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Interview

75 Jahre Kiepenheuer & Witsch
Ein Verlag feiert seine Geschichte

5 min
Kerstin Gleba - Kiwi-Geschäftsführerin

Kerstin Gleba der Geschäftsführerin von Kiepenheuer & Witsch

Vielfalt und neue Stimmen stehen im Zentrum bei Kiepenheuer & Witsch, während Frauen zunehmend Führungspositionen in der Buchbranche besetzen.

Die Gründung von Kiepenheuer und Witsch war schon im Jahr 1948   es wird aber erst jetzt der 75. Geburtstag gefeiert.

Die Gründungsgeschichte ist ein wenig kompliziert. 1948 haben Joseph Caspar Witsch und Gustav Kiepenheuer beschlossen, einen gemeinsamen Verlag zu gründen, in Hagen, in der britischen Besatzungszone. Ende 1949 ist Gustav Kiepenheuer gestorben, Joseph Witsch ist nach Köln gegangen. Wir haben schon 2001 beschlossen, das Jubiläum in Bezug auf das Jahr 1951 zu feiern: als der Verlag in das Handelsregister in Köln eingetragen wurde und auf der Frankfurter Buchmesse die ersten Bücher vorgestellt wurden.

Darunter ist eines meiner Lieblingsbücher: „Désirée“ von Annemarie Selinko, das mir meine Mutter gegeben hat, als ich 12 oder 13 war.

Ich habe es auch als Jugendliche von meiner Mutter bekommen. Es ist ein Buch, das in meiner Erinnerung geblieben ist und bei mir dazu geführt hat, dass ich eine Paris-Obsession hatte: Ich bin als 16-Jährige durchs aktuelle Paris gegangen und habe das Damals aus dem Roman und das Heute miteinander verglichen.

Sie sind seit mehr als 30 Jahren im Verlag. Gibt es Momente, von denen Sie sagen: Da wäre ich gerne dabei gewesen?

Ich hätte unheimlich gerne Heinrich Böll kennengelernt. Er war für mich als Jugendliche ein sehr wichtiger Autor, sein Roman „Frauen vor Flusslandschaften“ war das erste Hardcover, das ich mir kaufte. Ich hätte ihn gerne selbst erlebt: als Schriftsteller, als jemand, der sich politisch einmischte und der für den Verlag auch ein literarischer Ratgeber war, indem er junge Stimmen zum Verlag brachte.

Und Highlights aus Ihrer Zeit?

Das ist natürlich schwierig ...

…weil Sie niemandem auf die Füße treten wollen ...

Genau! Aber ein besonderes Ereignis, das auch in dieser Dimension nicht wiederholbar ist, war, die Erinnerungen von Angela Merkel herauszugeben. Da ist man als Verlag dabei, wie Geschichte geschrieben wird. Wir können sehr stolz sein, dass wir das wirklich fantastisch hinbekommen haben: diese vertrauensvolle, aber auch sehr verschwiegene Zusammenarbeit, das Buch bis zur Veröffentlichung geheim zu halten und dann zeitgleich in 30 Ländern erscheinen zu lassen.

Das war ein echter Coup! Wie ist der Kontakt zustande gekommen?

Es gab im „Spiegel“ ein Porträt über Angela Merkels sehr im Hintergrund agierende politische Beraterin Beate Baumann. Beate Baumann hat in diesem Interview natürlich bewusst gedroppt, dass die Kanzlerin und sie planen, ein Buch zu schreiben. Ich habe mich dann in einem Brief an sie gewandt, und das war der Anfang der Geschichte. In vielen Gesprächen hat man dann geschaut: Passt das? Wie sind die Erwartungen? Was können wir bieten?

Und das Buch ist dann zudem ein großer Erfolg geworden. Gibt es heute eigentlich noch Autoren oder Autorinnen wie Heinrich Böll, die das Zeug haben zu einer, ich nenne es mal, „Überfigur“?

Zunächst einmal möchte ich sagen, dass diese Stimmen nachwirken, obwohl sie nicht aktuell sind. Deshalb sind Böll oder auch Günter Wallraff für uns schon ein bisschen die Säulenheiligen des Verlags, was gesellschaftskritisches und gesellschaftspolitisches Engagement angeht. Und gleichwohl haben Sie natürlich vollkommen recht: Es ist heute eine ganz andere Landschaft. Für mich als Verlegerin ist es wichtig, dass wir eine Vielfalt von Stimmen veröffentlichen und wir immer wieder dafür sorgen, dass auch Positionen zu Gehör kommen, die Impulse setzen, die Perspektiven erweitern und auch mal zum Blickwechsel einladen.

