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LieblingslokalKölner Feynsinn unterm Wolkenhimmel – ein Ortsbesuch

4 min
Laura Börsch im Feynsinn - sie übernimmt von ihrer Mutter gerade die Geschäftsführung des Gastro-Familienunternehmens.

Laura Börsch im Feynsinn - sie übernimmt von ihrer Mutter gerade die Geschäftsführung des Gastro-Familienunternehmens.

Es war schon erweitertes Wohnzimmer, Büro oder Partyraum - Martina Windrath erzählt von ihrer Beziehung zum Kölner Café Feynsinn.

Unter der mit grauweißen Wolken bemalten Stuckdecke im „Feynsinn“ lässt es sich „himmlisch“ tafeln. Der Name ist Programm. Das Café und Restaurant am Rathenauplatz bietet mit Blick durch große Fenster auf stilvolle Gründerzeitbauten viel Frisches für die Geschmackssinne. Das Auge isst gerne mit, drinnen und draußen auf der Terrasse.

Wer durch die Tür mit schweren Vorhängen in den Altbau tritt, kann sich in den von Künstlerin Bettina Gruber gestalteten Räumen fühlen wie in einer Wunderland-Inszenierung mit verträumter Atmosphäre und einer Prise Ironie. Vom hohen Wolkenhimmel hängen ihre opulenten Kronleuchter aus vielen Glasscherben, an der Wand große Fotos, hier ein Strandmotiv, dort ein Porträt von Hund Amsel, der auf einem Diwan thront.

Himmlisch speisen lässt sich hier nicht nur mit Blick auf den Himmel.

Himmlisch speisen lässt sich hier nicht nur mit Blick auf den Himmel.

Biokost mit Kunstgenuss unterm Fresko in Graublau: Das Lokal entwickelte sich für mich als (frühere) Nachbarin im Altbau gegenüber gelegentlich zum zweiten Esszimmer mit aufmerksamem Service - als Treffpunkt ab und zu mit Familie und Freunden im Veedel, ob beim kleinen Kaffeeklatsch oder zur großen Geburtstagstafel mit Bistrotischen und roten Sitzbänken aus Holz. Gute Dienste leistet(e) es ebenso mal als ausgelagertes Office oder Espresso-Stopp auf der Runde mit dem Hund. Auch Kinderbesuch und Oldies gefällt`s (bis auf den kleinen Sanitärbereich).

Feynsinniges überall, von wundersamer Deko bis zu Bonmots, mit denen der Rand der Karte gespickt ist. Die Speisekarte hat Vielfältiges für den kleinen und größeren Hunger zu bieten, zu moderaten Preisen. Regionale Produkte, frisch zubereitet, von Lieferanten aus der Umgebung, bilden das Fundament: Gemüse wird saisonal etwa in Kooperation mit der Alexianer Klostergärtnerei angebaut, Biofleisch kommt aus dem Bergischen Land und, und, und.

Die Künstlerin Bettina Gruber hat die Räume im Feynsinn gestaltet.

Die Künstlerin Bettina Gruber hat die Räume im Feynsinn gestaltet.

Das Bistro startete 1992 im Kwartier Latäng, als „Bio“ noch ein Fremdwort war. Das gastronomische Gesamtkunstwerk fiel aus dem Rahmen und bot en unserem Veedel eine Alternative mit unkonventioneller Gestaltung und innovativem Konzept.

Die Zeiten, als gewünschte Speisen auf einem Zettel anzukreuzen waren und das „Existenzialistenfrühstück“ (ein Espresso und eine Roth-Händle ohne Filter) noch auf der Karte stand, die sind allerdings Geschichte. Eggs Benedict, Shakshuka oder das Granola mit Früchten haben aktuell Konjunktur. Auch der Mittagstisch für 11,90 Euro ist beliebt, Süppchen und Salate und Burger (auch vegan) gehen immer. Von Studierenden über junge Mütter bis zu älteren Feynschmeckern: Manche Gäste kommen nur tagsüber, andere nur abends. Ab 17 Uhr zeigt das Café-Restaurant sein festlicheres Gesicht mit Menüs und wechselnden „essquisiten“ Empfehlungen wie zum Beispiel Lachsfilet in Safransauce an Rotkohlpüree, Maishähnchen auf Waldpilzrisotto und Mousse au Chocolat.

