Soufian Arrabhi ist Mitorganisator der Walking-Fußball-Mannschaft der Stiftung des 1. FC Köln.
Walking Football in KölnWie Soufian Arrabhi den Fußballplatz zum Ort der Begegnung macht

Soufian Arrabhi leitet die Walking-Football-Gruppe der FC-Stiftung.
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Ann TrauthSoufian Arrabhi läuft am Dienstagmorgen über den Trainingsplatz vor dem Franz-Kremer-Stadion. Gemeinsam mit seinem Co-Trainer Markus Mittmann baut der 30-Jährige Hütchen und Koordinationsleitern auf. Was zunächst nach einer gewöhnlichen Trainingsvorbereitung aussieht, lässt nicht erahnen, dass hier gleich eine etwas andere Art des Fußballs gespielt wird. Die beiden organisieren für die FC-Stiftung das Training im Walking Football, eine Fußballvariante, bei der nur Gehen erlaubt ist.
Arrabhi lebt mit feinmotorischen Einschränkungen, einer Sprachbarriere und Gangbildstörungen. Ärzte gehen bei ihm von einer Muskelschwäche aus, konnten bis jetzt aber keine Diagnose stellen. Er saß aufgrund seiner Beeinträchtigung in der Grundschule im E-Rollstuhl. „Ich konnte kaum gehen, ich bin oft hingefallen, also bekam ich einen Rollstuhl“, erklärt er. Er schaffte es, nach einigen Jahren durch regelmäßige Physiotherapie ohne Rollstuhl auszukommen. „Darauf bin ich in meinem Leben sehr stolz. Meine Physiotherapeutin hat mit mir hart trainiert und mich motiviert, ehrgeizig zu sein“, erzählt der 30-Jährige rückblickend. Er muss auch heute noch zwei Mal die Woche zur Physiotherapie. „Wenn ich drei Wochen lang nicht hingehe, merke ich, dass meine Muskulatur nachlässt und ich unsicherer auf den Beinen bin“.
Engagiert für Inklusion
Der gebürtige Kölner lässt sich davon nicht aufhalten, seiner Leidenschaft nachzugehen. Er spielt seit zehn Jahren in einer Inklusionsmannschaft Fußball und engagiert sich für Inklusion von Menschen mit Behinderungen im und durch den Sport. Er trainiert neben seiner Walking-Football-Mannschaft zusätzlich die Inklusionsmannschaft der FC-Stiftung im Jugendfußball.

