Steilvorlagen für Kölns Karnevalsredner gibt es auch in diesem Jahr einige. Wo sich alle einig sind: Wir leben in merkwürdigen Zeiten.
Trump, Pistorius, Stadt KölnDas sind in dieser Session die Themen in der Bütt

Reimredner Jörg Runge als Tuppes vum Land
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Auf Donald Trump war wenig überraschend gleich zu Beginn des Jahres Verlass. Mit seiner Entführung des venezolanischen Machthabers Maduro lieferte der US-Präsident kurz nach dem Jahreswechsel dankbaren Stoff für die Bütt. Was Trump mit Venezuela mache, sei erst der Anfang vom Größenwahn, befürchtet Reimredner Jörg Runge als Tuppes vum Land. „Am Ende verliert er komplett den Verstand, und will auch noch das Phantasialand.“ Auch Guido Cantz widmet sich nach einem der außergewöhnlichsten Militär-Einsätze in der US-Geschichte dem golfspielenden „Agent Orange“ und seiner Vorbereitung auf die im Sommer anstehende Fußball-Weltmeisterschaft in den USA. „Vor der WM 2010 in Südafrika habe ich mir eine Vuvuzela besorgt. Trump hat sich jetzt Venezuela besorgt.“

Venezuela statt Vuvuzela: Guido Cantz widmet sich auch dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump.
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Trump ist nicht der einzige Politiker, der in den vergangenen Monaten Vorlagen geliefert hat, an denen die Karnevalsredner in dieser Session kaum vorbeikommen. Reichlich humoristische Angriffsfläche bieten die deutsche Verteidigungspolitik und Minister Boris Pistorius. „Im Bundestag wird unverdrossen, die Bedarfswehrpflicht beschlossen“, reimt Runge. „Im Anschluss machte kurz darauf, Pistorius en Losbud‘ auf. Hauptgewinn und erster Platz: Work-and-Travel-Fronteinsatz.“ Die Bundeswehr werde sich in den kommenden Jahren verändern müssen, glaubt Martin Schopps, der sich in seinem beliebten und schon fast zur Tradition gewordenen Zukunftskrätzchen das Jahr 2040 ausmalt. „Generation Z bei der Bundeswehr. Es heißt nicht mehr ,Marschbefehl: Im Schlamm rumwühlen‘, sondern Bewegungsimpuls für die, die sich gerade danach fühlen.“ Die Panzerfaust heißt nun Konfliktlösungsrohr, der Scharfschütze Distanzpsychologe. Neidisch könne die Bundeswehr auf die Schüler der Gesamtschule in Kalk sein, sagt Lehrer Schopps. „Wenn du bei uns in die letzte Reihe schaust, denkst du, du bist auf der Rüstungsmesse.“
Kölner Oper wird zur Geldverbrennungsanlage mit Orchesterbegleitung
Auch die Kölner Stadtverwaltung ist wie immer eine dankbare Zielscheibe des närrischen Spottes. Genau wie Redner-Kollege Marc Metzger erinnert Cantz an das Thema des vergangenen Sommers, als die Stadt Spielplätze in Spiel- und Aktionsflächen umbenennen wollte, um alle potenziellen Nutzenden einzubeziehen. Nachholbedarf gebe es aus seiner Sicht bei so einigen Begrifflichkeiten. Friedhöfe sollten zur Erlebniszone mit reduzierter Aktionsfläche werden, Schwimmbäder zu gechlorten Bewegungsstätten mit Fußpilzwahrscheinlichkeit und die Kölner Oper zur Geldverbrennungsanlage mit Orchesterbegleitung.
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Martin Schopps
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Es herrschen merkwürdige Zeiten, resümiert Guido Cantz. Gerade deshalb sei der Fastelovend für die Menschen noch nie so wichtig gewesen, wie jetzt. Gut, dass es in der Bütt auch Themen abseits des Politik-Geschehens gibt. Und dass die nach wie vor auch noch deutlich in der Überzahl sind. Erfrischend sind daher auch in diesem Jahr die Ausführungen von „Sitzungspräsident“ Volker Weininger. Der berichtet einmal mehr über die (Sauf-)Tour mit seinem Elferrat. „Wir haben alle dieselben Interessen. Fremde Sprachen, andere Kulturen. Das interessiert keinen von uns.“ Bereits bekannt beim Publikum in den Sälen sind die Elferratskollegen Manfred, Hermann und Erwin, die Weininger gewohnt lallend durch den Kakao zieht. Hermann, der ohnehin „ein Leben am Intelligenzminimum“ führe, habe jetzt auch noch Probleme mit den Augen. „Der wollte seiner Frau auf Pützchens Markt ein Lebkuchenherz schießen und hat zwei Leute aus dem Riesenrad rausgeballert.“ Am Steuer sei er ebenfalls eine Niete. „Der fährt so schlecht Auto, dem sein Navi sagt nach 200 Metern: Ich will raus.“
Redner fordern mehr Respekt in den Sälen
Gut aufgelegt ist auch das Duo „Willi und Ernst“, das in der Bütt als eine der letzten die Sparte des Zwiegesprächs bedient. Markus Kirschbaum und Dirk Zimmer verkörpern die beiden Senioren, zwei dickste Freunde mit Rollkoffer, die sich mit einer wunderbaren Dynamik über die kleinen und großen Themen des Alltags streiten. „Frettchen“ nennt der eine den anderen liebevoll. „Frettchen sind anmutig, die sind schön, die sind elegant, schlau und kuschelig – eigentlich hast du nichts mit Frettchen gemeinsam.“
Neben all den Krisen, die weltweit zu beobachten sind, könnte man auch der Bütt eine Krise andichten. Die karnevalistische Rednerszene kämpft mit einem Nachwuchsproblem, die etablierten Künstler geben sich in Gürzenich oder Sartory die Klinke in die Hand. Das liegt nicht nur am Nachwuchs, sondern auch am fehlenden Vertrauen in neue Gesichter. Die Bütt ist hart, Redner müssen Pointe um Pointe abfeuern und um jede Minute Aufmerksamkeit kämpfen. Und sie kämpfen füreinander. „Wir Redner sind das Salz in der Suppe des Kölner Karnevals“, sagt JP Weber, der den fehlenden Respekt in den Sälen regelmäßig auf der Bühne thematisiert. Was im Saal passiert, sei ein Spiegelbild der Gesellschaft, sagt auch Jörg Runge. Er fordert reimend „wieder mehr Respekt für ein gutes Programm, von dem man aber nur etwas haben kann, wenn man sich drauf einlässt und nicht dauernd quatscht, oder permanent auf ’nem Handy rumtoucht. Denn dafür braucht man, so muss man das sehen, ja wohl gar nicht erst auf ’ne Sitzung zu gehen.“

