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Serie

„Abgehängt in Köln“
„Dieses Veedel muss  Probleme auffangen, die die Stadt nicht lösen möchte“

9 min
Das halten die Menschen, die aus Meschenich, Chorweiler, Kalk und Mülheim kommen von ihren Vierteln (Symbolbild).

Das halten die Menschen, die aus Meschenich, Chorweiler, Kalk und Mülheim kommen von ihren Vierteln (Symbolbild).

Sieben Kölner erzählen, wie sich das Leben in Kalk, Chorweiler, Mülheim und Meschenich anfühlt – zwischen Vorurteilen und dem Stolz, es trotzdem geschafft zu haben.

Naomy Toure aus Kalk: „Ich empfinde die Lage als angespannt“

Ich bin 32 Jahre alt, als Erzieherin in leitender Position tätig und in Holweide aufgewachsen. In den letzten Jahren habe ich in Nippes und Mülheim gewohnt und bin seit gut drei Jahren zurück in Kalk. Genauer gesagt lebe ich in einer Wohnung in der Kalker Hauptstraße, Ecke Kalk-Mülheimer, „den Brennpunkt“, über den viel gesprochen wird. Wenn ich das Wohnhaus verlasse, trete ich in Müll. Kürzlich wurde ich fast angepinkelt, weil sich jemand an unserer Haustür erleichtert hat. Meine Wohnung verfügt über zwei Balkone, von einem aus kann ich den Drogenhandel beobachten und vom anderen die regelmäßigen Polizeieinsätze. Ich empfinde die Lage in Kalk als angespannt. Solange man nichts mit dem kriminellen Milieu zu tun hat, hat man aber in der Regel seine „Ruhe“. Abgesehen von den lautstarken Konflikten oder desorientierten Menschen, die einem vor das Auto oder Fahrrad laufen.

Die Kalker Hauptstraße und die Kalk-Mülheimer Straße sind videoüberwacht. Trotzdem floriert der Handel und Konsum. Ganz unbeirrt wird verkauft und konsumiert. Prostitution konnte ich auch schon wiederholt beobachten. Da kann man die Kameras auch ausschalten. Vielen Menschen in Kalk fehlt es an Perspektiven. Die Armut nimmt zu, Wohnungsnot betrifft viele, die Ärmsten leiden am meisten darunter oder landen nach dem Verlust ihrer Wohnung direkt auf der Straße. In den letzten Jahren ist die Zahl der Obdachlosen in meiner Wahrnehmung gestiegen. Sie werden teilweise von Anwohnenden, Restaurants und Imbissen mit Essen und Getränken versorgt.

In Kalk unterstützen sich die Menschen. Die Stadt tut allerdings zu wenig für. Kinder und Jugendliche haben kaum Anlaufstellen. Nach einer von mir geschlichteten Schlägerei im letzten Jahr erzählten mir die Jugendlichen und Kinder, dass sie es hier nicht mögen und eines Tages genug Geld haben wollen, um aus Kalk weg zu kommen. Das In-Haus in Kalk versucht, Lücken zu füllen, schafft es aber nicht allein, wenn wir ehrlich sind. Was passiert mit Kindern und Jugendlichen, wenn Drogenkonsum, -Handel und Kriminalität zum Alltag gehören? Wenn sie das Gefühl haben, dass sich niemand um sie kümmert? Nicht zu vergessen der Müll. Kalk ist unglaublich dreckig. Es gibt definitiv zu wenige Mülltonnen. Die, die es gibt, sind schon zu am Morgen so voll, dass am Ende alles daneben landet. Es mangelt an konkreten Maßnahmen zur Lösung der Probleme vor Ort. Die Stadt müsste das Rad nicht neu erfinden und könnte Anwohnende beteiligen. Denn hier leben viele Menschen, die ganz genau wissen, wo die Probleme sind und wie man sie lösen kann.

