Die Nazis nahmen KZ-Häftlingen ihre Brieftaschen, Ringe, Fotos ab. Die Arolsen Archives bewahren sie auf, um sie zurückzugeben. Wie sie die Angehörigen finden, wird nun an der Schildergasse gezeigt.
Container in der InnenstadtDie Ausstellung „Stolen Memory“ erinnert an Nazi-Opfer

Besucher der Eröffnung stehen vor den ausgeklappten Containerwänden, auf denen die Geschichten der abgegebenen Besitztümer von Nazi-Opfern nachzulesen sind.
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Sie hat etwas von Aktenzeichen XY, die Arbeit von Anke Münster von den Arolsen Archives. Vor wenigen Tagen stellte sie diese in den Räumen der evangelischen Kirche hinter der Antoniterkirche vor. Anlass war die Eröffnung der Wanderausstellung „Stolen Memory“, mit der an einen ganz praktischen Aspekt der Nazi-Verbrechen erinnert wird: Die in den Konzentrationslagern Inhaftierten mussten ihre Besitztümer abgeben. Diese wurden von den Nazi-Verantwortlichen sorgfältig registriert und aufbewahrt. Das KZ Buchenwald hatte eine sogenannte Effektenkammer, aber auch in Neuengamme und Dachau wurde das Eigentum der Inhaftierten und später zum überwiegenden Teil Ermordeten mit buchhalterischer Akribie vermerkt.
Arolsen Archives
„Die Sachen aus Neuengamme, dem KZ in Hamburg, fand die britische Armee auf einer Kegelbahn im Ort Lunden in Schleswig-Holstein. 1963 kamen sie zu uns ins Archiv“, berichtet Münster. In Bad Arolsen lagern Informationen zu 17,5 Millionen Menschen. Die Arolsen Archives sind ein internationales Zentrum über NS-Verfolgung mit dem weltweit umfassendsten Archiv zu Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Finanziert wird es von der Bundesrepublik Deutschland. Es gehört zum UNESCO‑Weltdokumentenerbe. Auf der Website, die mit einem Grimmepreis ausgezeichnet wurde, sind die Schicksale von Verschleppten und Inhaftierten per Animationsfilm miterlebbar. Noch 2000 Umschläge mit Besitztümern von Nazi-Opfern werden im Archiv aufbewahrt.

Stefan Hößl, Ankie Münster, Superintendent Markus Zimmermann und Martin Weiler (v.l.) öffnen den Ausstellungscontainer vor der Kulisse des Weltstadthauses.
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Viele Familien werden mithilfe von Freiwilligen gefunden. Vor zwei Jahren, zum 80. Jahrestag des Warschauer Aufstands, hatten die Archives eine große Öffentlichkeitskampagne gestartet. „In dem Zuge haben wir mehr als 30 Familien gefunden, denen wir die Sachen ihrer Vorfahren zurückgeben konnten.“ Insgesamt seien in den vergangenen zehn Jahren 1110 Rückgaben erfolgt. „Unser Archiv ist ein Mitmach-Archiv. Es lebt von der Beteiligung vieler.“

