Bei einem Podiumsgespräch berichten Zeitzeugen von ihren Erlebnissen nach der Atomkatastrophe und den Folgen.
„Einfach weg“Zeitzeugen erinnern in Köln an Tschernobyl-Katastrophe

Die Teilnehmer am Zeitzeugen-Podiumsgespräch über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.
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Ein Erlebnis wird Anatolii Gubariev sein Lebtag nicht vergessen. Kurz nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wurde er als sogenannter Liquidator mobilisiert. So hießen die etwa 600.000 bis 800.000 Einsatzkräfte, die die Folgen des Unfalls in der damals zur UdSSR gehörenden Ukraine eindämmen sollten. Einem Feuerwehrbataillon zugeteilt, machte Gubariev sich in Charkiw auf den Weg. Etwa 150 Kilometer vor Tschernobyl, auf einem Rastplatz, kam ihm ein Moped entgegen, auf dem junge Eltern mit ihrem Baby saßen. Alle drei waren in Plastikfolie eingehüllt; auf dem Gepäckträger war die Habe verstaut. Auf die Frage, wohin sie wollten, sagte der Mann: „Wir wissen es nicht, einfach weg.“ Weg aus dem verstrahlten Gebiet. Da sei ihm klar geworden, „dass mein ruhiges und geregeltes Leben zu Ende war“, sagte Gubariev am Mittwochabend im VHS-Forum am Neumarkt.
Der 65-Jährige gehörte zu den vier Zeitzeugen und -zeuginnen, die am Podiumsgespräch „40 Jahre Tschernobyl. Erinnerungen, Folgen, Lebenswege nach der Katastrophe“ teilnahmen. Veranstaltet wurde es vom Verein „Hilfe für Tschernobyl-geschädigte Kinder“ in Kooperation mit der Volkshochschule; die Moderation übernahm Dozentin Alexandra Eul. Die Nuklearkatastrophe war der schwerste Unfall in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie.
In der Nacht zum 26. April 1986 explodierte der Reaktor 4 des Atomkraftwerks in der Nähe der ukrainischen Stadt Prypiat, sodass große Mengen an Radioaktivität freigesetzt wurden. Vor allem Gebiete in der Ukraine, in Belarus und in Russland wurden kontaminiert. Bei der Explosion starben nach Angaben der sowjetischen Behörden 31 Kraftwerksmitarbeiter und Feuerwehrleute.
Kritik an mangelnden Informationen zur Katastrophe
Das Tschernobyl-Forum der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) kam 2005 zu dem Schluss, die Gesamtzahl der auf den Unfall zurückzuführenden Todesopfer liege bei 4000. Andere Schätzungen gehen von weitaus mehr Toten aus. Gubariev, der seit 1989 als Tschernobyl-Invalide anerkannt ist, sprach von einer „unabhängigen Quelle“, der zufolge in den 20 Jahren nach der Havarie 120.000 Menschen an den Folgen der Strahlung gestorben seien. Von seinem 356 Mann starken Feuerwehrbataillon lebten heute weniger als 50. Nach einem Löscheinsatz im Kraftwerk sei er in einen komatösen Schlaf gefallen. Am nächsten Tag habe die Hälfte der Mannschaft gefehlt, abgeholt von Rettungswagen. Fünf Jahre lang habe die Sowjetunion die Informationen zur Katastrophe geheimgehalten.
Vom Mangel an Informationen sprach auch Sviatlana C., die seinerzeit in einem Dorf etwa 30 Kilometer von Tschernobyl entfernt lebte und wenige Stunden vor der Explosion ihren zweiten Sohn zur Welt brachte. Die Wirkung der radioaktiven Strahlung habe man an den 300 bis 400 Kühen des landwirtschaftlichen Betriebs in der Gegend beobachten können: Die Wirbelsäulen hingen durch, die Haut löste sich vom Körper ab, und bald waren alle Tiere tot. Mit ihrer Familie wurde die junge Mutter in eine Kleinstadt in Belarus umgesiedelt: „Wir wurden aus unserem alten Leben gerissen.“ Ihr Mann wurde jahrelang im Katastrophengebiet zur Dekontamination eingesetzt und starb mit 41 Jahren. Sie selber hat schwere Krebserkrankungen hinter sich. Ihre beiden Söhne haben ebenfalls gesundheitliche Probleme.
Vermeintlich heile Welt im Ferienlager
Natalia Brouwers war zehn, als das Reaktorunglück geschah. Zusammen mit ihrer Schwester und anderen Kindern wurde sie von Katschanka, das circa 80 Kilometer von Tschernobyl entfernt liegt, vorzeitig in die Sommerferien geschickt, ohne dass der wahre Grund dafür genannt worden wäre. Sie kam in ein Ferienlager auf der Krim, wo heile Welt gespielt wurde. Jodtabletten, die dazu dienen, die Schilddrüse vor radioaktivem Jod zu schützen, habe sie ahnungslos ausgespuckt, sagte die 49-Jährige, die heute in Köln wohnt. Zwar hätten die Kinder gemerkt, dass „etwas nicht stimmt“, jedoch nicht darüber gesprochen. Zahlreiche ehemalige Mitschüler und -schülerinnen von Natalia Brouwers sind im Alter von 20 bis 30 Jahren gestorben.
Olena Melnyk hat die Katastrophe und ihre Folgen als Ärztin an einem medizinischen Institut in Charkiw erlebt. Von der Havarie habe sie zuerst über „Radio Free Europe/Radio Liberty“ erfahren. Unzählige Kinder, die der Bestrahlung ausgesetzt waren, hat sie untersucht. 1991 gründete sie ein Rehabilitationszentrum mit; seitdem sammelte sie viele Erkenntnisse, die der Verbesserung der Behandlung zugutekamen. Nach ihrer Erfahrung würden auch niedrige Dosen ionisierender Strahlung nicht folgenlos bleiben, könnten etwa genetische Störungen hervorrufen. Deshalb sagte sie: „Meine Haltung zur Atomenergie ist negativ.“ Auch Gubariev erteilte deren Nutzung eine Absage: „Praktisch jeden Tag hören wir, dass Atomenergie umweltgerecht, sicher und billig ist. Irgendwie vergisst man die Kehrseite der Geschichte.“
