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Rückblick 2022Wie die Jecken an Rosenmontag für den Frieden loszogen

3 min
Zahlreiche Karnevalisten stehen dicht gedrängt auf dem Chlodwigplatz.

Karnevalisten haben sich am Chlodwigplatz zur Friedensdemonstration am Rosenmontag versammelt.

Die Jecken hatten massiv unter den Corona-Beschränkungen zu leiden. Dann brach der Krieg in der Ukraine aus – der Rosenmontag wurde zum größten Friedensmarsch in der Stadtgeschichte.

Sie sei „stolz“ auf die Stadt, stellt Oberbürgermeisterin Henriette Reker später mit Blick auf den Rosenmontag des Jahres 2022 fest. Im Grunde hatten sich die Karnevalisten damit abgefunden, wegen der Beschränkungen der Corona-Pandemie erneut auf ihren Rosenmontagszug zu verzichten und stattdessen ihre Persiflagewagen bei einer Stadionrunde zu präsentieren. Doch dann überfiel Russland am Weiberfastnachtstag die Ukraine. „Alles hät sing Zick – und jetzt ist es an der Zeit, sich solidarisch mit den Menschen in der Ukraine zu zeigen“, erklärt Festkomitee-Präsident Christoph Kuckelkorn kurzentschlossen und meldet mit dem Festkomitee einen Demonstrationszug für den Rosenmontag an.

„Alles hät sing Zick – und jetzt ist es an der Zeit, sich solidarisch mit den Menschen in der Ukraine zu zeigen.“
Christoph Kuckelkorn, Festkomitee-Präsident

Auf dem Chlodwigplatz wird eine kleine Bühne aufgebaut, der Wagenbauer Werner Blum und seine Lebensgefährtin Halina Labusga bauen in aller Eile einen Mottowagen. Sie lassen Blut fließen und spießen eine Friedenstaube auf der russischen Fahne auf. Die Idee ist einfach, die Botschaft deutlich. Der Rosenmontag 2022 ist in die Geschichtsbücher des Kölner Karnevals eingegangen. Anfangs herrscht große Ungewissheit, wie viele Menschen dem Aufruf zur Teilnahme an dem Friedenszug folgen werden. Am Ende spricht die Polizei von 250.000 Teilnehmenden, es ist letztlich die größte Kundgebung für Frieden in der Ukraine, die in Deutschland stattfindet. Als die Polizei den karnevalistischen Friedensmarsch am Nachmittag für beendet erklärt, fällt eine beachtliche Last von den Schultern des Zugleiters Holger Kirsch, der normalerweise 12 000 Karnevalisten geordnet durch die Stadt ziehen lässt.

Nun ziehen Menschenmassen friedlich durch Köln – und auf den Plätzen stehen ausgewählte Persiflagewagen wie stille Mahnmale. Mittendrin ist das Dreigestirn der Altstädter, das wegen der Pandemie erstmals in der Geschichte des Kölner Karnevals zwei Sessionen bestreiten darf. In den Kneipen wird zumindest ein bisschen Karneval gefeiert, für viele Gastronomiebetreibende bedeutet das zum Ende der Session volle Läden und nicht ganz so leere Kassen.

Sitzungskarneval fällt aus – Bund zahlt Entschädigung

Zu Jahresbeginn erleben die Karnevalsvereine die große Leere. Nach Absprache mit der Landesregierung wird zum Schutz vor Coronainfektionen auf den Sitzungskarneval verzichtet, auch alle Züge werden abgesagt.

Im Gegenzug werden die Vereine und letztlich auch die Künstlerinnen, Künstler und Saalbetreiber durch den „Sonderfonds des Bundes für Kulturveranstaltungen“ entschädigt. Von den insgesamt 2,5 Milliarden Euro darf auch der Karneval profitieren, eine hart erkämpfte Entscheidung, für die auch der Status des rheinischen Karnevals als immaterielles Kulturerbe eine Rolle gespielt haben dürfte. Das Land legt nochmal Geld darauf, sodass die Vereine zwar mit viel bürokratischem Aufwand, nicht aber mit drohender Insolvenz kämpfen müssen. Vor allem der Jurist Dr. Joachim Wüst, Vize-Präsident des Festkomitees, setzt sich in vielen Gesprächen und Nachtschichten für die Vereine ein. Schließlich tritt er nach vielen Jahren im Vorstand von seinem Ehrenamt zurück. Finanziell bedeutet der Verzicht auf Veranstaltungen jedoch für das Festkomitee einen Rückschlag, weil der Ticketverkauf für Sitzungen normalerweise Geld in die Kassen spült, das vor dem Jubiläumsjahr 2023, in dem das 200-jährige Bestehen des Kölner Karnevals gefeiert wird, fehlt.


Sessionsauftakt sorgt für Diskussionen

Zehntausende Menschen haben allein im Univiertel an der Zülpicher Straße den Auftakt der neuen Karnevalssession am 11. November gefeiert. Betrunkene laufen in die U-Bahn-Tunnel, der Stadtbahnverkehr wird in der Innenstadt eingestellt. Auf den Uniwiesen bleibt ein Scherbenmeer zurück. Fröhliche Bilder werden von Heumarkt und Tanzbrunnen in die Republik gesendet, wo der Beginn der Jubiläumssession ausgiebig zelebriert wird. (tho)