Can Kurda (Mitglied der CDU und der Bezirksvertretung Chorweiler): „Aufstieg ist möglich und findet statt“

Ich bin 27 Jahre alt, Rechtsreferendar am Landgericht Köln und bin in Chorweiler aufgewachsen. Zunächst mit meiner Familie in Chorweiler-Mitte in der Florenzer Straße, nun in der Siedlung Chorweiler-Nord an der Saalestraße. Der überwiegende Teil meiner sozialen, familiären und sonstigen Verwurzelung liegt in Chorweiler. Obschon der Stadtteil seit Jahrzehnten von immensen Problemen und Ressentiments geprägt ist, bin ich glücklich und stolz darüber, hier aufgewachsen zu sein und zu leben. Chorweiler hat mich dann doch zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin und vieles gelehrt, was für das Leben prägend sein kann.

Meine Prägung hat dazu geführt hat, dass ich mich politisch engagiere. 1. Ressentiments von außen: Wer aus Chorweiler kommt, dürfte folgenden Moment kennen: Man lernt jemanden kennen, nennt seinen Wohnort und erntet entweder ungläubiges Staunen oder einen Witz über das virale Internetvideos „Achim aus Chorweiler“. Im Studium habe ich diese Reaktion mehrfach erlebt. Manche kannten Chorweiler ausschließlich aus dem Erdkundeunterricht als Paradebeispiel für verfehlte Stadtplanung in den 1970er Jahren. Dieses Image klebt an einem. Es zieht sich durch Bewerbungsverfahren, sei es für Jobs oder Wohnungen, und hinterlässt das ungute Gefühl, dass die eigene Postleitzahl mehr über einen zu sagen scheint als der eigene Lebenslauf. Das ist eine Form struktureller Benachteiligung, über die zu selten offen gesprochen wird.

2. Die sozialen Realitäten: Chorweiler ist geprägt durch eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquote, ein vergleichsweise niedriges Bildungsniveau und einen hohen Anteil an Menschen mit Migrationsgeschichte. Diese Faktoren ergeben nach außen hin ein Bild, das in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung rechtsaußen Nährboden bietet und dem leider nicht von selbst entgegengewirkt wird. Es wäre unehrlich, das nicht zu benennen. Doch wäre es ebenso unehrlich, dabei stehen zu bleiben.

3. Was sich tut, und was nicht: Man darf nicht so tun, als geschähe gar nichts. Die Sanierung der Hochhaussiedlungen durch die GAG, die Aufwertung öffentlicher Plätze wie dem Pariser Platz und Liverpooler Platz (neue Soccer-Cages, Springbrunnen, Klettermöglichkeiten für Kinder, Aufenthaltsflächen und Begrünung) sind sichtbare Schritte. Neubaupläne und städtebauliche Restrukturierungsmaßnahmen zeigen, dass Chorweiler nicht aufgegeben wird.

Dennoch bleiben die Probleme erheblich. Der ÖPNV ist für viele Bewohnerinnen und Bewohner schlicht katastrophal. Taktfolgen, Zuverlässigkeit und Anbindung entsprechen nicht dem, was andere Stadtteile Kölns als selbstverständlich erleben. In zahlreichen Hochhaussiedlungen, insbesondere solchen, die nicht der GAG gehören, mangelt es an grundlegender Sanierung. Hinzu kommen Mieterhöhungen - auch bei der GAG selbst, weil die Sozialbindung bei vielen Bestandsgebäuden inzwischen ausgelaufen ist. 4. Aufstieg ist möglich und findet statt: Ich bin Erstakademiker. Jurastudium, jetzt Rechtsreferendar, ist ein Weg, den viele einem mit meiner Geschichte nicht zutrauen. Und ich bin kein Einzelfall. Meine Schulfreunde, zu gut 90 Prozent mit Migrationsgeschichte und ähnlichen Ausgangsbedingungen, sind auf vergleichbaren Pfaden unterwegs: In der Wirtschaft, Medizin oder sonst wo. Wir alle tragen unsere Herkunft mit Stolz.

