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Die 68er in Köln (10) Mary Bauermeister: „Ich hatte Narrenfreiheit“

Wortgewandt, spontan, voller Energie: Mary Bauermeister (84) setzt auf Ehrlichkeit und das Prinzip Verantwortung.

Wortgewandt, spontan, voller Energie: Mary Bauermeister (84) setzt auf Ehrlichkeit und das Prinzip Verantwortung.

Köln – Es sprach sich weltweit herum in der Kunstszene der frühen 60er Jahre. „Wenn Du in Köln bist, mach einen Stopp bei Mary!“ Und sie kamen gern ins Atelier von Mary Bauermeister in der Lintgasse, einem Zentrum der internationalen Avantgarde am Rhein: Experimentelle Künstler wie der Koreaner Nam June Paik und aus den USA Pianist David Tudor, Musiker John Cage, der Kölner Schriftsteller Hans G. Helms, auch Verpackungskünstler Christo schaute mal vorbei. Das Zentrum in der Kölner Altstadt entwickelte sich zu einem der Geburtsorte der frühen Fluxus-Bewegung. Lange bevor auf deren Höhepunkt Wolf Vostell 1969 seinen Opel Kapitän einbetonierte: Seine Auto-Skulptur „Ruhender Verkehr“ steht heute auf dem Hohenzollernring und ist längst kein Stein des Anstoßes mehr.

ZUR PERSON

Mary Bauermeister, 1934 in Frankfurt geboren, besuchte das Gymnasium in Köln-Kalk, 1954-55 die Hochschule für Gestaltung Ulm, 1955-56 die Schule für Kunst und Handwerk Saarbrücken. Die renommierte Künstlerin lebte in einer offenen Beziehung mit Komponist Karlheinz Stockhausen (1967-1973 verheiratet, zwei Kinder). Ihr Atelier war Anfang der 60er ein bekannter Künstlertreff. 1962 zog sie nach New York, lebte zeitweise in Amerika, pendelte zwischen New York, San Francisco, Köln und anderswo.

Nach der Trennung 1971 Tochter mit David Johnson,Mitglied der Band „Can“, 1974 Kind mit John Halevi. Sie lebt in ihrem 1968 in Rösrath-Forsbach gebauten Haus.(MW)

Alles zum Thema Galeria Karstadt Kaufhof

„Ich war damals jung und schön und hatte als Künstlerin Narrenfreiheit, das hilft!“, sagt die heute 84-Jährige lachend mit Blick auf ihre Anziehungskraft, während sie im Gespräch mit der Rundschau in ihrem Haus auf einer weißen Sitzlandschaft Platz nimmt – umgeben von Objekten mit Linsen, Steinbildern, Kristallskulpturen, Klangschalen. Das Refugium entstand Ende der 60er Jahre, als sie sich vom Wegbereiter der Elektronischen Musik, dem Kölner Komponisten Karlheinz Stockhausen, getrennt hatte. Zuvor lebte sie mit ihm in Köln zeitweise in einer Beziehung zu Dritt .

„Alle waren wir bewegt von einer ähnlichen Fühl- und Denkweise, drückten unsere Impulse nur auf unterschiedliche Art, jeder in seiner Kunst aus“, schreibt sie in ihrem Buch „Ich hänge im Triolengitter“ (btb-Verlag). Die war sehr experimentell und huldigte nicht dem Bestehenden. „Das war für uns die einzige Möglichkeit nach dem Scherbenhaufen, den der Krieg hinterlassen hatte.“ Ihr Altstadt-Atelier bot jenen eine Bühne, die der etablierte Kulturbetrieb (noch) nicht anerkannte. „Was für den WDR zu progressiv war, stand bei mir auf dem Programm.“ Paik zeigte bei Mary erste Performances, spielte etwa erst Chopins Nocturne ganz harmonisch, tobte dann plötzlich los und bearbeitete das Piano mit Kopf und Fäusten.

Voller Gestaltungskraft: Mary gilt als „Urmutter“ der Fluxus-Bewegung, sie setzte Impulse mit Werken und Atelierzentren.

Voller Gestaltungskraft: Mary gilt als „Urmutter“ der Fluxus-Bewegung, sie setzte Impulse mit Werken und Atelierzentren.

Die 1,80 Meter große „Loreley“ mit den blonden Zöpfen war auch mit eigenen Werken ihrer Zeit voraus. Sie arbeitete schon früh mit Fundstücken aus der Natur und Alltagsgegenständen, machte Konzeptkunst, Landart, Fluxus oder Arte Povera, als das noch keine Namen hatte. „Haferflocken, Vitamintabletten und Partys, wo es etwas zu essen gab“ – das war ihre Diät Anfang der Sixties. „Der Hunger war unsere bewusstseinserweiternde Droge.“ Und sie bewegte der Hunger nach Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. „Unser Ansatz war zuerst ein künstlerischer, aber wir hatten zunehmend brennende politische Fragen. Uns wurde schnell klar, dass es darum ging, die Kunst zu erweitern. Das uferte aus.“

Musikalisch sei Köln in den 60er Jahren „höchst spannend“ und das Zentrum in Europa gewesen, findet Bauermeister, auch durch Stockhausen als treibende Kraft am Elektronischen Studio des WDR. Künstlerisch gesehen sei in Düsseldorf mit der Akademie anfangs mehr los gewesen als in Köln mit den Werkschulen, doch im Laufe der 60er entwickelte sich die Stadt zum progressiven Kunstzentrum.

