In der katholischen Kirche Deutschlands wird über den Weg zu Reformen gerungen. Aber sprechen Bischöfe und Laienvertreter über die richtigen Themen? Fragen an Irme Stetter-Karp, die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.
Katholische LaienMuss die Kirche mehr vom Glauben reden, Frau Stetter-Karp?

„Strukturen sind nicht um ihrer selbst willen da“: Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.
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Die Deutsche Bischofskonferenz hat vor kurzem einen neuen Vorsitzenden gewählt, den Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer. Wie schätzen Sie ihn ein?
Die wichtigste Baustelle von Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken ist der Synodale Prozess. Ich kenne Heiner Wilmer als jemanden, der engagiert auf dem Synodalen Weg unterwegs war und sich auch nach seiner Wahl dazu bekannt hat. Ich sehe, dass er vermittelnd auftritt. Dass er Brücken bauen will zwischen der Mehrheit der Bischöfe und denen, die ausgestiegen waren. Und ich hoffe, dass ihm das gelingt.
Vier Bischöfe waren ausgestiegen, von denen drei immer noch Angehörige der Bischofskonferenz sind. Einer von ihnen, Stefan Oster aus Passau, hat an der letzten Synodalversammlung teilgenommen. Er hat seine abweichende Meinung zu vielen Punkten kundgetan, aber er war dabei. Ist das ein Signal? Motto: Wir haben unterschiedliche Meinungen, aber wir sind uns wenigstens einig, auf welchem Forum wir sie austauschen?
Das kann ich mir schon vorstellen. Nach der letzten Synodalversammlung in Stuttgart hat Bischof Oster in einem Interview gesagt, er könne sich vorstellen, mitzuwirken. Wir werden das sehen, wenn die Satzung für den Synodalen Prozess von Rom bestätigt worden ist. Wir rechnen damit, denn im Vorfeld ist das gut abgestimmt worden. Wir erwarten jetzt mit Vorfreude dieses Signal.
Mit der Bestätigung rechnet auch Bischof Wilmer. Wenn sie kommt, glauben Sie, dass auch die beiden anderen Aussteiger, Rainer Maria Kardinal Woelki aus Köln und Rudolf Voderholzer aus Regensburg, wieder mitmachen?
Ich könnte mir die Rückkehr der beiden Bischöfe vorstellen. Für die Katholikinnen und Katholiken in Deutschland wäre es ein wichtiges Zeichen, dass Reform und Gemeinschaft zusammen gehen.
Unabhängig von einer Approbation aus Rom gibt es grundsätzliche Einwände gegen den Synodalen Prozess. Einer kommt von dem Bonner Kirchenrechtler Norbert Lüdecke: Machen die Bischöfe einer großen Zahl von Gläubigen nicht etwas vor, wenn sie sich zum Beispiel auf Gespräche über das Diakonat der Frau einlassen? Lüdecke sagt: Das wird nicht kommen, da werden Leute in die Irre geführt.
Solche Entscheidungen über das Diakonat der Frau oder gar über das Priesteramt für Frauen fallen auf Ebene der Weltkirche. Das war uns auch immer bewusst. Es geht hier nicht um einen Sprint, sondern um eine lange Strecke. Wir haben immer wieder deutlich gemacht als ZdK, dass wir hier ungeduldig sind. Einerseits aus gesellschaftspolitischen Gründen: Als Bürgerinnen und Bürger eines demokratischen Staates, sind wir es gewohnt, dass die Menschenrechte für alle gelten. Andererseits auch hinsichtlich der jüngeren Entwicklung in der Theologie. Wir haben dazu auf dem Synodalen Weg ein umfassendes Papier erarbeitet. Die Frage, ob es bei dieser Diskriminierung von Frauen bleiben kann, bleibt nun einmal auf dem Tisch. Wir sprechen darüber auch mit internationalen Partnern und versuchen Wege zu öffnen. Wir sind absolut nicht allein mit dieser Frage.
Wie schätzen Sie die Haltung von Papst Leo XIV. dazu ein? Meines Wissens lehnt er ein Weihepriestertum für Frauen ab.
Es ist schwierig, ihn in dieser Frage schon nach dem ersten Amtsjahr festzulegen. Er hat verschiedene Signale gesendet. Er hat aber von Anfang an deutlich gemacht, dass er den synodalen Kurs in der Weltkirche, den Papst Franziskus eingeleitet hat, fortsetzen will. Alle, die ihn kennen, rechnen damit, dass er das in einer neuen, strukturierten Weise tun wird und auch den Apparat im Vatikan entsprechend aufstellt. Durch erste Personalentscheidungen hat er deutlich gemacht, dass er Frauen in Nicht-Weiheämtern gezielt fördern will, auch im Vatikan. Das ist ein positives Signal, aber es bleibt unsicher, ob er weiter Schritte gehen will, wie wir sie vorschlagen.
Frauen in Führungspositionen fördern, die nicht mit der Weihe verbunden sind, so etwas würde Ihnen auch Kardinal Woelki unterschreiben.
In der Tat, das ist nichts Neues. Ich selbst war 14 Jahre lang Ordinariatsrätin in Freiburg. Das ist alles gut und recht, aber es reicht aus unserer Sicht nicht hin.
Als oberste Laienvertreterin kommen Sie sicher viel im Land herum. Wie sehr bewegen solche Fragen, die im Synodalen Prozess diskutiert werden, eigentlich die Leute an der Basis? Haben die nicht ganz andere Sorgen?