In ihrem Vortrag zeigte Anke Münster das Bild einer Angehörigen, die nach vielen Jahren die Brieftasche ihres Bruders wiederbekam, mit einem Foto von ihm.
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Münster weiß auch von einem Freiwilligen, dessen Job in der Automobilindustrie ihn zu Werken in ganz Europa führt. Er erzählte in einem Werk in Tschechien von einem Inhaftierten, der aus einem Dorf in der Nähe kam. Über den Einsatz eines tschechischen Kollegen konnte das Haus des verschleppten Inhaftierten gefunden werden. Tatsächlich lebten dort noch immer die Nachkommen seiner Familie.
Anke Münster hat den Container nun nach Köln gebracht, in dem Geschichten von Menschen nachzulesen sind. Er war schon in elf Ländern, an 300 Orten gibt es Plakatausstellungen.
In der NS-Zeit hing eine Hakenkreuz-Fahne dort, wo heute der Barlach-Engel in der Antoniterkirche hängt
Weshalb es der evangelischen Antoniterkirche besonders wichtig ist, gemeinsam mit der Melanchthon-Akademie Gastgeber der Ausstellung am zentralen Ort in Köln zu sein, erläuterte Martin Weiler, Presbyter der Gemeinde, der den erkrankten Pfarrer Herzberg vertrat, in seinem Grußwort: In der Antoniterkirche habe während der NS-Zeit eine Hakenkreuz-Fahne gehangen. Da, wo heute der Barlach-Engel hängt. „Wir fühlen uns daher besonders verpflichtet, das Erinnern lebendig zu halten.“
Für Superintendent Markus Zimmermann hat die Pflicht zur Erinnerung noch einen persönlichen Aspekt: Sein Großvater war als linksliberaler Katholik in Dachau inhaftiert, überlebte die Befreiung zwar, konnte wegen einer Krankheit das Lager aber gar nicht verlassen und starb im Alter von 33 Jahren. „Er gab die Lagerzeitung heraus und gab in seinem Beitrag vom 8. Mai 1945 der Hoffnung Ausdruck, dass sich die Menschen in Deutschland nie wieder von bösen Mächten verführen lassen würden.“
Innenstadt-Bürgermeisterin Julie Cazier sieht Erinnern als Pflicht aller Demokratinnen und Demokraten
Dass die Aktualität diesbezüglich nicht viel Hoffnung macht, betonte die Bürgermeisterin der Innenstadt, Julie Cazier, in einer starken Begrüßungsrede, in der sie an den Anschlag auf das Kölner NS‑Dokumentationszentrum erinnerte. Erst vor wenigen Tagen wurden alle drei Eingänge mit Buttersäure beschädigt. „Wir lassen uns nicht einschüchtern“, sagte Cazier und: „Die Erinnerung ist die gemeinsame Aufgabe aller Demokraten und Demokratinnen.“
Nun steht der „Stolen Memory“-Container im Herzen der Stadt an der Schildergasse. Stefan Hößl von der Melanchthon-Akademie, der die Eröffnungsveranstaltung moderierte, hat errechnet, dass bis zum Ausstellungsende etwa zwei Millionen Menschen an ihm vorbeilaufen werden. Im besten Fall bleiben sie stehen und machen hier eine besondere Pause von der Konsumwelt.
Und Anke Münster, die selbst in Köln lebt, hat noch einen Suchauftrag für die Kölner im Gepäck: Peter Severin Assemacher wird am 16.12.1915 als Sohn von Gertrud Assemacher geboren. Seine Adresse war Großer Griechenmarkt 118. Am 9. Februar 1943 wurde er im Polizeigefängnis Leipzig inhaftiert. Am 12. Februar 1943 wird er ins Konzentrationslager Dachau verschleppt, wo er unter der Häftlingsnummer 43587 registriert und der Häftlingsgruppe AZR (Arbeitszwang Reich) zugeordnet war. Er kam im Herbst 1944 nach Neuengamme. Es kann sein, dass er überlebt hat. Sein Schicksal ist nicht restlos geklärt. In den Arolsen Archives wartet sein Ring. Anke Münster würde ihn gerne den rechtmäßigen Besitzern zurückgeben.
Wer Hinweise zum Verbleib der Familie geben kann, möge sich bei der Redaktion melden. ksta-stadtteile@kstamedien.de. Weitere Informationen auf der Website des Archivs. arolsen-archives.org. Dort gibt es auch Bilder von Assemachers Ring: https://collections.arolsen-archives.org/de/search/topic/1-2-9-3_129300053?s=Assemacher
Begleitprogramm zur Ausstellung stolen memory
Der „Stolen Memory“-Container mit der Ausstellung der Arolsen Archives steht bis zum 24. November an der Antoniterkirche. Im Begleitprogramm sind folgende Veranstaltungen im Antonius-Saal des Citykirchenzentrums: 2. November, 18.30 Uhr: Filmabend „Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf“ über den im Mai 2026 verstorbenen Holocaust-Überlebenden, mit Gerda Dänekas4. November, 18.30 Uhr: Lesung und Gespräch „Warum habt ihr geschwiegen? – Kirche und „Judenfrage‘ im Nationalsozialismus9. November, 18 Uhr: Gedenkgottesdienst „Gedenke!“ in der Antoniterkirche16. November, 18 Uhr: Lesung und Nachfahrengespräch „Lesbisches jüdisches Leben: Lilli Wolff – Modedesignerin und Unternehmerin“ mit Klaus Driessen. Lilli Wolff führte bis 1938 ein Modegeschäft auf der Hohe Straße. 16. November, 15–17 Uhr: Stolpersteine – Rund um die Synagoge Roonstraße, Treffpunkt ist der Bücherschrank auf dem Rathenauplatz, Teilnahmegebühr 5 Euro, mit Petra Pluwatsch, Journalistin und Autorin
