Der Zeitzeuge Sebus warnt vor Gleichgültigkeit, betont die Unersetzlichkeit der Demokratie und berührt die Schülerinnen und Schüler mit seiner Geschichte.
2. Weltkrieg in KölnZeitzeuge Ludwig Sebus erzählt über Leben in der NS-Zeit

Ludwig Sebus erinnert Schülerinnen und Schüler an die Wichtigkeit der Demokratie.
Copyright: Nabil Hanano
Ludwig Sebus, der sonst stets mit der Sonne um die Wette strahlt, weint. „Menschen, die nicht lachen können, die sind sehr gefährlich“, sagt er mit brüchiger Stimme. „Hitler hast du nie lachen sehen. Die Nazis auch nicht.“ Im Dritten Reich ist Sebus aufgewachsen, den Weltkrieg hat er zuerst als Kind erlebt, dann als Soldat und schließlich als Kriegsgefangener. 75 Jahre liegen diese bitteren Erinnerungen zurück. Dennoch erinnert er sich an seinen jüdischen Freund Salomon, den er vergeblich suchte, und an seine Kameraden, die an Durst, Hunger und Heimweh im Gefangenenlager starben. Sogar genaue Zahlen sind ihm im Gedächtnis geblieben: Mit 1653 Männern kamen sie im Lager an, weniger als 1000 überlebten die Auflösung.
Wie er die Zeit im Nationalsozialismus erlebte, erzählte Sebus am Mittwoch einer zehnten Klasse des Gymnasiums Thusneldastraße. Immer wieder weinte er, seine Stimme erstickte unter Tränen. „Eine dünne Haut habe ich über die Jahre bekommen“, sagt er, geprägt durch die Erlebnisse. Die Schülerinnen und Schüler konnten ihm Fragen stellen, die Sebus mit bemerkenswerter Erinnerungsgabe beantwortete.
„Stellt euch vor, ihr wärt Kinder in der Ukraine oder im Gazastreifen“, erzählt Sebus. „Die werden mit Bomben belagert.“ So sei er im Alter der Schülerinnen und Schüler aufgewachsen, mit Bomben und Bränden. Wasser oder ein Eimer Sand, das habe geholfen, das Feuer zu löschen. „Als ich eingezogen wurde, war ich 18 Jahre alt“, so Sebus. Eine Woche später wurde er Soldat. Eine andere Wahl gab es zu der Zeit ohnehin nicht: Wer sich drücken wollte, gefährdete die Familie mit einer Haftstrafe.
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Fünf Jahre lang war Sebus in Kriegsgefangenschaft
Als „großes Glück“ bezeichnet Sebus die Tatsache, nicht bei der SS gelandet, sondern als Funker eingesetzt worden zu sein. Kurz vor Kriegsende kommt er als Funker zur 211. Volksgrenadierdivision an die Ostfront, wo die Russen Hitlers Kämpfer bereits bis in die polnische Stadt Grudziąd zurückgedrängt haben. Am 8. Mai 1945 kam die offizielle Kapitulation und das Ende des 2. Weltkriegs – aber der Überlebenskampf ging für Sebus noch fünf Jahre weiter. Er und Tausende deutscher Soldaten wurden in russische Kriegsgefangenschaft geschickt. Erst fünf Jahre später kehrte er nach Köln zurück.
„Die fünf Jahre haben mir sehr zugesetzt“, erzählt Sebus. „Ich wusste in dieser Zeit nicht, ob meine Eltern noch leben. Ebenso wussten sie nichts von mir.“ Eine scheußliche Zeit sei es gewesen, voller Ungewissheit. 1947 durfte er einen Brief in die Heimat schicken. Vielleicht 20 Zeilen schrieb er, mehr war nicht erlaubt. Auf die Frage, wann sie von der Gefangenschaft nach Hause kommen, weiß Sebus noch den genauen Wortlaut: „Skoro Domoy“ antworteten die Russen immer spärlich, was „Bald nach Hause“ heißt.
„Ähnlich wie mir erging es so vielen anderen Menschen. All das bildete 1950 mein Leben“, sagt Sebus. Die 75 Jahre danach „waren recht gute Jahre“. „Ich wusste, das Frieden ist. Und in diesem Frieden seid ihr alle groß geworden“, erzählt Sebus den Schülern, bevor seine Stimme wieder bricht. „Darum geht es mir. Diese Ungerechtigkeit, die Menschen erleiden müssen, wenn sie wehrlos sind. Das ist so etwas Schlimmes.“
Erinnert Schüler an die Wichtigkeit der Demokratie
„Bewahrt den Gedanken, dass die Demokratie euch Freiheit garantiert“, appelliert Sebus an die Schülerinnen und Schüler. Damals durften sie nicht mehr sagen, was sie dachten, erzählt er, nicht mehr hingehen, wohin sie wollten, und nicht mehr lesen, was sie wollten. All diese Beschränkungen hingen damit zusammen, dass die Diktatur unter Hitler vorherrschte.
Er mahnt die Jugendlichen, immer wach zu bleiben. „Es gibt nichts Schlimmeres, als die Gleichgültigkeit“, sagt Sebus. Damals hätten viele Menschen angenommen, Hitler sei ein guter Mann und halte seine Versprechen. „Dass aber sein Endziel war, die Welt zu erobern und Europa zu beherrschen, ohne Rücksicht auf Menschen, das ist das, was am Ende zählt.“

