Besuch bei der Essensausgabe am Kölnberg, die seit 25 Jahren Lebensmittel an Bedürftige verteilt. Die Nachfrage ist riesig.
Abgehängt in KölnZwischen Armut und Luxusautos am Kölnberg
An einem frühsommerlichen Mittwoch im April parkt ein Porsche Panamera vor der Essensausgabe am Kölnberg. Die Besitzerin des Sportwagens, eine Wirtschaftswissenschaftlerin aus Rumänien, die in Köln lange als Busfahrerin gearbeitet hat und in einem der Hochhäuser wohnt, sucht ihre Mutter. Eine Frau mit zwei Essenstüten am Fahrradlenker schimpft: „Schämen Sie sich! Was machen Sie hier mit einem Ferrari? Ekelhaft ist das!“ An die Journalisten gerichtet sagt sie: „Warum reden Sie mit der Frau? Das ist nicht die Realität. Die Realität sind die Menschen in der Schlange. Die Menschen, die nachts Eure Büros putzen. Die nichts haben. Die arm und kaputt sind.“ Von sich erzählen möchte die Frau nicht. „Menschen mit solchen Autos sind eine Lüge“, spuckt sie noch aus und schiebt mit ihrem Fahrrad ab.
Meine Tochter ist vergewaltigt worden. Von einem deutschen Mann, sage ich extra dazu. Die Essensausgabe hilft, ein paar Sorgen weniger zu haben
Auch Menschen mit Luxusautos gehören am Kölnberg zur Realität, aber man kann die Frau verstehen. In der Schlange steht Elena aus Rumänien. Die 60-Jährige, der ein Schneidezahn fehlt, erzählt, dass ihr alkoholsüchtiger Mann sie verlassen habe, als die Kinder klein waren, dass eine ihrer Töchter vergewaltigt worden sei, „von einem deutschen Mann, das sage ich extra dazu“. Neben ihr steht eine junge Frau mit vielen Tätowierungen und Piercings, die ihren Namen nicht nennen will. „Ich bin auch von häuslicher Gewalt betroffen gewesen“, sagt sie, „ich kann seitdem nicht mehr arbeiten, ich bin traumatisiert. Und deswegen komme ich nicht weg hier.“ Weg, sagt sie, wolle „fast jeder vom Kölnberg“. Warum? „Wegen des Mülls, der Ratten. Aber vor allem, weil das Image so schlecht ist. Weil man keinen Job kriegt, wenn man sich mit der Adresse bewirbt.“ Die Essensausgabe, sagen die beiden, sei ein Segen. „Sie hilft, ein paar Sorgen weniger zu haben“, sagt Elena. Die junge Frau nickt. „Ich schäme mich, dass ich hier stehen muss, aber es ist besser so“, sagt sie.

Annegret Keller hat die Essensausgabe am Kölnberg mit aufgebaut.
Copyright: Arton Krasniqi
Seit 25 Jahren gibt es die Lebensmittelausgabe Aktion Brotkorb der Pfarrgemeinde Heilige Drei Könige. 18 Ehrenamtler versorgen mittwochs nachmittags Menschen aus 130 Haushalten mit Lebensmitteln. Fürs Team gibt es Brötchen, Kuchen, Kaffee und Schorle – die Kisten aus den Lieferwagen der Tafel zu schleppen und in die Regale zu wuchten, ist körperlich anstrengend. Neben ihren Tüten mit Gemüse, Nudeln, Kartoffeln, Joghurt und Hygieneartikeln liefert die Tafel heute Pizza und Eis. In den Regalen warten auch noch Schokohasen von Lindt auf Abnehmer.
Armut und Überfluss gehen im Erdgeschoss des Hochhauses An der Fuhr Hand in Hand. Seit Beginn der Corona-Pandemie, die den Kölnberg besonders hart traf, verstärken vier Piloten der Lufthansa das Brotkorb-Team. Sie sind dabei geblieben, „man merkt hier jede Woche, dass diese Hilfe notwendig ist“, sagt Pilotin Wiebke, die den Kölnberg sonst nie kennengelernt hätte. „Der Perspektivwechsel hat meinen Blick erweitert“, sagt die Frau, die in Klettenberg lebt und um die ganze Welt fliegt. „Die meisten Menschen, die zu uns kommen, sind dankbar, einige auch fordernd und dreist“, sagt Annegret Keller, die die Essensausgabe mit aufgebaut hat. „Sie wollen nur Fleisch und Weißbrot und werden aggressiv, wenn wir das nicht haben.“ Das Klientel habe sich mit den Krisen in der Welt verändert: „Zuerst kamen die Iraker, dann die Afghanen, jetzt die Ukrainer und viele Sinti und Roma.“
In Meschenich gibt es genug Nachfrage für eine zweite Ausgabestelle. Die würden wir sehr gern anbieten – gerade für die vielen bedürftigen Rentner und Familien, das ist aber aktuell nicht möglich
Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine sei der Andrang so groß geworden, dass jeder Kölnpass-Inhaber nur noch 14-tägig kommen könne. Höher geworden ist in den vergangenen Jahren auch der Anteil deutscher Rentner, die zur Essensausgabe kommen: „Einige schämen sich noch“, sagt Keller, „aber viele können die Hilfe zum Glück annehmen.“ „In Meschenich gibt es genug Nachfrage für eine zweite Ausgabestelle“, sagt Karin Fürhaupter, Leiterin der Kölner Tafel. „Die würden wir sehr gern anbieten – gerade für die vielen bedürftigen Rentner und Familien.“ Das sei indes aktuell nicht möglich. Die Tafel sei organisatorisch und personell an Kapazitätsgrenzen, „und es lassen sich auch nicht beliebig Ehrenamtler finden, um neue Ausgabestellen zu öffnen – das erfordert gerade in Stadtteilen wie Meschenich enorm viel Engagement“.
