Lutz Schade ist seit Montagabend der Mann an der Spitze des Kölner Karnevals. Es warten einige große Themen auf ihn.
Neuer Festkomitee-Präsident„Ich werde andere Wege gehen und andere Fußstapfen hinterlassen“

Lutz Schade ist der neue Mann an der Spitze des Festkomitees.
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Lutz Schade (50) wurde am Montag von Vertretern der Mitgliedsgesellschaften zum neuen Festkomitee-Präsidenten gewählt. Simon Westphal sprach mit ihm über die anstehenden Aufgaben.
Herr Schade, am Montagabend wurden Sie zum Präsidenten des Festkomitees gewählt. Wie ist die Gefühlslage?
Es war eine überwältigende Mehrheit. Damit hatte ich gar nicht unbedingt gerechnet. Mir geht es richtig gut. Ich habe viele Pläne. Und jetzt geht es los.
Dass Sie gewählt werden, war nicht allzu überraschend, einen Gegenkandidaten gab es nicht. Ist trotzdem ein bisschen Anspannung abgefallen?
Klar, das liegt aber an dem Respekt und an der Demut vor dem Amt. Und man weiß ja nicht, was an so einem Abend passiert. Der große Rückhalt, den ich von den Gesellschaften erfahren habe, gibt nun natürlich Aufwind.
Es sind große Fußstapfen, die Ihr Vorgänger Christoph Kuckelkorn Ihnen hinterlassen hat. Haben Sie das Gefühl, jetzt erstmal beweisen zu müssen, dass Sie diese ausfüllen können?
Christoph Kuckelkorn hat riesige Fußstapfen hinterlassen. Er war das Gesicht des Karnevals, weit über die Stadtgrenzen hinaus. Aber er ist ein ganz anderer Mensch als ich. Ich werde andere Wege gehen und andere Fußstapfen hinterlassen. Und vielleicht sind die dann auch gut.
Was sind denn die größten Unterschiede zwischen Ihnen und Ihrem Vorgänger?
Christoph ist ein unheimlich empathischer, verbindender und auch kreativer Mensch. Ich habe eher den strukturierten Ansatz, was für ein Dachverband eine gute Voraussetzung ist. Wir wollen als Dachverband verbindlicher, auch verständlicher und nahbarer werden.
Das Amt des Festkomitee-Präsident ist ein Ehrenamt, dazu eines der wohl zeitintensivsten und forderndsten in dieser Stadt. Warum tun Sie sich das an?
Karneval ist eine schöne Sache. Ich habe immer gern Karneval gefeiert. Aber Karneval in Köln ist noch mal etwas ganz Spezielles. Der Karneval ist die soziale Infrastruktur dieser Stadt. Ohne Karneval würde diese Stadt einen großen Teil ihres Charakters verlieren. Das ist so eine große Sache, der ich mich gerne verschreibe.
In welchem Zustand übernehmen Sie das Festkomitee und den Kölner Karneval?
Im besten Zustand. Christoph hat Großes geleistet und die Bedeutung des Karnevals auf ein neues Level gehoben. Ich denke da etwa an die Pandemie, wo er im Grunde genommen bundesweit Regelungen mitgestaltet hat, die das Überleben des organisierten Karnevals ermöglicht haben. Das Feld ist bestens bestellt.
Aufgaben gibt es trotzdem reichlich für Sie. Womit fangen Sie an?
Ganz wichtig ist mir der Nachwuchs. Der ist unsere Zukunft und deswegen ist der Kinderkarneval ein Kernpunkt. Sonst verlieren wir den Anschluss. Wir müssen als organisierter Karneval besser erklären, warum wir Karneval so feiern, wie wir ihn feiern - damit junge Menschen ihn verstehen und im besten Fall mitgestalten können. Auch der Künstlernachwuchs ist wichtig. Es gibt es viele junge Bands, da funktioniert das ganz gut. Bei den Rednern und Rednerinnen klappt der Karrierestart deutlich seltener. Wir brauchen mehr Vielfalt, junge Köpfe und einen fairen Zugang in diesen Markt.
Mit Ihrer Vizepräsidentin Christine Flock hat das Thema Kinder- und Jugendkarneval schon eine größere Bedeutung bekommen. Welche Impulse können Sie da noch einbringen?
Im Kindergarten und an den Grundschulen funktioniert die Arbeit gut. Wir müssen verstärkt an die – grob geschätzt – 15- bis 30-Jährigen herankommen. In dieser Altersgruppe ist das Feiererlebnis sehr weit weg vom organisierten Karneval – und deswegen verlieren wir in diesem Alter viele Menschen. Daher haben wir uns mit der 35-jährigen Britta Nassenstein eine Frau in den Vorstand geholt, die sich genau darauf konzentrieren wird.
Viele dieser jungen Menschen feiern auf der Zülpicher Straße, die an den Karnevalstagen immer wieder Negativ-Schlagzeilen produziert. Wollen Sie sich dort einbringen?
Als Festkomitee werden wir nicht nur für den organisierten Karneval wahrgenommen. Wir sind zwar ein Dachverband, aber keine reine Dienstleistungsgesellschaft für die knapp 150 Mitgliedsgesellschaften. Wir wollen den Karneval für alle fördern. Deswegen können und müssen auch in dieser Frage Impulse von uns kommen.
Was für Impulse könnten das sein?