In der Tat, bei der letzten Synodalversammlung gab es Momente, wo auch ich durchaus kritisch kommentiert hätte: Schaut auf die Gemeinden! Andererseits haben wir zum Abschluss gemeinsam mit der Bischofskonferenz einen Flyer aufgelegt, auf dem alle Ergebnisse des Synodalen Weges kurz gefasst aufgearbeitet wurden. Das haben wir den Gemeinden zur Verfügung gestellt, und wir mussten sofort eine zweite Auflage drucken. Das zeigt mir, dass es doch gelungen ist, in die Breite zu gehen.
In den Debatten auf dem Synodalen Weg ging es nicht einfach um Strukturen, sondern um den Weg der Kirche.
Als Bischof Wilmer sich nach seiner Wahl vorstellte, hieß es in vielen Kommentaren: Der redet ungewöhnlich viel vom Glauben. Das ist mir aufgefallen: Es gilt als ungewöhnlich, wenn ein Bischof so etwas tut. Zeigt er damit einen Weg? Müsste nicht mehr vom Glauben und weniger von Strukturen gesprochen werden?
Ich würde beides verbinden. In den Debatten auf dem Synodalen Weg ging es nicht einfach um Strukturen, sondern um den Weg der Kirche. Um ihre Glaubwürdigkeit, ihre Zukunftsorientierung, den offenen Blick nach vorne. Die Strukturen sind nicht um ihrer selbst willen da. Die Frage, wie eine offene und missionarische Kirche in Zukunft die Menschen gewinnen kann, ist eng verbunden mit der Frage, ob ihre Sprache verstanden wird und wie sie es mit den Menschenrechten hält. Fordert sie die nur nach außen, oder richtet sie sich im Inneren danach aus? Wir müssen also vom Glauben und von den Strukturen sprechen.
Wir haben ein paar Mal den Namen Woelki gestreift. Wie schätzen Sie die Lage im Erzbistum Köln ein?
Es ist nicht unsere vordergründige Aufgabe, die Entwicklung in einzelnen Bistümern zu kommentieren. Ich sehe auch keine neue Entwicklung, zu der ich etwas sagen müsste. Ich sage nur, was ich allen Bischöfen sage: Wer jetzt zaudert und zögert, wer nach hinten schaut statt nach vorn, der bremst nicht nur einen Prozess, den wir auf dem Synodalen Weg begonnen haben, sondern ich denke, er wird auch den Herausforderungen dieser Zeit nicht gerecht. Und die Austrittszahlen sind ein Beleg dafür.
Ich habe nach Köln gefragt, weil es immer heißt: Wenn es in so einem großen Bistum Probleme gibt, beeinträchtigen sie die katholische Kirche in Deutschland insgesamt.
Wir haben zwei Bilder von Kirche: Einerseits treten 300.000 bis 500.000 Menschen pro Jahr aus. Das ist ein ernstes Signal einer Krise, die nicht beendet ist. Andererseits sind kirchliche Dienstleistungen, auch karitative, nachgefragt wie nie. Wir haben also eine Kirche, die lädiert ist, aber auch eine Kirche, die in Zukunft weiter gefragt wird, auch in ihrem Engagement für Demokratie und Gerechtigkeit.
In Rom liegt eine kirchenrechtliche Anzeige gegen Woelki vor, über deren Behandlung innerhalb von 30 Tagen hätte entschieden werden sollen. Nichts ist passiert. Das bremst einen Bischof doch aus, oder?
In der Tat: Ich bedauere, dass es in der Sache bis heute keine Entscheidung gibt.
Sie sprachen eben vom kirchlichen Engagement für Demokratie. Wie kann die Kirche mit der AfD umgehen?
Ich freue mich sehr, dass sich die Deutsche Bischofskonferenz klar zur AfD positioniert hat. Ich selbst habe mich im Sommer 2022 dazu erklärt, und bei dieser Linie bleiben wir als ZdK: Wir betrachten wir die Mitgliedschaft in einer Partei, die in Fragen von Demokratie und Menschenwürde gegen christliche Werte votiert, als unvereinbar mit der Mitgliedschaft in kirchlichen Gremien und Laienorganisationen. Diese Positionierung von Bischöfen und Laien ist sehr wichtig. Angesichts von Ergebnissen wie fast 19 Prozent für die AfD bei der baden-württembergischen Landtagswahl ist es wichtig, die Wählerinnen und Wähler zu begleiten und zu sagen, was aus dem Evangelium heraus wichtig ist.
Es gibt allerdings einige politisch sehr weit rechts stehende Menschen, für die Katholizismus offenbar attraktiv ist. JD Vance etwa oder Peter Thiel. Oder in Deutschland der AfD-Politiker Maximilian Krah. Wie kann das sein?
Ich habe schon, als ich noch beruflich im kirchlichen Dienst stand, immer wieder die Erfahrung gemacht, dass manche Themen ein Einfallstor bieten. Etwa kirchliche Positionierungen in der Familienpolitik. Da gibt es zwar Bewegung, aber es gibt auch eine Polarisierung. Und das führt manche Katholiken in die Versuchung hinein, zu sagen: Solche Rechtsaußen-Vertreter sind Partner für uns, die schützen ja die Familie. Umso mehr müssen wir mit Menschen sprechen, die die Geister nicht mehr unterscheiden – das wird auch eine Aufgabe des Katholikentages in Würzburg sein.
Dürfen in Würzburg AfD-Leute aufs Podium, diskutieren Sie mit denen?
Es bleibt bei der Linie, die wir schon in Stuttgart und Erfurt verfolgt haben: Wir laden keine Mandatsträgerinnen und Mandatsträger der AfD ein, sie kommen nicht auf unsere Podien. Der Katholikentag bietet ihnen also keine Bühne. Wir wissen aber auch, dass nicht wenige Katholikinnen und Katholiken AfD wählen. Wir grenzen sie nicht aus, wir suchen die Debatte mit ihnen. Aber es gibt keine Mitwirkung für AfD-Mandatsträger.
