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Uniklinik KölnSeelsorgerin auf der Intensivstation gibt Einblicke in ihre Arbeit – ein Besuch

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Die Pfarrerin Caroline Schnabel ist eine von sieben hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern an der Uniklinik Köln.

Caroline Schnabel ist eine von sieben hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern an der Uniklinik Köln.

Pfarrerin Caroline Schnabel bietet emotionale Unterstützung für Patienten, Angehörige und medizinisches Personal.

„Mitaushalten“ ist ein Wort, das nicht im Duden steht. Aber es ist ein Wort, mit dem Caroline Schnabel ihren Beruf beschreibt. Wenn ein Arzt sie nachts anruft, weil in seinem Dienst ein Kind im Sterben liegt, ist sie da. Genauso, wenn eine Familie sich am Krankenhausbett von einem geliebten Menschen verabschiedet oder sich eine schwerstkranke Patientin fragt: „Warum?“. 

Die 36-Jährige arbeitet als Klinikseelsorgerin in der Uniklinik Köln. Sie gehört zu einem Team von sieben hauptamtlichen Seelsorgenden, deren Ziel es ist, Personal, Patientinnen und Patienten, sowie Angehörige emotional zu entlasten. Meistens passiert das durch persönliche Gespräche, zu denen die Seelsorgenden gerufen werden. In Zusammenarbeit mit Seelsorgenden anderer Kliniken ist rund um die Uhr jemand für Notfälle erreichbar.

Heute ist Schnabel auf der internistischen Intensivstation im Einsatz. 14 Betten gibt es dort, in allen von ihnen geht es ums Überleben. Die wöchentliche Ethik-Visite ist im Gange und Schnabel ist ein fester Teil davon. Mit einer Gruppe aus Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften läuft sie von Zimmer zu Zimmer. Neben der Besprechung von Faktoren wie Blutwerten oder Medikamenten hat die Visite eine weitere zentrale Frage, wie die Klinikseelsorgerin erklärt: „Ist das, was medizinisch getan wird, im Sinne des Patienten?“. Hat Schnabel bereits Kontakt zu den Erkrankten oder den Angehörigen, kann sie manchmal wertvolle Hinweise geben. Sonst ist die Visite eine Gelegenheit für sie, zu sehen, wo Hilfe gebraucht werden könnte.

Beatmungsschläuche sind vor einem intubierten Patienten in einem Intensivbett-Zimmer zu sehen.

Auf der Intensivstation betreut Caroline Schnabel nicht nur Patientinnen und Patienten, sondern auch Angehörige und das medizinische Personal.

Ein Patient sitzt auf der Bettkante und spricht mit seiner Frau, bunte Zeichnungen und Fotos seiner Enkel sind an die Glaswand vor ihm geklebt. Die Stimmen des medizinischen Teams, das sich vor seinem Zimmer bespricht, mischen sich mit dem rhythmischen Piepsen der Maschinen. Die Gruppe wirft sich Fachbegriffe zu, die Schlechtes bedeuten: Der 69-jährige Patient hat Krebs und eine Lungenentzündung.

Eine Chemotherapie könnte den tödlichen Verlauf der Krankheit laut den Ärzten ausschließlich verzögern, und wäre eine große Belastung. Die Alternative wäre es, den Verlauf der Krankheit nicht mehr medizinisch zu bekämpfen, sondern vor allem Symptome zu lindern – aber ob das auch wirklich bei dem Ehepaar angekommen ist? Ein Arzt bittet die Seelsorgerin um Hilfe. „In solchen Fällen ist es nicht meine Aufgabe, Antworten aus den Leuten herauszubekommen. Durch das Gespräch mit mir können sie aber manchmal ihre Gedanken besser sortieren“, erklärt Schnabel.

Die hauptamtlichen Klinikseelsorgenden sind katholisch und evangelisch, begleiten jedoch unabhängig von Religion. „Wir kümmern uns um die spirituelle Dimension des Menschen, also darum, was ihm Sinn und Halt gibt. Darüber kann man mit fast allen ins Gespräch kommen.“ Mit ihrem persönlichen Glauben hält sich die Pfarrerin erst einmal zurück. Falls gewünscht, betet Schnabel auch mit den Menschen, segnet sie oder singt mit ihnen. „Das wollen manchmal auch Personen, die nicht christlich sind.“

Krankenschwestern betreuen in einem Krankenhaus einen Patienten auf einer Intensivstation.

Wenn Angehörige um ihre Liebsten bangen oder sich von ihnen verabschieden müssen, stehen Seelsorgende ihnen zur Seite. (Symbolbild)

Grundsätzlich gilt für die Gespräche: „An erster Stelle möchte ich entlasten. Ich lasse mich auf das ein, was mein Gegenüber beschäftigt.“ Anders als bei einer Sitzung mit einem Psychologen, gibt es in der Seelsorge also kein „Therapieziel“. Die Methoden der beiden Felder ähneln sich an vielen Stellen trotzdem. Seelsorgende wissen unter anderem, wie Betroffene in Krisen mit den richtigen Worten oder Praktiken wie Atemübungen emotional stabilisiert werden können. 

