Seit vier Jahrzehnten macht Antonella Giurano Politik für Menschen verständlich, die sonst oft außen vor bleiben. Für ihr Engagement erhält die 71-Jährige nun den Kölner Miteinander-Preis.
Engagement für Integration„Ich bin für alle da“ – Antonella Giurano erhält Kölner Miteinander-Preis

Das Engagement der gebürtigen Sardin Antonella Giurano ist vielfältig: Unter anderem organisiert sie Veranstaltungen für Senioren mit Migrationshintergrund.
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„Wer kandidiert überhaupt?“ oder „Was macht der Oberbürgermeister hier genau?“ Das sind Fragen, die insbesondere einige Kölnerinnen und Kölner mit Migrationsgeschichte kurz vor den Wahlen besonders bewegen können. Eine, die ihnen Antworten gibt, ist Antonella Giurano. Die 71-Jährige vereinfacht vor allem zugewanderten Frauen seit Jahrzehnten politische Teilhabe und bringt sie an Tische, an denen sie sonst wohl nicht säßen. „Für mich war es immer wichtig, Frauen mit einzubeziehen und in die Politik zu führen“, sagt Giurano. „Denn in der Politik kann man wirklich Sachen verändern.“
Sätze wie diese erklären, warum Giurano seit Jahren eine feste Größe im Stadtleben und der Integrationsarbeit Kölns ist. Oberbürgermeisterin Henriette Reker und Schauspielerin Janina Kunze überreichen ihr am 7. September daher den Miteinander-Preis für Demokratie und Vielfalt. Damit würdigt die Stadt das ehrenamtliche Engagement von Kölnern und Kölnerinnen mit Migrationshintergrund.
„Ich bin durch und durch Multikulti“, sagt Giurano über sich. Aufgewachsen auf Sardinien, kam sie Ende der 1970er-Jahre nach Köln, wo ihre Eltern bereits lebten. „Ich habe jeden Tag vier bis fünf Stunden Deutsch gelernt“, erzählt sie. Gearbeitet habe sie immer, die Jobs änderten sich. Was hingegen bis heute blieb: ehrenamtliches Engagement für migrantische Menschen.
Ihre Leidenschaft habe sie von zu Hause mitbekommen, erklärt sie: „Meine Eltern waren Gastarbeiter und haben von ihren Erlebnissen erzählt. Dann entwickelt man eine natürliche Sensibilität für diese Themen.“ Dazu sei sie schon immer ein sehr politisch denkender Mensch. Bei der Arbeit mit anderen sei ihr immer egal gewesen, wer vor ihr stehe: „Ich habe nie gedacht: Ich bin Italienerin und für Italerinnen da. Italiener, Deutsche oder andere Migrantinnen, ich bin für alle da.“
Diese Frauen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, Kinder erzogen haben und heute auf jeden Cent achten müssen – da frage ich mich: Was kann ich für diese Menschen tun?
Was zuerst mit einfachem Dolmetschen begann, wurde über die Jahre immer mehr. 2007 war sie Mitgründerin des Vereins „Offene Welt e.V. – Mondo Aperto“, die „Anlaufstelle für alle Italiener“. Ein Jahr später wurde sie zur Vorsitzenden gewählt und blieb es 14 Jahre. Dank ihrer Hartnäckigkeit wurde der Sitz von „Offene Welt“ als interkulturelles Zentrum anerkannt. Später sollte sie Sprecherin für alle Interkulturellen Zentren Kölns werden.
Mitbegründerin und Vorsitzende war sie zudem vom „Bunten Frauennetzwerk“ und der Frauenorganisation „Noi Donne“. „Beim Frauennetzwerk waren wir zu Beginn fünf Frauen mit fünf verschiedenen Nationalitäten.“ Das Ziel: Frauen in der Stadt mit einzubeziehen. Der Verein setzt sich für die Sichtbarkeit und Vernetzung von Frauen aus unterschiedlichen Kulturkreisen ein.
„Der größte Erfolg für mich ist, wenn Frauen, egal wo sie herkamen, mich irgendwann mit Antonella gerufen haben“, erzählt die gebürtige Sardin stolz. „Dann weiß ich, dass sie Vertrauen zu mir gefasst haben. Und das war jedes Mal ein großes Erlebnis für mich.“
Jahrelanges Engagement im Integrationsrat
Für 15 Jahre war Giurano für die Kölner SPD zudem Mitglied des Integrationsrates der Stadt. Eine Zeit, die sie selbst als „wahnsinnige Bereicherung“ beschreibt. Es habe ihr geholfen, politische Zusammenhänge besser zu verstehen und ihre Stimme auf dieser politischen Ebene zu erheben. Eine ihrer Forderung lautet auch wegen dieser Zeit, dass mehr Menschen mit Migrationshintergrund für politische Ämter aufgestellt werden müssen. Zu dieser Kommunalwahl steht Giurano wieder auf der Wahlliste der Partei für den Integrationsrat.
Einer der Hauptgründe, weshalb Giurano heute weiterhin aktiv ist: die Seniorenarbeit. „Diese Frauen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, Kinder erzogen haben und heute auf jeden Cent achten müssen – da frage ich mich: Was kann ich für diese Menschen tun?“ Zwar gebe es eine Seniorenvertretung, aber: „Wie viele ausländische Frauen nehmen das wahr? Wie viele wissen, dass es so was gibt?“. Um diesem blinden Fleck entgegenzuwirken, organisiert Giurano Veranstaltungen, Fortbildungen und kulturelle Ereignisse für Senioren mit Migrationshintergrund.
Nach all den Jahren ist Köln für Giurano Heimat geworden. „Ich lebe wirklich gerne in Köln, es ist eine offene und liebenswerte Stadt, in der verschiedene Kulturen zusammenleben“, sagt Giurano. Gleichzeitig schaut sie nicht unbesorgt in die Zukunft: „Demokratie ist keine Einbahnstraße, sie muss von allen gelebt werden. Wir müssen aufpassen, dass das Zusammenleben in dieser Stadt nicht in eine andere Richtung kippt.“