Chorweiler hat uns Bodenständigkeit gelehrt, Demut und Offenheit gegenüber Menschen, die sich nicht selbstverständlich einstellt, sondern erlebt werden muss. 5. Warum ich in die Politik gegangen bin: Genau, weil ich das alles kenne und liebe, bin ich in die Kommunalpolitik gegangen. Ich möchte etwas zurückgeben. Einem Stadtteil, der mir so viel gegeben hat. Das ist nicht einfach. Die AfD torpediert, polarisiert und macht es schwer, sachliche Debatten zu führen. Dass sie in Chorweiler dennoch so stark ist, darf uns nicht lähmen. Im Gegenteil. Es verpflichtet uns, mit einer adressatengerechten, ehrlichen Ansprache nach außen zu gehen und die Menschen dort abzuholen, wo sie sind.

Stefan Winkelmann aus Mülheim: „Die Ich-Bezogenheit hat zugenommen“

Vielen Dank für diese Serie! Ich wohne in Mülheim-Nord, zwischen Müze und Don-Bosco. Bin 2020 aus Brück hierher gekommen und habe mich sofort wohl gefühlt. Hier ist das echte Leben, nikeine Hochglanz-Kopie. Ich bin 58, verdiene 2-3mal soviel wie der Durchschnitt hier. Was mir aufgefallen ist, ist vor allem, dass „Durchschnitt“ hier nicht weiterhilft.

Es gibt nach meiner Beobachtung hier vier ziemlich separat lebende Gruppen: Menschen in prekären Lebensverhältnissen, Menschen mit Migrationshintergrund, die lieber unter sich bleiben, junge, alternative Linke und Bildungsbürger. Die vier Gruppen arrangieren sich, mischen sich aber nur wenig. Wir haben versucht, das mit einem Straßenfest in den letzten beiden Jahren etwas aufzubrechen.

Abgehängt in Köln. Wenn die Postleitzahl entscheidet. Eine Recherche über eine geteilte Stadt – und die großen Fragen an den Sozialstaat

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Ich glaube, dass in den letzten 30-40 Jahren die Ich-Bezogenheit der Menschen stark zugenommen hat und das Verständnis, Teil einer Gesellschaft zu sein, abgenommen. Ich glaube (hoffe), dass wir langsam an einem Punkt ankommen, wo auch die vermeintlichen Gewinner dieser Entwicklung spüren, dass wir alle in Summe dabei verlieren. Ich hoffe sehr, dass die Serie einen kleinen Beitrag dazu leisten kann.

Harald Plamper: „Es gibt Möglichkeiten der Stadtentwicklung“

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ greift (endlich) ein Thema auf, das mir seit meinem Umzug ins Rheinland als gravierender, doch akzeptierter Mangel erscheint: die räumliche soziale Zerklüftung.

Zunächst wohnte ich in Rodenkirchen. In die Grundschule meiner Tochter gingen (wenige) Kinder vom Kölnberg. Fatima ging bei uns ein und aus. Als sie zu ihrem Geburtstag einlud, war nur unsere Tochter dabei. Die anderen Rodenkirchener Kinder durften nicht nach Kölnberg. Ich erinnerte mich an „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!“ von Franz-Josef Degenhardt.

Zuvor war ich Beigeordneter der Stadt Nürnberg. Dort wohnte ich in Langwasser auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände, einem Stadtteil mit U-Bahnanschluss, großem Einkaufszentrum, Gemeinschaftshaus, verkehrsberuhigten Nachbarschaften, Spielplätzen – dem geplanten Gegenentwurf von Kölnberg oder Chorweiler! Im Stadtregiment diskutierten wir die sozialen Veränderungen in der Stadt, achteten darauf, dass keine Brennpunkte entstehen, dass alle Stadtteile an den ÖPNV angeschlossen sind, dass die Kindergarten- und Schulsituation bedarfsgerecht ist. In Köln habe ich diese so andere Situation häufig angesprochen. Bedauerndes Schulterzucken war die Antwort. Dabei gibt es Möglichkeiten der Stadtentwicklung, die die soziale Zerklüftung Stück für Stück beseitigen könnte.

