, anlässlich der 70-Jahr-Feiern. Wir trafen uns gelegentlich in Tel Aviv, wo er und seine Frau Priva, Gefährtin seit 69 Jahren, sich nach einem bewegten Diplomatenleben niedergelassen haben.
Als ich ihn kennenlernte, berührte es mich, dass wir beide in derselben Stadt, nämlich Hamburg, geboren wurden. Die Eltern waren mit dem Elfjährigen 1933 von der Elbe ins britische Mandatsgebiet Palästina geflüchtet. Der Vater hatte die richtigen Schlüsse aus der Lektüre von Hitlers „Mein Kampf“ gezogen. Andere Verwandte hatten weniger Instinkt: Sie wurden in den Vernichtungslagern der Deutschen ermordet.
Neue Heimat der Familie Jacobson (so hieß sie vor der Einwanderung) wurde ein auf Sand gebauter „Frühlingshügel“ (hebräisch: Tel Aviv) nördlich von Jaffa, einer alten arabischen Stadt am Meer. Frühling bedeutet Hoffnung, und genau die brachten die zionistischen Pioniere mit, als sie 1909 den Grundstein der Stadt legten. In Deutschland geschulte Architekten führten den Bauhaus-Stil im Gelobten Land ein und passten ihn an das heiße Klima an: kleinere Fenster, um die Hitze draußen zu lassen, stattdessen luftige Balkone und Dachterrassen, auf denen man abends den Wind vom Meer als Erfrischung wahrnahm.
Weiße Stadt in neuem Glanz
Jahre des Verfalls folgten. Inzwischen erstrahlt die Bauhausarchitektur aber vielerorts in neuem Glanz, und sie ist ein Wahrzeichen geworden: „White City“, die weiße Stadt, ist der Beiname für Tel Aviv.
Der einst für seine Orangen berühmte Agrarstaat ist heute ein Hightech-Land. Die sozialistischen Ideale, die in den Kibbuzim gelebt wurden, haben sich seit den 1990ern mit der wirtschaftlichen Liberalisierung überlebt. Allenfalls im Gesundheitswesen, das hervorragend ist und allen Bürgern offensteht (auch den 20 Prozent arabischen Israelis), ist noch etwas übrig geblieben vom Sozialismus der Gründerväter. Forschung und Entwicklung, in einem rohstoffarmen Land überlebenswichtig, spielen im digitalen Zeitalter schon in der Schule eine Rolle: Programmieren steht früh auf dem Stundenplan. Jüdische Israelis mit besonderen digitalen Talenten landen später während des Militärdienstes in Spezialeinheiten. Danach steht den Männern und Frauen eine Karriere in der Industrie oder in Start-ups offen. Internationale Hightech-Konzerne haben auch deshalb eine Niederlassung in Israel, um von dem Know-how zu profitieren.
Ben-Yaacov, dessen Deutsch immer noch einen hanseatischen Zungenschlag hat, betrachtet die Gründung des modernen Staates Israel „jedes Mal aufs Neue“ als ein großes Glück: „Es gibt mir einen gewissen Grad von Zufriedenheit“, sagt er mit diplomatischer Zurückhaltung, nachdem er auch in seiner Karriere berufliche Niederlagen einstecken musste. Etwa als seine Botschaftermission in Lagos 1973 während des Jom-Kippur-Krieges abrupt endete, weil Nigeria auf Druck der arabischen Staaten die Beziehungen zu Israel abbrach.
Gegengewicht zu rechten Hardlinern
Zurückhaltung erlegt er sich auch auf, wenn es um die Regierung von Benjamin Netanjahu geht. Von jungen Jahren an der Arbeitspartei verbunden, steht Ben-Yaacov den rechten Hardlinern überhaupt nicht nahe. Er setzt als Gegengewicht auf die demokratische Verfasstheit Israels, auf eine unabhängige Justiz und eine Presse, die sich nicht den Mund verbieten lässt. Die beißenden Kommentare der liberalen Zeitung „Ha-aretz“ schätzt er besonders, wobei er selbst eher den leisen Humor pflegt. Als 2014 während des Gaza-Krieges palästinensische Raketen bis nach Tel Aviv flogen, hörte das Ehepaar die Sirenen nur schwer und schaffte es oft nicht bis in den Schutzraum. Ein Problem, wenn man direkt unter dem Dach in der sechsten Etage wohnt. „Wir sind dann wenigstens in den fünften Stock gelaufen. So trifft man mal die Nachbarn.“
Mit dem Idealismus der frühen Zionisten, die in den Arabern ihre semitischen Brüder sahen, hat er auch Arabisch gelernt. Aber einen arabischen Freund hat er zu seinem Bedauern in all den Jahren nie gefunden. Dafür war er wohl auch zu oft in der Welt unterwegs, insgesamt kommt er auf fast 40 Jahre im auswärtigen Dienst für den jüdischen Staat. Als im Sechs-Tage-Krieg 1967 Israel Gebiete von Jordanien, Syrien und Ägypten eroberte, hielt sich Ben-Yaacov ebenfalls im Ausland auf, damals am Konsulat in Philadelphia in den USA.
Dass mit der Besetzung des bis dahin unter jordanischer Hoheit stehenden Ostjerusalems auch die westliche Stützmauer des früheren jüdischen Tempels wieder zugänglich wurde, bleibt für den gläubigen Juden Ben-Yaacov „unvergesslich“.
Wie sieht die Zukunft für Israel aus? Sorgt die angekündigte Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem, das Israel und die Palästinenser als Hauptstadt beanspruchen, für neue Spannungen im Nahost-Konflikt? Ben-Yaacov ist sich der Problematik, die sich daraus ergibt, bewusst, trotzdem aber sagt er: „Ich bejahe diese historische Entwicklung.“ Vieles hänge davon ab, welche Politik US-Präsident Donald Trump und Netanjahu im Anschluss verfolgten.
Land und Leute
Bewohner: Das Territorium Israel spielt in der religiösen Überlieferung von Juden, Christen und Muslimen eine zentrale Rolle. Die heiligsten Stätten liegen in Jerusalem. In der Altstadt befindet sich der Tempelberg mit dem Schrein des Felsendoms, der Klagemauer, der Al-Aqsa-Moschee und der Grabeskirche. Tel Aviv ist das Finanzzentrum Israels und für seine Bauhaus-Architektur und seine Strände bekannt.
Hauptstadt: Per Gesetz Jerusalem. Die UN und die Mehrheit ihrer Mitgliedstaaten lehnen es aber ab, das Jerusalemgesetz zu akzeptieren und empfehlen, ihre Botschaften in den Städten Tel Aviv-Jaffa, Ramat Gan und Herzlia zu unterhalten. Unter anderem die USA wollen ihre Botschaft nach Jerusalem verlegen