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„Ein bisschen schlechter“Wie Michel Houellebecq die Welt nach Corona sieht

3 min
Houellebecq Kopie NEU

Der französische Autor Michel Houellebecq

Köln – „Ein bisschen schlechter“ heißt Michel Houellebecqs aktuelles Buch, und der Titel umreißt die Welt nach Corona. Mögen manche Optimisten auf Selbstbesinnung in der Pandemie und ein wiedererwecktes Bewusstsein für die wahren Werte hoffen, so spielt das französische Enfant terrible da nicht mit. Covid-19, so der Autor, beschleunige lediglich die ohnehin angeschobenen Vereinzelungs- und Vereinsamungskräfte der digitalen Revolution. Eine bahnbrechende Erkenntnis? Eher nicht.

So geht es einem leider allzu oft bei der Lektüre dieses „neuen“ Werks, dessen Vorworte, Essays und Interviews zum Teil schon einige Jährchen auf dem Buckel haben. Die grimmige Dystopie seines genialen Romans „Unterwerfung“, in dem sich das moralisch ausgehöhlte Abendland widerstandslos der islamistischen Tugend-Diktatur überließ, ist in diesem Sammelsurium weit, weit weg.

„Donald Trump ist ein guter Präsident“

Inzwischen weiß man ja, dass sich der 1958 geborene Autor als gebranntes Kind der 60er-Jahre-Libertinage empfindet und dieser ein höchst konservatives Weltbild entgegensetzt. Das beginnt gleich im ersten Text. Der Konservative, so Houellebecq, werde anders als der Revolutionär „nichts besonders Heroisches an sich haben, doch er ist, das ist einer seiner Vorzüge, ein sehr ungefährliches Individuum“. Willkommen in der Hängematte.

Da überrascht dann auch der provokant klingende Magazinbeitrag „Donald Trump ist ein guter Präsident“ nicht wirklich. Der Intellektuelle bezweifelt einigermaßen kühn schon die weltrettende Wirkung des US-Eintritts in den Zweiten Weltkrieg. Über seine folgende Misserfolgsliste amerikanischer Militäreinsätze von Vietnam über den Irak bis Afghanistan dürfte es kaum Debatten geben, so dass ihm Trumps Verweigerung neuer Konflikte schon als pazifistischer Akt erscheint.

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Eine „wohltuende Frische“ bescheinigt der Franzose der wirtschaftspolitischen Praxis, unliebsame Handelsverträge einfach zu zerreißen, und Trumps Brexit-Ermutigung gefällt dem EU-Verächter Houellebecq ohnehin ausnehmend gut. Außer einer aparten Abweichung vom Meinungs-Mainstream hat diese „Analyse“ freilich wenig zu bieten, vor allem gebricht es ihr an Nuancen und Facetten.

Alles in allem seltsam schaumgebremst

Selbst der sonst verlässliche Furor in Sachen Islam wirkt in dieser Text-Kollektion seltsam schaumgebremst. Die stärksten Lebenszeichen senden da noch die Gespräche, etwa mit dem Kollegen und Literaturkritiker Frédéric Beigbeder. Darin bekennt Houellebecq, dass ihm bei „Let it be“ die Tränen kommen und er bei Schuberts „Hirt auf dem Felsen“ mitten im Konzert laut aufschluchzte. Der „Bad Boy“ als Gefühlsmensch, dem an Äußerlichkeiten wenig liegt: Beigbeder erinnert sich, wie der Gast nach einem Abendessen sein Gebiss auf dem Tisch vergaß und die Berliner Filmfestspiele weitgehend zahnlos erlebte.

Zur Person

Michel Houellebecq wurde am 26. Februar 1958 auf der französischen Überseeinsel Réunion geboren, wuchs aber in Frankreich auf. Seine ersten Romanerfolge waren „Ausweitung der Kampfzone“ und „Elementarteilchen“, die letzten international beachteten Werke hießen „Unterwerfung“ und „Serotonin“. Für „Karte und Gebiet“ erhielt er 2011 den Prix Goncourt. (EB)

Die Bandbreite der Essays und Interviews reicht vom Klischee-Tourismus bis zur Sterbehilfe, im Zentrum steht zweifellos die Religion. „Ich bin katholisch in dem Sinn, dass ich dem Schrecken einer Welt ohne Gott Ausdruck verleihe“, sagt der Autor über sich. In einem langen Dialog mit Geoffroy Lejeune geht es darum, wie die katholische Kirche ihren alten Glanz wiederherstellen könnte. Houellebecq glaubt, sie habe sich „vom Protestantismus kontaminieren lassen und einen lange Selbstmordprozess in Gang gesetzt“. Wie kann er gestoppt werden? Indem man der Vernunft weniger Wert beimesse. Denn der Mensch sei „vor allem ein Wesen des Fleisches und des Gefühls“.Und er selbst erklärt: „Ich glaube an die Möglichkeit eines begrenzten Himmelreichs. Ich glaube an die Liebe.“ Nun kann es Weihnachten werden.

Michel Houellebecq: Ein bisschen schlechter. Neue Interventionen. Essays, aus dem Französischen von Stephan Kleiner. DuMont, 206 S., 23 Euro.