Beata Alchi: „Chorweiler ist besser als sein Ruf“

Ich beziehe mich auf Chorweiler. Dort bin ich aufgewachsen und arbeite aktuell wieder dort. Ich empfinde keinen Nachteil aufgrund der Postleitzahl, man hat alles an Schulformen, ein Einkaufscenter, einen See, ein Schwimmbad … Generell find ich im Großen und Ganzen wird Chorweiler seinem Ruf nicht ganz gerecht.

Man hat auch mit der 15 und s11 eine ganz gute Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel ABER die s11 umfährt täglich den Kölner Norden! Was nützt eine Verbindung wenn sie nicht in Anspruch genommen wird. Bei fast jeder Verspätung will man Zeit rausholen und lässt die Stationen ausfallen. Eine Alternative gibt es nicht. Das legt den ganzen Kölner Norden lahm. Tag täglich gibt es Verspätung, aber auch Ausfälle, an denen planmäßig nur der Kölner Norden massiv benachteiligt wird.

Silvia Kamperschroer: „Der schlechte Ruf Chorweiler strahlt ab“

Ja, die Postleitzahl spielt eine Rolle. Ich wohne in Köln-Blumenberg, Stadtbezirk Chorweiler. Seit Google Maps den ganzen Kölner Norden pauschal als „Chorweiler“ ausweist, strahlt der schlechte Ruf Chorweilers auf den ganzen Bezirk ab und wir haben hier im ländlich geprägten Kölner-Norden mit Vorurteilen zu kämpfen. Bei der Schulanmeldung haben wir bewusst die Gesamtschule Dormagen gewählt, um dem Stempel „Gesamtschule Chorweiler“ zu entgehen. Und in sozialen Netzwerken wird Blumenberg regelmäßig mit Kölnberg verwechselt und zu den „gefährlichen Vierteln“ gezählt.

„Gefährlich“ ist es in Blumenberg nicht, eher langweilig. Und verkehrstechnisch abgehängt. Ich erkläre jedenfalls Auswärtigen seit jeher meinen Wohnort als „zwischen Fühlingen und Worringen“.

Ich bin 38 Jahre alt und auf der Kalker Hauptstraße groß geworden. Dort habe ich über 30 Jahre gelebt.Das Hauptproblem ist zum einen das Image, das Kalk schon immer hatte, und zum anderen die Tatsache, dass selbst in unmittelbarer Nähe der Kölner Polizeiverwaltung ein erhebliches Sicherheitsdefizit wahrgenommen wird.

Vincenzo Ballacchino aus Kalk: „Veedel muss Probleme auffangen, die die Stadt nicht lösen möchte“

Kalk hat sich seit den 1980er-Jahren vom Arbeiterviertel mit zahlreichen Geschäften und Boutiquen zu einem sozialen Brennpunkt entwickelt. Aus meiner Sicht hat sich die Situation zusätzlich verschärft, weil es nicht gelungen ist, viele Migranten ausreichend zu integrieren und diese gleichzeitig in einem Stadtteil angesiedelt wurden, der bereits zuvor mit erheblichen sozialen Problemen zu kämpfen hatte.

In den frühen 1990er-Jahren war die Obdachlosenszene in Kalk sehr präsent. Der offene Drogenkonsum zog zudem aggressive Dealer an. Dadurch wurde es immer schwieriger, Investoren für Kalk zu gewinnen, insbesondere nachdem die Chemiefabrik geschlossen wurde und die ehemaligen KHD-Hallen verfielen.

Trotz allem funktioniert das Zusammenleben vieler vernünftiger Menschen unterschiedlicher Nationalitäten sehr gut. Das ist sicherlich auch auf die Zeit der Gastarbeiter zurückzuführen. Kalk wird häufig schlechter dargestellt, als es tatsächlich ist. Leider hat man jedoch oft den Eindruck, dass dieses Veedel die Probleme auffangen muss, die die Stadt Köln nicht lösen möchte, ohne dabei in Betracht zu ziehen, die damit verbundenen Herausforderungen gerechter auf andere Stadtteile zu verteilen.