Der Gottesweg in Köln-Sülz war ihr Revier. Hier lebte und lachte Frau Schmitz. Ein ganz besonderer Mensch.
NachrufHoch das Glas auf Frau Schmitz, die Veedelsqueen vom Gottesweg

Liebte die Geselligkeit in ihrem Veedel: Ludwina Schmitz
Copyright: Regine Mombauer
Der Wandel im Veedel ist allgegenwärtig. An der Straße stehende Umzugswagen, Neueröffnungen oder Geschäftsaufgaben zeichnen ein Bild davon. Der Gottesweg in Sülz hingegen hat sich vor allem dadurch verändert, weil ein Mensch plötzlich nicht mehr da war. Die Frau Schmitz.
Wer sie nicht kannte, hat sie zumindest gesehen. Oder gehört. Denn Frau Schmitz lachte gern, genoss vom frühen Abend an bis meistens spät die Geselligkeit in einem der Lokale. „Sülzilien“, wie der Gottesweg auch wegen der zahlreichen italienischen Gastronomien genannt wird, war ihr Revier. Nachmittags stand sie am geöffneten Fenster ihrer Parterre-Wohnung. Das Kreuzworträtsel auf der Fensterbank diente lediglich der Tarnung. Wenn nicht ein Passant zum Klaaf und Tratsch stoppte, dann beobachtete Frau Schmitz genau, was sich rechts und links sowie gegenüber von ihr abspielte.
Frau Schmitz war keine echte Kölsche
Das Wort „Siedlungskontrolletti“ klingt zu negativ und wird ihr auch nicht gerecht. Vielmehr war sie eine Instanz, der man mit Respekt und zu ihrer Freude mit einem Glas Weißwein begegnete. Deshalb sagt auch Regine Mombauer über ihre Mutter: „Sie war die Veedelsqueen vom Gottesweg.“
Wer sie kannte, hätte geschworen, dass Frau Schmitz eine echte Kölsche sei. Irrtum. Zur Welt kommt sie am 1. März 1940 in einem kleinen Dorf bei Memmingen im Allgäu. Das älteste von sechs Geschwistern teilt das Schicksal vieler Kriegskinder: Mutter und Kinder versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen, der Vater ist bei der Luftwaffe im Einsatz. In den Nachkriegswirren verschlägt es die Familie ins Bergische Land. Ludwina Schmitz wächst in Kürten auf, in den 50er Jahren folgt ein Umzug nach Heidkamp in Bergisch Gladbach. Die Verbindung zum Allgäu bleibt jedoch bis zuletzt bestehen.
Nach der Schule absolviert Ludwina Schmitz eine Ausbildung als Fleischereifachverkäuferin, heiratet und bekommt eine Tochter und einen Sohn. In einer Zeit, in der es nicht der Norm entsprach, als Frau arbeiten zu gehen, macht sich Ludwina Schmitz selbstständig, eröffnet ein eigenes Fleischereigeschäft in Bensberg. Ihr Mann, ein gelernter Schreiner, der beim Chemie- und Rüstungsunternehmen Dynamit Nobel beschäftigt ist, sieht sich Mitte der 60er Jahre den damals typischen Vorwürfen ausgesetzt: „Wie kannst du deine Frau arbeiten lassen? Die hat doch Kinder.“

Ludwina Schmitz wurde 1940 im Allgäu geboren.
Copyright: Regine Mombauer
Doch das Paar lässt sich nicht beirren, vor allem Ludwina Schmitz ist mit einer Sturheit ausgestattet, „durch die viele Dinge sicherlich anders gelaufen wären“, sagt ihre Tochter. Hinter der heiteren Fassade der Frau Schmitz steckt auch ein Leben mit Brüchen.
Sie ist dreimal verheiratet. Die letzte Ehe macht aus Frau Kirch, die zuvor Kombüchen hieß, die Frau Schmitz und führt sie Mitte der 1980er Jahre ins Veedel nach Sülz. Nach dem Tod ihres Mannes zieht sie an den Gottesweg. Dort stirbt Lebensgefährte Nummer vier 2005 an Darmkrebs. Ludwina Schmitz pflegt ihn bis zuletzt.