Mittendrin ist der 30-Jährige auf dem Trainingsplatz am Geißbockheim.
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Die Mitglieder seiner Walking-Football-Mannschaft sind dankbar für das Trainingsangebot. Es ermöglicht ihnen, im Alter oder mit körperlichen Einschränkungen weiterhin ihrer Leidenschaft für den Fußball nachzugehen. Arrabhis Co-Trainer Mittmann schätzt die Arbeit mit ihm sehr. „Soufian übernimmt 80 bis 90 Prozent der Trainingsplanung“, sagt der 44-Jährige. „Ich schaue dann nochmal über das, was er mir geschickt hat und wir besprechen zusammen, wie wir das Training gestalten wollen.“ Im Training motiviert Arrabhi seine Trainingsgruppe und scherzt mit ihnen. Dieses Mal sorgt eine Passspielübung bei der Mannschaft für Verwirrung. „Nächste Woche suche ich euch eine Bambini-Übung raus“, lacht Arrabhi. Er fühlt sich in seiner Walking-Football-Mannschaft wohl und spielt regelmäßig mit. „Sie nehmen mich ernst und lassen mich meinen Spielzug zu Ende spielen, wenn ich am Ball bin“, erzählt er.
Arrabhi fühlte sich in Gruppen nicht immer so wohl. „Ich war nicht immer so positiv und selbstbewusst. Leute haben mich angeguckt und ausgelacht. Dadurch ist mein Selbstbewusstsein stark gesunken.“ Er baute sein Selbstbewusstsein über die Jahre selbst auf. „Irgendwann kam ein Punkt, an dem ich realisiert habe: In einem Ohr rein, im anderen raus. Immer weitermachen, egal was die Leute über mich denken.“
Arrabhi arbeitet seit dreizehn Jahren in einer Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigungen, in der Verpackungsarbeiten durchgeführt werden. Dort habe er sich lange Zeit unterfordert gefühlt, habe über die Jahre jedoch immer mehr Verantwortung bekommen. „Erst durfte ich Koordinations- und Kontrollaufgaben übernehmen. Jetzt darf ich neue Gruppenleiter einarbeiten und viele ihrer Aufgaben übernehmen“, berichtet er.
Stiftung finanzierte Trainerlizenz
Arrabhi nahm neben seiner Arbeit Weiterbildungsangebote seiner Werkstatt wahr. Dadurch half er bei Sportevents wie dem Köln-Marathon als Volunteer. Er nahm außerdem an Fortbildungen im Bereich Inklusionssport teil. Sein Engagement zahlte sich aus. Eine Sportlehrerin aus seiner Werkstatt wurde auf ihn aufmerksam und vernetzte ihn mit der FC-Stiftung. Er begann dadurch, seine beiden Mannschaften für die FC-Stiftung zu trainieren und erlangte vor Kurzem eine Trainer-C-Lizenz im Breitensport, die ihm die Stiftung finanzierte. Seit Anfang März macht er zusätzlich drei Tage die Woche ein Praktikum in der FC-Stiftung, bei dem er unter anderem ein Walking-Football-Turnier mitorganisiert. „Mein Selbstbewusstsein ist durch das Vertrauen meiner Gruppenleiter in der Werkstatt und durch die Arbeit mit der FC-Stiftung stark gewachsen“, erzählt er. Er habe über die Stiftung viele neue Leute kennengelernt, über seine Situation geredet und sei dadurch deutlich offener geworden.

Arrabhi mit Co-Trainer Markus Mittmann (r.)
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Die Arbeit an seinem Selbstbewusstsein bleibe trotz seiner Entwicklung ein andauernder Prozess. „Ich muss einen starken Willen haben. Ich kann nicht sagen, dass es mir nicht wehtut, wenn Leute mich schief anschauen. Ich muss mir selber immer wieder gut zureden“, offenbart er und fügt hinzu: „Selbstbewusstsein ist wie ein Muskel, der trainiert werden muss. So wie ich regelmäßig zur Physiotherapie gehe, muss ich mir selbst immer wieder gut zureden, mir einreden, dass ich nicht schüchtern sein muss.“
Sein Wunsch: Mehr Begegnungsmöglichkeiten
Arrabhi wünscht sich mehr Begegnungsmöglichkeiten zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. „Die Gesellschaft hat leider zu wenig Berührung mit Menschen mit Behinderung. Das kommt davon, dass man die Schulen, die Kindergärten trennt. Wo willst du denn Menschen mit Einschränkungen kennenlernen, wenn du nie Berührungspunkte hast?“, fragt er. Das merke er im Umgang mit anderen Menschen: „Ich werde aufgrund meiner Beeinträchtigung oft nicht ernst genommen und unterschätzt.“
Das Inklusionsangebot im Sport sei in den letzten Jahren gewachsen. Er sieht trotzdem noch Verbesserungspotenzial. Er plädiert für Veranstaltungen, bei denen gezielt Menschen mit und ohne Behinderung zusammenkommen. Er empfiehlt „auf Menschen mit Behinderungen zuzugehen, wenn sie schüchtern sind“.
Arrabhi leistet durch sein Engagement im Sport seinen Beitrag dazu. An diesem Dienstag spielt er bei seiner Walking-Football-Mannschaft mit. Er dribbelt, stellt sich frei, nimmt seinen Mitspielern im Zweikampf den Ball weg. Kurz vor Ende des Spiels donnert er den Ball in die obere Ecke des Tors. Seine Mitspieler jubeln, reißen ihre Arme in die Höhe und klatschen ihn ab. Arrabhi lacht.