Die Situation auf der Zülpicher Straße war in den letzten beiden Jahren nach unserer Wahrnehmung besser, als sie in der Presse angekommen ist. Wenn wieder ein Tag kommt, an dem mehr Menschen dorthin strömen, dann gibt es einfach praktische Probleme, was Kapazitäten des Raums angeht. Junge Menschen feiern anders Karneval als vielleicht auf einer Sitzung. Aber auch, weil wir es Ihnen nicht erklärt haben. Und dafür braucht es Möglichkeiten.
Was denn zum Beispiel für Möglichkeiten?
Die werden wir nun zusammen mit der Stadt entwickeln. Ich habe in den vergangenenn Monaten den Eindruck gewonnen, dass der neue Oberbürgermeister ein offenes Ohr für pragmatische Ansätze hat.
Was sind weitere Themen, die sie mittel- und langfristig angehen wollen?
Wir haben viele kleine Gesellschaften, die nach meiner Beobachtung oft ein bisschen zurückstehen. Kleine Vereine brauchen an der einen oder anderen Stelle mehr Unterstützung von uns als die Großen. Und da wollen wir mehr machen. Ein weiteres großes Thema: Wir wollen wirtschaftlich unabhängiger werden. Wer immer über Geld nachdenken muss, kann ich nicht kreativ arbeiten.
Wie kann das gelingen?
Wir bekommen von der Stadt Unterstützung, aber wir wissen, wie es um die kommunalen Finanzen bestellt ist. Wir müssen uns also so aufstellen, dass wir aus eigener Kraft einen Rosenmontagszug, unsere Dreigestirne oder unsere TV-Sitzungen aufstellen können. Dafür brauchen wir zusätzliche Erlösmodelle, denn so weit sind wir derzeit noch nicht. In den vergangenen drei, vier Jahren haben wir uns da gut aufgestellt und müssen diesen Weg nun weitergehen.
Ihr Vorgänger hätte sich mehr finanzielle Unterstützung von der Stadt gewünscht. Sie wollen mehr Unabhängigkeit erreichen, aber bleiben Sie dennoch bei den Forderungen?
Für den Zeitpunkt vor zwei Jahren haben wir die Wirtschaftskraft des Karnevals ermittelt. Der Karneval macht 850 Millionen Euro für Köln aus. Die Unterstützung der Stadt ist hilfreich, aber wenn wir diese Zahlen sehen, dann finde ich sie nicht angemessen. Und deshalb bleibt die Forderung bestehen.
Ein großes Thema ist das Strategie-Projekt „Alaaf 2040“, das Sie von Anfang an begleitet haben. Was ist da bereits passiert?
Es geht darum, wie wir heute die Stellschrauben stellen können, damit die Kölner den Karneval in 15 Jahren noch so schön feiern können wie heute. Dazu haben wir viele Befragungen innerhalb und außerhalb des Karnevals durchgeführt. Jetzt befinden wir uns in der Phase, in der wir überlegen, was wir aus den Ergebnissen lernen können. Diese Phase soll im Sommer abgeschlossen werden. Die Mitglieder bekommen die Ergebnisse ebenfalls zur Verfügung gestellt und können sie auf ihre eigene Vereinsarbeit übersetzen.
In den vergangenen Jahren ist der Karneval verstärkt zu einer Stimme in der Gesellschaft geworden. Etwas, worauf Ihr Vorgänger sehr stolz ist. Wie sehen Sie die Rolle des Karnevals in der Gesellschaft?
Auch wenn wir hier und da Kritik äußern, haben wir eine gute Partnerschaft mit der Stadtverwaltung, aber auch mit der Politik, mit den Rettungsdiensten, mit der Feuerwehr und der Polizei. Wir werden weiterhin unabhängig, selbstbewusst und als Brückenbauer auftreten, um eine starke Stimme für den Karneval zu sein. Das, was wir erreicht haben, ist so wertvoll. Das dürfen wir nicht verlieren.
Zur Person und zum neuen Festkomitee-Vorstand
Lutz Schade (50), geboren in Bergisch Gladbach, arbeitet als Anwalt im Gesellschafts- und Steuerrecht. 2010 kam er über einen Kollegen zu den Blauen Funken, seit 2016 und bis zuletzt war er dort Senatspräsident.
Seit 2022 war er Festkomitee-Vizepräsident, war für die Mitgliederbetreuung zuständig und am Strategie-Projekt „Alaaf 2040“ beteiligt. Gut elf Jahre saß Schade für die CDU im Stadtrat von Bergisch Gladbach. Diesen Posten wird er nun niederlegen. Er lebt mit seiner Frau und seiner siebenjährigen Tochter in Bensberg.

Der Vorstand des Festkomitees.
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Den freigewordenen Posten als Vizepräsident übernimmt künftig Zugleiter Marc Michelske. Das Team des geschäftsführenden Vorstands besteht damit künftig aus den bisherigen Mitgliedern Christine Flock (Vizepräsidentin und Kinder- und Jugendkarneval), Marc Michelske (Vizepräsident und Zugleiter), Michael Kramp (Kommunikation), Udo Marx (Mitgliederservice und Finanzen) sowie Gaby Gérard, die aus dem Mitgliederbeirat in den Vorstand wechselt und sich künftig um die interne Organisation sowie um Partner und Sponsoren kümmern wird.
In den erweiterten Vorstand wurden mit Britta Nassenstein und Ex-Prinz René Klöver (Kölner Dreigestirn 2025 der Stattgarde Colonia Ahoj) ebenfalls zwei neue Mitglieder berufen. Marcus Gottschalk, Nadine Krahforst, Ralf Remmert, Ralf Schlegelmilch und Erich Ströbel bleiben weiterhin im Amt. Verabschiedet aus dem Festkomitee-Vorstand wurde Marcus Becker. (sim)