Wer wäre das unter anderem?

Ein paar Beispiele: Eva Menasse, die eine fantastische literarische Autorin ist und dabei auch eine pointierte politische Essayistin. Oder Maxim Biller, der mit seinen Essays und seiner Literatur den Verlag prägt. Sophie Passmann, die ganz aktuelle Sachbücher schreibt und aus der Perspektive einer jungen Frau auf die Gesellschaft blickt. Oder auch Aladin El-Mafaalani, der bei Themen wie Bildungsungerechtigkeit, Integration oder soziale Schieflagen im Land eine ganz wichtige Stimme ist. Wir haben diese Stimmen. Sie sind, glaube ich, nicht mehr ganz so durchdringend in der gesamten Breite, weil einfach durch die Digitalisierung, die Zersplitterung der Medienlandschaft in algorithmus-getriebene Filterblasen der frühere Lagerfeuermoment in gesellschaftlichen Debatten fehlt.

Die Buchbranche ist generell „sehr weiblich“. Als Journalist treffe ich etwa in den Pressestellen überwiegend auf Kolleginnen. Doch erst in den letzten Jahren zeigt sich das auch in den Führungsebenen der Verlage.

Ich würde sagen: endlich! Das ist schon auffällig gewesen. Lange Jahre war Antje Kunstmann die Galionsfigur in der Branche, aber jahrzehntelang auch fast die einzige Frau, die einen Publikumsverlag führte.

Sind die Frauen in der Branche untereinander vernetzt?

Vor 30 Jahren, als ich im Verlag angefangen habe, gab es noch Netzwerke oder Initiativen wie „Bücherfrauen“. Das war interessant und hilfreich. Heute ist es anders, aber wir tauschen uns immer noch über unsere Erfahrungen aus, was auch damit zu tun hat, dass eine Frau Dinge anders erlebt als ein Mann. Ich würde sagen, dass dieser Wechsel von einer überwiegend männlichen zu einer jetzt auf jeden Fall zahlreichen weiblichen Verlegerschaft ein schöner Emanzipationsprozess ist. Dass man wenig darüber spricht, heißt, dass da auch vieles selbstverständlich geworden ist. Und da wollen wir ja eigentlich hin.

Als Sie 2019 die Leitung von Helge Malchow übernommen haben, sagten Sie der Rundschau über Ihre Ziele, dass Sie unter anderem versuchen wollen, dass die bisherigen Autorinnen und Autoren dem Verlag treu bleiben. Gab es Abgänge, die Sie verschmerzen mussten?

Zum Glück nicht, im Gegenteil. Unsere Autorin Sibylle Berg ist 2019 mit ihrem Roman „GRM“ zu KiWi zurückgekehrt. Das war ein wunderbares Zeichen ihres Vertrauens, das mich persönlich besonders freute. Was mir auch wichtig ist: Sowohl hinter Helge Malchow als auch hinter mir stand und steht ein ganzes Haus, und man kann gar nicht überbetonen, von welcher Bedeutung das ganze Team für den Erfolg eines Verlags wie Kiepenheuer & Witsch ist.

Auch ich hatte ja schon zwei Jahrzehnte lang das Programm mitgeprägt, schon unter Helge Malchows Leitung konnte ich die Bücher machen, die ich machen wollte. Wenn ich 2019 gesagt hätte, jetzt machen wir alles mal ganz anders, hätte ich zuvor, glaube ich, ziemlich viel verschlafen.

Im Rahmen der lit.Cologne feiert der Verlag Kiepenheuer und Witsch sein Jubiläum mit einer Reihe von Veranstaltungen, an den sich Autorinnen und Autoren des Hauses in unterschiedlichen Konstellationen beteiligen. Überraschend ist zum Auftakt des Festivals am 7. März das Aufeinandertreffen von Julian Barnes und Robert Habeck, die sich über die Themen Wahrheit und Dichtung unterhalten wollen. Am gleichen Abend sprechen Adriana Alteras, Maxim Leo und Dana von Suffrin über „jüdische Familien. Ebenfalls in Köln, um KiWi zu feiern: Nick HornbyEva Menasse, Thomas Hettche, Christoph Kramer oder auch Rick Zabel. Aktuelle Info zu verfügbaren Tickets unter www.litcologne.de