Köln von unten: Vertriebsmitarbeiter der Obdachlosen-Zeitung teilen bei einem Spaziergang über den Eigelstein ihre Sicht auf die Stadt.
„Der doppelte Stadtplan“Obdachlose zeigen bei einem Rundgang ihre Perspektive auf Köln

Dirk Richter (M.) vom OASE e. V. informierte während des Stadtrundgangs über das soziale Projekt des gemeinnützigen Vereins.
Copyright: Thomas Dahl
„Hallo! Mein Name ist Mike. Ich bin 47 und komme aus dem Sauerland. Ich war 22 Jahre drogenabhängig, dreimal im Gefängnis, habe vier Drogenentzüge und 13 Entgiftungsbehandlungen hinter mir. Ich bin seit dem 4. Juni 2019 clean. Irgendwann bin ich auf den Draussenseiter aufmerksam geworden und habe die Obdachlosenzeitung verkauft. Im März erhielt ich dort einen Minijob als Vertriebsassistent. Die Stadtrundgänge sind meine Leidenschaft, denn ich bin gerne unterwegs“, fasst der Stadtführer seine Vita zusammen. Neben ihm steht Khan. Der Kollege blickt auf eine ebenso bewegte Vergangenheit. Nach dem Tod seiner Lebensgefährtin verlor der heute 53-Jährige den Halt, flüchtete sich in Alkohol und geriet in Arbeitslosigkeit.
Die Spirale aus Depressionen führte in die Obdachlosigkeit. „Die Menschen reagieren positiv auf unsere Veranstaltungen. Sie stellen viele Fragen, von denen wir keine unbeantwortet lassen, auch über Gewalt und Demütigungen, die wir alle erlebt haben, denn als Obdachloser bist du schutzlos. Man ist Menschen und Behörden ausgeliefert, weil du nicht ins schöne Bild dieser Stadt passt“, berichtet der einstige Berufskraftfahrer.
Ebertplatz vereint Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft
Den Ebertplatz als Startpunkt für jenen „Doppelten Stadtplan“ hat man bewusst gewählt, kreuzen sich doch an dieser Stelle die Wege von Bürgern aus allen Schichten. Junge Familien genießen dort die Wasserspiele am Brunnen, während andere in den tiefer gelegten Arealen der gegenüberliegenden Galerien nervös umherwandern. Dazwischen: die Einsatzwagen von Polizei sowie Ordnungsamt.

Draussenseiter-Vertriebsleiter Dirk Richter und die Stadtführer Mike sowie Khan (v. l.) informieren während eines Rundgangs im Eigelsteinviertel.
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Schon die erste Station der Führung umfasst nahezu eine Stunde. Die Teilnehmer informieren sich über das Leben auf der Straße, eiskalte Nächte, Hitzewellen sowie die gesellschaftliche Wahrnehmung von Obdachlosen. Mike und Khan nehmen sich Zeit für ihre Antworten. Neben individuellen Erlebnissen warten sie mit Zahlen auf: „Die Respektlosigkeit und auch die Attacken auf uns sind größer geworden. Außer der Brutalität, der wir begegnen, kommt es auch dazu, dass auf schlafende Obdachlose uriniert wird. Das wird dann mit dem Smartphone gefilmt und gilt als cool“, erzählt Mike. Natürlich biete die Kommune Schlafplätze, ergänzt Khan – ganze 30 Plätze für Männer, jedoch nur bei Vorlage eines Ausweises. Viele verfügten nicht über das Dokument. Etwa 75 Notunterkünfte kämen in den Wintermonaten dazu. Die Einrichtungen ohne Türen öffneten Diebstählen sämtliche Tore und würden deshalb gemieden.
Überlebensstation Gulliver bietet Obdachlosen Duschmöglichkeit
Anders als erwartet, seien Obdachlose oftmals im Stadtbild eben nicht sichtbar: „Man erkennt die Leute nicht unbedingt, weil sie sich sehr viel Mühe geben, gepflegt auszusehen. Sie stehen um sechs Uhr in der Frühe auf, um sich rechtzeitig zur Öffnung der Überlebensstation Gulliver am Hauptbahnhof in die Schlange für eine Dusche anzustellen. Der Vorwurf von Faulheit ist ein Vorurteil. Zeit ist das Einzige, was du als Obdachloser nicht hast. Du rennst den ganzen Tag nach solchen Waschmöglichkeiten und dem Essen“, weiß Khan. Gerade auch alleinerziehende Frauen in Notsituationen wollen nicht auffallen, da ihnen sonst der Entzug ihres Kindes drohe. Auf ihrem Weg zum Eigelsteintor verweisen die Stadtplanführer auf das Mobiliar im öffentlichen Raum. Die metallenen Sitzbänke sind durchgängig mit Armlehnen versehen, damit ein Liegen verhindert wird. Der Eigelstein gelte des Weiteren mit dem einstigen Straßenstrich nach wie vor als Sperrzone.
Dieser Status erleichtere es den Behörden, unliebsame Personen des Ortes zu verweisen. Hauseigentümer seien dazu übergegangen, die Eingänge und Fensterbänke mit Nagelbrettern zu versehen, damit es nicht zu unerwünschten Aufenthalten komme, erzählt Mike. Dass es auch konstruktive Verhaltensweisen gibt, zeigt die Geschichte von Michael: Der Heidelberger ist Eigentümer einer Wohnung in Köln, die er an Wochenenden nutzt. „Ich hatte noch Platz und suchte nach einem Mieter“, erinnert sich der junge Mann. Seine erste Wahl fiel auf Mike, den er einige Jahre zuvor kennen und schätzen gelernt hatte. „Er rechtfertigt mein Vertrauen vollends. Man darf die Leute nicht über einen Kamm scheren“, wendet sich der Vermieter gegen bestehende Klischees.
Diesen Aufklärung entgegenzusetzen ist die Motivation von Tour-Teilnehmerin Jasmin Degenhardt. „Ich stehe der Thematik ein wenig ohnmächtig gegenüber, weil es nicht immer einfach ist, mit betroffenen Menschen in Kontakt zu kommen“, beschreibt die Gemeindeschwester ihre Gefühle. Der direkte Austausch im Rahmen der Stadtführung schaffe für sie neue Perspektiven. „Ab Januar werde ich wieder obdachlos sein, weil das Programm für die Notunterkünfte nur zwei Jahre läuft. Aber es wird schon weitergehen. Irgendwie“, sinniert Khan, während die Gruppe entlang vollbesetzter Außengastronomien den nächsten Brennpunkt einer gespaltenen Metropole ansteuert. Letzter Halt: Hauptbahnhof.
„Der doppelte Stadtplan“: 19. Juni 15 Uhr Ebertplatz (Brunnen), 7. August 15 Uhr, Ebertplatz (Brunnen), Telefon: 0221 9893530, www.koelnticket.de, www.oase-koeln.de