Gefeiert wurde auch im Fleischwarengeschäft, das Ludwina Schmitz betrieb.
Copyright: Regine Mombauer
„Wenn ich meine Mutter so im Nachgang höre, dann war der Erwin Pfeiffer – also, an dem hat sie sehr gehangen“, sagt Regine Mombauer. Was blieb, war das Viertel. Dort war Frau Schmitz auch als hervorragende Köchin bekannt. Gern lud sie Nachbarn zum Essen ein, vor allem betagte Anwohner. Reste wurden in Tupperdosen gepackt und im Veedel verteilt. Stolz war Frau Schmitz auf ihre Enkelkinder, denen sie nach dem Abitur eine Reise nach Mallorca schenkte. Aber es ging nicht irgendwo an einen ruhigen Ort, wie man es für eine Großmutter erwarten könnte, sondern genau dorthin, wo die Party war. Zum Jahreswechsel reiste sie regelmäßig in die Dominikanische Republik – allein und begeistert von den Menschen dort. Auch den Karneval liebte sie: Tochter Regine – 2018 Prinz im Refrather Dreigestirn – nahm sie mit auf Sitzungen und Veranstaltungen.
Der Alltag hingegen spielte sich am Gottesweg ab. „Die ist doch nicht mehr ganz dicht“, flüsterte sie schon mal einer Kellnerin zu, wenn sie sich mit drei anderen Damen zum Abendessen traf. Die Lieblingslokale wechselten dabei, denn Frau Schmitz machte keine Kompromisse: Wer ihr zu nahe trat, dem entzog sie die Gunst – konsequent und endgültig. Gesprochen wurde darüber im Nachgang nicht – stattdessen wurde nach vorn gelacht, zuletzt am liebsten „beim Grischa“ im „Savoca“.

Tochter und Mutter, zwei Jecke unter sich: Regine Mombauer und Ludwina Schmitz.
Copyright: Regine Mombauer
Der Sturkopf der Frau Schmitz zeigte sich einmal mehr im September 2024. Trotz heftiger Schmerzen wollte sie zunächst nicht zum Arzt, sondern sprach von einem Apothekenbesuch. Doch diesmal zeigte sich die Tochter kompromisslos. Wenige Tage später wurde ein bösartiger Tumor im Bauchraum entdeckt, der binnen weniger Wochen explosionsartig anwuchs. Eine Bestrahlung brachte kurzzeitig etwas Linderung, konnte das Wachstum jedoch nicht aufhalten. Als die Ärzte nach der Bestrahlung auf Entlassung nach Hause drängten, zeigte sich die Entschlossenheit bei der Tochter: Regine – selbst Krankenschwester – erwirkte die Aufnahme in ein Palliativzentrum.
Frau Schmitz wusste, was auf sie zukam. Direkt über den Tod gesprochen habe sie nicht, sagt Regine. Aber als ihr Bruder Wolfgang sie am 8. Dezember besuchte – er hatte eine Reise in die Dominikanische Republik gebucht und verschwieg das –, sagte sie danach zu ihrer Tochter: „Ich hatte heute einen schweren, schweren Abschied. Ich glaube, ich sehe den nicht mehr wieder.“
Noch größer schien die Sehnsucht zum Gottesweg: „Ich will noch mal durchs Viertel ziehen“, sagte sie. Kurz vor dem Ende, im Palliativzimmer im 13. Stock, glaubte sie plötzlich, in Punta Cana zu sein. Als ihre Tochter widersprach, mobilisierte sie ihre letzten Kräfte, stand auf und schaute aus dem Fenster. Dann legte sie sich wortlos wieder hin.
Frau Schmitz starb am 29. Dezember 2024 im Alter von 84 Jahren. „Ich hatte zwei Engel als Kerzen auf dem Tischchen brennen, aus der Box lief ,My Way‘ von Frank Sinatra“, sagt Regine Mombauer. „Und in dem Moment, als meine Mama heimgeschlafen ist, fiel plötzlich von einem Engel der Flügel ab. Das kannst du keinem erzählen.“