Seit sechs Jahren ist Schnabel an der Uniklinik tätig und absolviert parallel eine Ausbildung zur systemischen Therapeutin. Wie Seelsorge geht, lernte Schnabel während ihres Theologiestudiums und während des Vikariats, also der praktischen Ausbildung zur Pfarrerin. Schnell merkte sie, dass dort ihr Interesse liegt: „Mein Herz schlägt für den Kontakt mit Menschen.“  

Das Spektrum der Klinikseelsorge geht über die Arbeit auf den Stationen hinaus. Auch Gedenkfeiern für Verstorbene gehören dazu. Dreimal im Jahr werden Sternenkinder bestattet, einmal im Jahr die Angehörigen von Menschen in die Klinik eingeladen, die ihren Körper der medizinischen Forschung zur Verfügung gestellt haben.

Während der Ethik-Visite klingelt das Telefon des Oberarztes. Es ist die Mutter eines jungen Mannes, der als Teenager mit einer schweren Blutvergiftung auf die Intensivstation kam und mehrere Gliedmaßen verlor. Heute geht es ihm gut, und die Familie ist immer noch mit dem Team in Kontakt. Schnabel führte damals viele Gespräche mit seiner Mutter, begleitete sie über mehrere Wochen. „Nach der Einlieferung war vieles unklar. Ich habe mit ihr auf Ergebnisse gewartet und mit ihr diese Unklarheit ausgehalten. Bestimmt war es tröstlich für sie, zu wissen, dass sich noch andere so für ihren Sohn interessieren“, erinnert Schnabel sich.

Auch aktuell liegt ein junger Mann auf der Intensivstation. Nach einem Suizidversuch ist er bewusstlos und wird über einen Schlauch beatmet. Dass er aufwacht, ist laut den Ärzten unwahrscheinlich. Auch seiner Familie möchte Schnabel sich in den kommenden Tagen vorstellen und ein Gespräch anbieten. „Ich merke hier jeden Tag, wie schnell sich das Leben ändern kann“, sagt die Seelsorgerin. „Das ist natürlich eine Belastung, ständig damit konfrontiert zu sein. Einzelne Geschichten beschäftigen mich immer wieder. Vor allem die, bei denen es um Kinder geht.“

Sorge um Zukunft der Seelsorge

In solchen Extremsituationen blickt Schnabel mit Bewunderung auf die behandelnden Ärztinnen und Ärzte, sowie Pflegefachkräfte. Sie steht auch dann zur Seite, wenn sie Angehörigen schlechte Nachrichten überbringen müssen. „Ich erlebe viele einfühlsame Patientengespräche, das beeindruckt mich oft sehr. Wenn ich dabei bin, kann es für die Ärztinnen und Ärzte beruhigend sein zu wissen, dass ich danach für die Leute da bin“, sagt die Seelsorgerin. 

„Zugleich habe ich den Eindruck, dass viele Beschäftigte im medizinischen Bereich ihre eigenen Emotionen und Belastungen eher beiseiteschieben, um funktionieren zu können. Als Klinikseelsorgerin gebe ich mir deshalb Mühe, nach belastenden Einsätzen auch auf die Mitarbeitenden noch einmal zuzugehen und zu fragen, wie es ihnen geht.“

Finanziert wird die Klinikseelsorge größtenteils von den christlichen Kirchen. „Das gibt uns in unserem Handeln eine große Freiheit. Wir sind nicht den wirtschaftlichen Zwängen des medizinischen Systems unterworfen, können uns auf allen Ebenen der Klinik bewegen und uns unsere Zeit frei einteilen. Wenn eine Familie in einer Krise viel Begleitung braucht, können wir das schnell und unkompliziert organisieren“, erklärt Schnabel. „Ich bin sehr froh, dass die Kirchen sich trotz sinkender Kirchensteuerzahlen Klinikseelsorge leisten. Sie dienen damit der ganzen Gesellschaft.“

Das Seelsorgeteam bekommt Unterstützung von sechs Ehrenamtlichen, die jeweils einmal pro Woche im Einsatz sind. „Ein wertvoller Dienst“, sagt Schnabel. Ersetzen könnten Ehrenamtliche die hauptamtlichen Seelsorgenden mit geistlicher Ausbildung aber nicht, da letztere fest in die Strukturen der Klinik eingebunden sind. „Das macht mir natürlich Sorgen, weil überall Stellen eingespart werden müssen und sich zugleich immer weniger Menschen für ein Theologiestudium entscheiden.“

Die Kapelle der Uniklinik

Dutzende Leute rauschen gehetzt an der Seelsorgerin vorbei, als sie die Intensivstation nach der Visite verlässt, um in der Klinikkapelle nach dem Rechten zu schauen. In dem modern eingerichteten Raum ist es im Gegensatz zu dem Treiben im Bettenhaus der Uniklinik ganz still. Ein Mann sitzt auf einem Teppich und betet. Gottesdienste finden hier nicht statt, diese werden in der wenige Minuten entfernten Klinik­kirche angeboten.

„Für viele ist dieser Raum sehr wichtig, egal ob zum Beten oder nur dafür, um zur Ruhe zu kommen“, sagt Schnabel über die Kapelle. In einem Ordner haben Gäste die Möglichkeit, Wünsche und Danksagungen aufzuschreiben, er ist prall gefüllt. „Danke, dass mein Weg hier nicht geendet hat, sondern wieder beginnt“, steht darin. Die Seelsorgerin nickt: „Ja, das löst mein Beruf in mir aus: Dankbarkeit und Demut.“