Blond, 1,80 Meter groß: Viele schwärmten für Mary – „Loreley“.

Blond, 1,80 Meter groß: Viele schwärmten für Mary – „Loreley“.

Die Fluxus-Szene brummt

Provozierende Happenings, Performances – Neues entstand. Wolf Vostell zerfetzte Plakate zur De-Coll/age, integrierte als einer der ersten (wie Paik) Fernseher in sein Schaffen. 1964 initiierte der Kölner Sammler und Chefrestaurator Wolfgang Hahn nach der Devise „Kunst ins Leben!“ Arbeiten wie Daniel Spoerris „Hahns Abendmahl“, wo die Überbleibsel des Festmahls samt Geschirr auf die Tafel geklebt und hochkant aufgehängt wurden. 1967 begeisterten die Rolling Stones in der Sporthalle, die Kunst politisierte sich weiter, Aktionen von Fluxus-Mitbegründer Vostell, von Joseph Beuys und anderen erregten Aufsehen. Die Szene boomte.

Zu wesentlichen Begründern dieser Entwicklung gehört auch der Kunsthändler und Galerist Rudolf Zwirner, den es 1962 nach Köln zog, wo sich nicht nur im Atelier von Mary Neues tat. Er gründete 1966 mit Hein Stünke (Galerie Der Spiegel) den Verein progressiver Kunsthändler und den Kölner Kunstmarkt mit, der 1967 im Gürzenich eröffnete – und weltweit Aufsehen erregte. Das Konzept ging auf. Aus dem Kunstmarkt entwickelte sich später die „Art Cologne“. 1969 jubelte die „Zeit“ über die neue „unheimliche Kunsthandelsmetropole“: „Nirgendwo sonst auf der Welt – nicht einmal in New York – werden zu dieser Zeit mehr Sammler, Kunsthändler, Kritiker, Künstler und Kunstwerke auf engerem Raum versammelt als eben im Umkreis des Kölner Doms.“

Sprung nach New York

Den Sprung nach New York wagte Bauermeister schon nach ihrer ersten großen Ausstellung im Amsterdamer Stedelijk-Museum 1962. Sie startete im Kreis um die späteren Pop-Art-Stars Jasper Johns und Robert Rauschenberg durch, hatte 1964 in New York ihre erste Einzelausstellung in der Galeria Bonino. Die Stärke, ihre ganz eigenen Wege zu gehen, entwickelte sich bei Mary früh: „Ich war kein Kind, das gehorcht.“ Den Willen habe ihr niemand gebrochen. Wohl aber wäre sie fast an ihrer ersten Partnerschaft mit einem Künstler zugrunde gegangen und „an dem Frauenbild der damaligen Zeit: Männer haben das Sagen, Frauen müssen fürsorglich sein, dienen und alles ertragen bis dass der Tod Euch scheidet.“ Dann verliebten sich Bauermeister und Karlheinz Stockhausen. Eine Amour fou mit Hindernissen. „Ich hätte niemals gewählt, eine Ehe zu Dritt einzugehen, aber die Polygamie des Mannes hat mich dazu gebracht, und ich wollte auf keinen Fall Heimlichkeiten. Ich wollte ehrlich bleiben“, erzählt sie freimütig über die Beziehung zu dem Komponisten und dessen Ehefrau. Die Ménage à trois sorgte im katholischen Köln für Aufsehen, auch Empörung.

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Stockhausen und sie heirateten nach dessen Scheidung 1967. Als die Flower-Power-Bewegung die freie Liebe propagierte, hatte sie das bereits erprobt – und erlitten. In San Francisco erlebten sie den Summer of Love mit, die „großartige Hippiebewegung“. Bauermeister: „Malcolm X, Martin Luther King, Vietnamkrieg, das waren größere Themen als in Deutschland. In Amerika war das ganze Land in Bewegung für eine bessere Welt, in Köln habe ich das eher als eine Art Stadtrevolution empfunden.“

Die Künstler- und Musikerszene am Rhein war geprägt davon, „dass wir nach der Zeit des Nationalsozialismus keinem Erwachsenen mehr geglaubt haben. Unsere Eltern haben wieder alles aufgebaut, leider mit den alten Machtstrukturen.“ Das Hinterfragen der alten Strukturen habe die politische Bewegung in Gang gesetzt. „Wir waren rote Socken. Wir wollten Zins und Grundbesitz abschaffen – und Grundbedürfnisse wie Strom und Wasser allen bereitstellen. Wenn ich etwas mitnehme aus den 68ern, ist es das Prinzip Verantwortung: Als Mensch ist jeder für die Welt verantwortlich. Künstler sind nicht nur dazu da, um schöne Bilder und Musik zu machen.“ Für die Zukunft wünscht sich die Mutter von vier Kindern „mehr fürsorgliche, feministische Männer“, „mehr Gleichberechtigung ohne Gleichmachung“. Die Samen der 68er pflanzt sie weiter, für ihre Enkel: „Verantwortung übernehmen, keiner Machtstruktur vertrauen, selber tun!“