Viel fürs Auge bietet das Feynsinn. An der Decke hängen Leuchter aus zerbrochenen Flaschen.

Viel fürs Auge bietet das Feynsinn. An der Decke hängen Leuchter aus zerbrochenen Flaschen.

Das „Feynsinn“ ist der erste von mehreren Ablegern der „Café im Bauturm“-Familie, die im Belgischen Viertel ihre Wurzeln hat. Die Bauturm-Café-Gründer Gaby und Achim Mantscheff wagten Neues. Mit einer Vision, Mut und Fantasie begann der Betrieb 1988 im Haus des Architekten Erich Schneider-Wessling auf der In-Meile an der Aachener Straße, damals dort noch ziemlich allein auf weiter Flur. Er entwickelte sich zu einem Szene- und Künstlertreff. Vier Jahre später eröffneten die Trendsetter ihr zweites Lokal, dem wir von der damaligen Wohnung aus in die Küche guckten.

Regionale Biokost und viel Selbstgemachtes von Pasta und Kuchen bis Sirup - das brachte nachhaltig auf den Geschmack. „In den Gründerjahren war das Konzept noch vielen völlig fremd und wurde anfangs für total verrückt erklärt “, erzählt Laura Pörsch beim Besuch vor Ort, wo sie schon als Kind mit den Eltern viel Zeit verbrachte und beim Blick auf die Kronleuchter aus zerbrochenen Weingläsern und anderen kleinen Gegenständen gern „Ich sehe was, was du nicht siehst“ spielte. Die Tochter der Pioniere Gaby und Achim Mantscheff kellnerte während des BWL-Studiums dort, hatte ab 2012 ihren ersten Job als Betriebsleiterin im „Feynsinn“.

Kunterbunt und einladend: das Feynsinn.

Kunterbunt und einladend: das Feynsinn.

Die Mutter von zwei Kindern übernimmt gerade von ihrer Mutter die Geschäftsführung des Familien-Unternehmens. Es setzt aufs bewährte, nach wie vor jung wirkende Konzept. Der Bauturm-Solitär wuchs im Lauf der Jahrzehnte zum Unternehmen mit mehreren Sprösslingen und einem Catering, in Köln gehört etwa das „Ludwig“ im Museum Ludwig dazu und die Gastronomie an den Interimsstätten von Oper und Schauspiel. Seit kurzem macht das Konzept in Düsseldorf Schule mit der „d`Orphée-Kulturgastronomie“ in der Oper am Rhein.

Die Zeiten ändern sich, Wohnsitze wechseln, Gäste und Lokale kommen und gehen. Das „Feynsinn“ ist sich treu geblieben, wir früheren Nachbarn ihm - und treffen uns hin und wieder unter den Wolken zur Tafelrunde am vertrauten Platz mit Geschichte(n).


Die Karte im „Feynsinn“, Rathenauplatz 7, wechselt regelmäßig, täglich gibt es einen Businesslunch. Zu den Rennern gehören zum Beispiel Gemischte Salate der Zeit (16,90 Euro) mit Ziegenkäse (+5,90 Euro), das Clubsandwich mit Landhähnchenbrust (16,90 Euro) ist ebenfalls ein Evergreen. Der wechselnde frische Mittagstisch ist montags bis freitags zu bestellen, es gibt selbstgebackene Kuchen zum Moxxa-Kaffee aus fairem Handel, abends stehen diverse Hauptspeisen wie Schupfnudel-Gröstl mit Wirsing (17,90) oder Burger vom Bio-Rind (19,90) Euro zur Wahl. Gut sortierte Getränkeauswahl, vom Bio-Wein bis zu hausgemachten Säften.